Literatur und Antisemitismus:Endzeitpanorama

'Antisemiten sind immer die anderen' aus der Reihe 'Echtes Leben'

Die Synagoge von Halle war 2019 an Jom Kippur das Ziel eines Terroristen.

(Foto: SWR/obs)

"Der Halle-Prozess: Mitschriften" dokumentiert den Prozess gegen den Terroristen, der 2019 die Synagoge von Halle angriff. Das 1000-seitige Buch ist eines der wichtigsten in diesem Herbst.

Von Felix Stephan

Der Metapherndruck ist groß in Frankfurt, wo die Buchmesse gerade inmitten eines landesweiten Sturms stattfindet. Das Laub auf den Straßen windet sich turmhoch, die Verleger klagen weimarianisch über ausbleibende Papierlieferungen, der Welthandel gerät ins Stocken, die Inflation ist vielleicht doch nicht vorübergehend, in Berlin formt sich eine neue Regierung, und ein junger rechtsradikaler Verlag bietet in seinem Programm praktische Hinweise zur Abschaffung der Demokratie feil. Eine flirrend expressionistische Atmosphäre ergibt das, die leider vor genau 100 Jahren von Jakob von Hoddis in seinem Gedicht "Weltende" schon letztgültig eingefangen wurde.

Ohne Antisemitismus kommen Endzeit-Panoramen in Deutschland ja nicht aus, deshalb fügt sich auf feinherbe Weise ein Buch in die Tagesstimmung, das am Donnerstagabend erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: "Der Halle-Prozess: Mitschriften", ein Buch, das auf dokumentarische Weise von einem der umfangreichsten Terrorismusprozesse der an umfangreichen Terrorismusprozessen nicht eben armen jüngsten Geschichte Deutschlands erzählt.

An Jom Kippur im Jahr 2019 versuchte ein junger Neonazi, in die Synagoge in Halle einzudringen, um dort so viele Menschen wie möglich zu ermorden. Im Jahr 2020 wurde ihm daraufhin der Prozess gemacht. Allein 80 Nebenkläger hatten sich angemeldet, insgesamt waren mehr als zwanzig Anwälte beteiligt. Kurz vor Weihnachten wurde der Terrorist zu lebenslanger Haft und Sicherheitsverwahrung verurteilt.

In Frankfurt gab der Verlag an, dass die Mitschriften nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt wurden

Zwei Aktivisten und ein Politikwissenschaftler haben für das Buch jeden einzelnen Verhandlungstag im Saal verfolgt und Mitschriften angefertigt. Am 15. November erscheinen sie in einem fast tausendseitigen Band beim Leipziger Verlag Spector Books. Weil die Tonaufnahmen des Verfahrens noch 30 Jahre unter Verschluss sein werden, wird dieses Konvolut bis auf Weiteres die einzige Dokumentation des Verfahrens sein, die öffentlich zugänglich ist.

In Frankfurt gab der Verlag an, dass die Mitschriften nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt wurden, aber natürlich gebe es ein subjektives Moment, die jedem Schreibakt inhärent sei. Mitunter würden Stimmungen und Atmosphären im Saal vermerkt, die ein anderer Protokollant womöglich anders empfunden hätte. Den dokumentarischen Charakter des Texte schmälert das kaum. Auch die Mitschriften, die der ehemalige Richter Josef Perseke 1963 beim Frankfurter Auschwitz-Prozess angefertigt hat, sind heute selbstverständlich Teil der zeithistorischen Forschung.

In Frankfurt gab es nun eine Kostprobe von dem Personal, das in Magdeburg aufgetreten ist und das sich jetzt in diesem Buch wiederfindet: Nebenkläger, die präzise Fragen zur Arbeit der Ermittlungsbehörden stellen und von der Holocaust-Vergangenheit ihrer Familie erzählen; einer Vergangenheit, die bei dem Anschlag mit all ihrer verheerenden Macht wieder über sie hereingebrochen ist. Außerdem die Familie des Täters, die fast vollständig von ihrem Auskunftverweigerungsrecht Gebrauch macht, nur ein Ex-Freund der Halbschwester hat das Wort ergriffen. Seine Aussage zeichnet das Bild von einer Familie in der sogenannten Mitte der Gesellschaft: Die Mutter des Terroristen arbeitete als Ethiklehrerin an einer Grundschule. Schon jetzt, vier Wochen vor ihrer Veröffentlichung, sind diese Mitschriften eines der wichtigsten Bücher dieses Herbstes.

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