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"Starboy" von The Weeknd:Kim Kardashian hat die Fäden in der Hand

Ein neuer Gefangener im Spiegelkabinett der Kim Kardashian: Abel Makkonen Tesfaye alias The Weeknd.

(Foto: pr,dpa; Bearbeitung SZ.de)

Das neue Album von R'n'B-Hoffnung The Weeknd zeigt: Im Pop wirkt eine geheime Macht, die alles nach ihrem Willen formt.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

Ein wildes Jahr geht zu Ende, und es ist wieder Zeit für die Inventur. Was ohne groß nachzuzählen klar ist: 2016 hat ordentlich schlechte Nachrichten geliefert. Trotzdem darf man aber nicht vergessen, wie amüsant dieses Jahr auch sein konnte.

Besonders herrlich: Die Sache mit Supertramp und den versteckten Hinweisen auf den 11. September. Und weil in diesen trüben Tagen kaum etwas die Stimmung so hebt wie eine fein konstruierte Dummheit - hier ein weiterer Hinterzimmer-Deal aus der Welt des Pop: Es gibt eine geheime Macht, die alles kontrolliert, die den Lauf der Dinge lenkt und das ganze Musik-Business nach ihrem Willen formt.

Diese geheime Macht heißt Kim Kardashian, und ihr jüngstes Opfer muss der kanadische R'n'B-Sänger The Weeknd sein. Denn anders lässt sich dessen neues Album "Starboy" (Republic Records/UMG) nicht erklären.

Aus dem Geheimtipp ist "Starboy" geworden

The Weeknd - genauer: Abel Makkonen Tesfaye - war einmal eine große Hoffnung des jüngeren R'n'B. 2011 veröffentlichte er eine Reihe von EPs, Musik aus der schwärzesten Stunde der Nacht, eine Parade der Schatten, die Wahrnehmung bis ins Surrealistische verschoben. Aus dem Bruch mit den bis dahin geltenden R'n'B-Konventionen, den Kanye West und Drake ein paar Jahre zuvor vollzogen hatten, war ein gänzlich eigener und neuer Sound und Pop-Ansatz erwachsen. The Weeknd stand für ein neues Männerbild, eine neue Verletzlichkeit, eine neue Kaputtheit.

Abel Makkonen Tesfaye war ein Gespenst, ein zeitweise obdachloser (so will es wenigstens die Legende) Nobody aus Toronto, der sich zum anonymen Geheimtipp hochspielte. Heute - fünf Jahre, drei Alben und ein Victoria's-Secret-Model später - ist er ein "Starboy".

Das dritte Album von The Weeknd hat alles, was Popmusik gerade so braucht: einen stolpernden Trap-Beat, Autotune und allerlei andere Stimmspielereien und ein paar anerkannte Gaststars für den künstlerischen Tiefgang.

So ist der Titeltrack eine Zusammenarbeit mit dem französischen Robo-Disco-Duo Daft Punk. Nur klingt dieser Daft-Punk-Song überhaupt nicht nach Daft Punk. Das große Problem von "Starboy", dem Song, ist damit auch das große Problem von "Starboy", dem Album: In seiner totalen Gegenwärtigkeit ist es gänzlich charakterlos. Man schlittert durch sumpfig-warme Produktionen, der Beat wummert meist sanft auf Lendenhöhe. Von der Paranoia und der Getriebenheit des frühen The Weeknd ist nichts geblieben.

Selbstbespiegelung als einzig erlaubtes Thema

Man könnte das auf den Erfolg schieben, schließlich hat sich Tesfaye auch gerade den eindrucksvollen Frisurenturm auf seinem Kopf zusammengestutzt. Alle Zeichen auf Stromlinie.

Dahinter steckt aber viel mehr - was uns zurück zur eingangs erwähnten Verschwörungstheorie führt. Beinahe unbemerkt von den Augen und Ohren der Öffentlichkeit hat die Kardashianisierung des Pop begonnen: Selbstbespiegelung als einzig erlaubtes Thema. Kim Kardashian ist Kim Kardashian ist Kim Kardashian. In genau diesem Sinn muss man sich "Starboy" als Spiegel-Selfie des Pop vorstellen: The Weeknd hat Songs über Frauen und Geld geschrieben, weil ihm Songs Frauen und Geld bringen.

Mittlerweile ist alles zusammengeschrumpft

Nun war The Weeknd immer schon, sagen wir, eher monothematisch interessiert. Er erlebte Drogennächte und den Morgen danach. Die packte er dann in unterkühlte Meisterwerke wie "The Morning" von der EP "House of Balloons".

Mittlerweile ist alles lyrisch wie musikalisch zusammengeschrumpft auf - pardon - billigste Schubser für die nächsten "Fifty Shades of Grey"-Soundtracks. Frauen haben "lips like Angelina" oder einen "ass shaped like Selena". Auf der verzweifelten Suche nach Alleinstellungsmerkmalen gibt es Phil-Collins-Zitate ("True Colors") und ein paar gehechelte Michael-Jackson-Reminiszenzen ("A Lonely Night").

The Weeknd reiht sich damit ein in die Riege der Verlorenen im Spiegelkabinett der Kim Kardashian. Dort irrt er nun umher - zusammen mit Drake, der seiner lähmenden Statusreflexion nur entkommen kann, indem er immer frischere Newcomer verpflichtet, wie jüngst 21 Savage. Kanye West, der Picasso der Ich-Kunst, hat ja, wie den Boulevardnachrichten zu entnehmen ist, in diesen Hallen schon den Verstand verloren. Oh weh, 2017.

© SZ vom 29.11.2016/doer/pak
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