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65. Filmfestival Cannes:Ungelenk bis zur Perfektion

Die Besten ihres Fachs sollen wieder einmal eine exzentrische Welt mit Leben füllen: Tilda Swinton, Bruce Willis, Bill Murray und Edward Norton eröffnen mit dem romantischen Drama "Moonrise Kingdom" am Abend die Filmfestspiele von Cannes. Eine Begegnung mit dem Regisseur Wes Anderson.

Tobias Kniebe, Cannes

Das Grand Théâtre Lumière fasst mehr als 2000 Zuschauer, und bei der Eröffnungsgala von Cannes ist es voll besetzt. Wes Anderson, der noch nie dort war, hört das in diesem Moment zum ersten Mal. Es gefällt ihm nicht. "Danke für diese Information", sagt er. "Jetzt ist mein Albtraum perfekt."

65th Cannes Film Festival - Moonrise Kingdom

Die Besten ihres Fachs, die eine exzentrische Welt wieder einmal mit Leben füllen: Bill Murray, Frances McDormand, Edward Norton und Bruce Willis in Wes Andersons "Moonrise Kingdom" (von links nach rechts).

(Foto: dpa)

Man beeilt sich zu erwähnen, dass das Publikum dieser Soireen recht großzügig ist, hinterher spendiert der Franzose auch gern mal zehn Minuten Standing Ovations. Aber an diesem Vormittag im ehrwürdigen Claridge's Hotel in London - Cannes liegt noch ein paar Wochen in der Zukunft - wirkt Wes Anderson trotzdem verstört. Er ist, um es mal so zu sagen, kein Stadionrocker. Sein Kino braucht Clubatmosphäre.

Dabei macht schon der Trailer seines neuen Films Moonrise Kingdom, der Cannes eröffnen wird, breitwandig gute Laune. Man sieht da Bruce Willis im Uniformhemd, einen Sheriffstern auf der Brust, schüttere Haartolle, ernste Miene. Frances McDormand in einer dicken Strickjacke, ein Megafon an den Lippen. Bill Murray mit nackter Wampe und karierten Hosen, eine schwere Axt über der Schulter: "Ich such mir 'nen Baum, den ich umhacken kann", brummt er.

Dazwischen immer wieder Bilder von goldgetönten Wiesen, Pfadfinder errichten ein Zeltlager, Wälder, einsame Meeresbuchten, Indian-Summer-Farben auf einer Insel vor der Küste Neuenglands. Viele Menschen leben hier nicht, aber doch genug für eine Ménage-à-trois und allerlei andere Verwicklungen.

Es sind erkennbar die Besten ihres Fachs, die Wes Andersons exzentrische Welt wieder einmal mit Leben füllen. Aber sie sind diesmal doch nur Support für die beiden Hauptdarsteller: Sam und Suzy. Sam ist ein Pfadfinder mit einer gewaltigen Mütze aus Waschbärfell, wachen Knopfaugen hinter einer Hornbrille, äußerst gewissenhaft im Kartenlesen und auch im Zeltaufbau.

Mit zwölf in die Wildnis

Als er Suzy zum ersten Mal sieht, wird er allerdings zum Rebellen. Suzy ist ernst und schmal, mit dickem Kajalstift um die Augen, sie trägt ein seltsames schwarzes Kostüm. "Was für ein Vogel bist du?", fragt Sam. "Ein Rabe", sagt Suzy. Sam und Suzy werden abhauen und zusammen in die Wildnis gehen, als Mann und Frau. Sie sind beide zwölf Jahre alt.

Diese beiden Figuren sind im Grunde auch mein Publikum", sagt Wes Anderson. "Vor allem Suzy liebt Abenteuerromane, sie flieht damit aus dem Alltag. Und ich fand immer, dieser Film sollte wie ein Buch werden, das Suzy gern lesen würde - eine Geschichte, die ihre Sehnsucht nach Drama und Romantik erfüllt. So kam dieser kindliche Blick ins Spiel, dieses Naive und Altmodische. Auf einmal wurde es auch sehr amerikanisch. Wir haben uns tatsächlich von Bildern des Malers Norman Rockwell inspirieren lassen - altmodischer und amerikanischer geht's ja kaum."

Wes Anderson, wie er hier so redet, ist selbst eine Art Wes-Anderson-Figur. Das honigfarbene Haar ist in der Mitte gescheitelt, es fällt beidseitig glatt bis auf die Höhe des Kinns. Das ovale Gesicht dazwischen ist blass und völlig faltenfrei, seine 43 Jahre sieht man ihm nicht an.

Entwaffnender Perfektionismus

Er trägt einen hellbraunen Cordanzug, ultraschmal und zwei Nummern zu klein geschnitten. Das Stück, stellt sich heraus, ist maßgefertigt und in groben Zügen auch von ihm selbst entworfen, wie fast all seine Kostüme und Sets. Und man kann darauf wetten, dass er auch auf die Auswahl seines hellblauen Pullovers große Sorgfalt verwendet hat, ebenso für das rotweiß-karierte Hemd, dessen Kragenrand nur gerade so aus dem Pullover hervorschauen darf.

Die Gegenwart eines Menschen, der eine derart präzise Vorstellung von sich selber hat, ist in gewisser Weise beruhigend. Dasselbe Gefühl kennt man aus seinen Filmen: Sie haben eine unglaublich präzise Vorstellung von dem, was sie sind. Liebe und Sorgfalt sind da spürbar, auch Perfektionismus - der aber nicht ausschließend und bedrängend wirkt, sondern fast entwaffnend.

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