Neue SZ-Serie: Stimmen aus Syrien Der alltägliche Wahnsinn des Krieges

Trübes Land: Die Stadt Kuneitra in der Nähe der israelisch-syrischen Grenze ist während des Jom-Kippur-Krieges 1973 zerstört und seitdem nicht wieder aufgebaut worden.

(Foto: Ronen Zvulun/Reuters)

Wie es um ein Land steht, erkennt man vielleicht am besten, wenn man seine Irrenhäuser besucht. Die SZ hat syrische Autoren gebeten, aus ihrem vom Krieg zerrissenen Land zu erzählen.

Gastbeitrag von Adel Mahmoud

Über Syrien wird viel geschrieben: Kriegsverlauf, Geopolitik, Fluchtursachen. Aber wie sehen die Syrer selbst ihr Land? Wir haben Schriftsteller und Intellektuelle in Syrien gebeten, uns Texte und Gedanken zu schicken, so offen wie möglich, so vorsichtig wie nötig. Einer von ihnen ist der 1946 in Latakia geborene Journalist und Schriftsteller Adel Mahmoud, der seit 50 Jahren in Damaskus lebt. Er hat 15 Bücher geschrieben, die meisten davon über den Krieg. Sein neuestes Werk, "Ein Stück Hölle in diesem Paradies", wird gerade ins Französische übersetzt. Für seinen ersten Roman "Bis zur Ewigkeit und einem Tag" wurde er in Dubai mit einem Literaturpreis ausgezeichnet. Die Szenen, die er für uns schreibt, sind Fragmente einer zerbrochenen Wirklichkeit, die einzig der Wahnsinn eint.

Als der libanesische Bürgerkrieg sich zu einem israelisch-syrisch-libanesischen Krieg ausgeweitet hatte und die Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln so kritisch war, dass die Syrer bei allen Anlässen Geschenke austauschten - winzige Mengen Kaffee oder eine Packung Papiertaschentücher oder ein paar Aspirintabletten -, besuchte ich als Journalist eine psychiatrische Klinik. Während mein Kollege und ich durch den Garten der Anstalt spazierten, sagte einer der Patienten zu mir: "Sie wirken sehr arm. Ich werde Ihnen einen Scheck ausstellen."

Daraufhin zog er einen Notizblock aus der Tasche und schrieb: An die Bank von Kuneitra, zur Auszahlung von 100 Lira an den Überbringer. Das Papier stempelte er mit dem Kronkorken einer Limonadenflasche und unterzeichnete es. Wir dankten ihm und entfernten uns, doch er rief uns nach: "Hätten Sie vielleicht eine halbe Lira, ich habe keine Zigaretten mehr?"Die Stadt Kuneitra auf den Golanhöhen war damals von den Israelis besetzt, sodass kein Weg bestand, diesen Scheck einzulösen. Ich trage ihn bis heute bei mir.

25 Jahre später. Der Krieg ist in Syrien angekommen, die Irrenanstalt liegt in der Nähe der Kampfzone. Eines Tages traf ich einen Arzt, der dort arbeitete und gerade erst aus Frankreich zurückgekehrt war.

Ich fragte ihn: Mit welchem Modell ließe sich der Wahnsinn der Syrer dieser Tage veranschaulichen? Er dachte nach und sagte dann, einer der Patienten zeichne mit Kreide einen Strich auf den Betonboden im Flur der Anstalt und fordere seine Mitinsassen auf, unter dem Strich hindurchzugehen. Wer es schafft, ist frei. Nach einer Stunde seien die Köpfe, die Gesichter und Kinne von allen blutig und ihre Zähne ausgeschlagen.

Eine Luxuslimousine voller Drogen

Philemon Wehbe, einer der bedeutendsten libanesischen Sänger und Komponisten, berichtet, er habe immer die schöne Natur geliebt, die Nervenheilanstalt habe mitten darin, im Libanon-Gebirge, gelegen. So sei er oft zu diesen von Bäumen beschatteten Fluchten gewandert und habe einen Spaziergang um die Anstalt unternommen. Und wenn ihm dabei eine Eingebung für eine Liedzeile kam, fing er an, sich mit den Fingern rhythmisch auf die Brust zu klopfen.

"Die gelben Blätter des Monats Elul unter den Fenstern / erinnern mich an Blätter aus gewalztem Gold / Erinnern mich an dich." So sang er aus einem berühmten Lied von Fairuz, der legendären libanesischen Sängerin, zu einem Text des Dichters Joseph Harb.

In diesem Zustand wurde er einmal von einem der Patienten innerhalb der Maschendrahtumzäunung angesprochen: Warum machst du diese Bewegungen? Philemon sollte sich erklären: Ich komponiere ein Lied und bewege die Finger nach der Melodie und dem Rhythmus. Worauf der geistesgestörte Mann auflachte und sagte: So haben wir alle angefangen.

An der Grenze zwischen zwei mittelöstlichen Staaten kommt vor dem Polizeiposten eine Luxuslimousine zum Stehen, ein Mercedes neuesten Modells. Der Fahrer lässt die Seitenscheibe herunter und zeigt einen Abgeordnetenausweis vor. In diesem Augenblick stürzt ein Hund herbei, wie ein Wolf im Kino, und schlägt lautstark an, um anzuzeigen, dass in dem Wagen Drogen versteckt sind. Die Beamten aber wagen nicht, die Limousine zu durchsuchen. Der Hund bellt immer wütender, reißt sich von seiner Kette los und rennt auf das Fahrzeug zu, sodass der Offizier gezwungen ist, eine Durchsuchung des Wagens anzuordnen. Und tatsächlich ist dieser voller Drogen. Es ist eine Szene wie im Tollhaus: ein aufgebracht brüllender Abgeordneter und ein protestierend zurückbelfernder Hund.

Aus dem Arabischen von Markus Lemke

Süddeutsche Zeitung Meinung Geflüchtete ohne Zuflucht

Krieg in Syrien

Geflüchtete ohne Zuflucht

Die Menschen, die gerade aus der syrischen Provinz Daraa fliehen, sind nirgendwo erwünscht. Im Angesicht der Tragödie dort ist das Wort "Asyltourismus" unaussprechbar.   Von Carolin Emcke