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Start des 65. Filmfestivals von Cannes:Erst der Quatsch, dann die Kunst

Und los: Bereits vor der offiziellen Eröffnung gelingt in Cannes der erste große PR-Stunt. Sacha Baron Cohen nimmt als Diktator Aladeen die Huldigungen der Paparazzi entgegen. Nicht gerade das, was das Festival eigentlich möchte. Schließlich soll es um die Filmkunst gehen, und hier darf man tatsächlich gespannt sein.

Tobias Kniebe, Cannes

Das Carlton-Hotel in Cannes, erbaut im gleißenden Zuckerbäckerstil der Côte d'Azur, hat zwei Ecktürme mit auffälligen runden Kuppeln. Die Legende besagt, dass diese nach den Brüsten von Caroline "La Belle" Otero geformt sind, einer legendären Kurtisane aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

65. Cannes Film Festival - Sacha Baron Cohen

Sacha Baron Cohen als Admiral General Aladeen vor dem Carlton Hotel in Cannes: ein PR-Stunt, erfolgreich, aber beim Festival unwillkommen.

(Foto: dpa)

Welcher Ort könnte passender sein für Sacha Baron Cohen und sein durchgeknalltes, notgeiles Alter Ego, den großen Diktator Admiral General Aladeen? Momentan macht er nicht nur die Kinos unsicher, sondern auch das Filmfestival von Cannes. Das Carlton jedenfalls hat diesem ruchlosen Machthaber erlaubt, seinen Haupteingang mit überlebensgroßen Porträts seiner bärtigen Exzellenz zu verzieren, komplett mit Paradeuniformen, Säbeln und sibirischen Tigern.

Am Mittwochmorgen taucht der demokratische Präsident auf Lebenszeit, unbesiegbare und über alles triumphierende Kommandant, der geliebte Unterdrücker und rücksichtslose Beschützer des Volkes von Wadiya dann persönlich auf - beim Shopping auf dem Rücken eines Kamels, gefolgt von zwei schwerbewaffneten Leibwächtern. Er nimmt die Huldigungen der Paparazzi entgegen, die sich erwartungsgemäßig um die absurden Bilder reißen.

Anschließend tritt er der Weltpresse gegenüber und dankt dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen für seine "Untätigkeit": "Das erlaubt meinem Freund Assad, in Syrien zu machen was er will." Das sitzt. Kleiner Zusatzgag am Rande: Das Carlton gehört tatsächlich zur Zeit einem arabischen Potentaten, nachdem der Vorbesitzer - die Investmentbank Morgan Stanley - sich das Ding letztes Jahr einfach nicht mehr leisten konnte.

Ein wesentlich subtilerer Humor

Das Festival goutiert solche PR-Stunts natürlich nicht - sie lenken von der Filmkunst ab, die hier eigentlich im Mittelpunkt stehen soll. General Aladeen überschattet die Eröffnungsgala, wo ein wesentlich subtilerer Humor gefeiert wird: Wes Andersons nostalgisch-theatralische Version einer Teenagerliebe in den Sixties, "Moonrise Kingdom". Immerhin bietet er in den Nebenrolle einige Stars auf, die zur Unterstützung angereist sind: Bruce Willis, Bill Murray, Edward Norton, Frances McDormand, Tilda Swinton.

So zeigt die Eröffnung wieder einmal das Spannungsfeld, das Cannes so einzigartig macht: Medienrummel, Luxusgesprotze und niedrige Instinke auf der einen, Anspruch, künstlerische Komprossmislosigkeit und das Ringen um neue Ausdrucksformen auf der anderen Seite. So wird es auch in den kommenden zwölf Tagen weitergehen.

Mit Spannung erwartet zum Beispiel "On the Road", die Verfilmung des quintessentiellen Beat-Generation-Romans von Jack Kerouac. Francis Ford Coppola besaß jahrzehntelang die Filmrechte, traute sich dann aber doch nicht ran. Der Brasilianer Walter Salles hatte weniger Bedenken und fand schließloch drei junge, fast unbekannte Schauspieltalente, mit denen er quer durch Amerika reisen wollte: Garrett Hedlund, Sam Riley und Kristen Stewart.

Aber wie das so ist: Das Geld für solche Experimente ist nicht so schnell aufzutreiben, die jungen Talente entwickeln sich weiter - und zwischendrin spielte Kristen Stewart in gleich fünf ominösen Vampirfilmen mit, die sie als schmachtende Bella leider weltberühmt machten. Aus wars mit der Idee, quasi unerkannt durch die USA zu reisen und dabei zu filmen. Auf dem Roten Teppich von Cannes hilft ihre neue Berühmtheit nun allerdings wieder sehr.

Ein Ausblick auf das Programm 2012

Auch ihr "Twilight"-Partner und Lebensgefährte Robert Pattinson nutzt seinen Starruhm inzwischen, um Filmkunst zu machen - er stand für David Cronenbergs Wettbewerbsfilm "Cosmopolis" vor der Kamera und wird ebenfalls auf dem Roten Teppich auftauchen. Auch hier liegt ein Roman zugrunde, diesmal von Don DeLillo: Ein Banker der Superreichen, der in ein Occupy-ähnliches Chaos in Manhattan gerät und an einem einzigen Tag seinen völligen Ruin erlebt. Stars, die sich an schwierige Stoffe wagen und auf noch nicht etablierte Regisseure setzen - dieses Muster setzt sich dann auffällig fort:

[] Nicole Kidman, Zac Efron und Matthew McConaughey spielen in "Paperboy", dem neuen Film des "Precious"-Regisseurs Lee Daniels, eine Mordgeschichte im Florida der Sechzigerjahre.

[] McConaughey taucht ebenso in "Mud" auf, diesmal an der Seite von Reese Witherspoon. Da geht es um eine Flucht durch Arkansas, Regie führt Jeff Nichols, der gerade erst mit "Take Shelter" Aufsehen errregt hat.

[] Brad Pitt unterstützt nach "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" zum zweiten Mal den Australier Andrew Dominik, mit dem Film "Killing Them Softly".

[] Mit John Hillcoat nimmt sich ein weiterer Australier der amerikanischen Mythen an, hier der Prohibition. Er konnte als Star das "Transformers"-Milchgesicht Shia LaBeouf gewinnen.

[] So unterschiedliche Figuren wie Kylie Minogue, Eva Mendes und Denis Lavant haben sich zusammengefunden, um mit dem franzöischen Extrem-Romantiker Leos Carax "Holy Motors" zu machen - seinen ersten Film seit 13 Jahren.

[] Isabelle Huppert, die Grande Dame des französischen Autorenfilms, legt sich gleich zweifach ins Zeug: Einmal für den Österreicher Michael Haneke und desssen "L'Amour", eine Liebesgeschichte im Alter inklusive Demenz und Tod; und dann auch für den Koreaner Hong Sang-Soo, für den sie "In Another Country" gedreht hat.

Die Liste ließe sich noch fortsetzen - aber nicht alle Filmemacher, die im Wettbewerb vertreten sind, setzen auf die Präsenz von Stars. Der Italiener Matteo Garrone mit "Reality", der Iraner Abbas Kiarostami mit seiner Japan-Exkursion "Like Someone in Love", der Brite Ken Loach mit der Whiskykenner-Komödie "Angel's Share" oder der Österreicher Ulrich Seidl mit seiner Sextourismus-Studie "Paradies: Liebe" vertrauen nicht auf bekannte Gesichter, sondern allein auf ihre Geschichten. Und oft hat Cannes schon bewiesen, dass diese Strategie im Wettbewerb um die Goldene Palme am Ende sogar erfolgreicher sein kann.

© Süddeutsche.de/ihe/pak

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