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Sprachkritik-Kolumne "Phrasenmäher":Sogenannt

Karl Lauterbach

Der sogenannte Experte in sogenannter Freizeitkleidung.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Lehre aus dem Disput zwischen Hansi Flick und Karl Lauterbach: Ein Wort, das eigentlich den Kenner markieren soll, fällt nun auf diesen zurück.

Von Harald Hordych

Das sogenannte Wörtchen "sogenannt" war lange Zeit ein seriöser Begleiter für Menschen, die beweisen wollten, dass sie ihr sprachliches Werkzeug mit der nötigen Handlungssicherheit bedienen können. Zu sagen, das hier vorne sei ein sogenannter "Turbolader", zeigte, dass man sich in der Welt der differenzierten Wortgestaltung auskannte und jeden Begriff mit Bedacht auswählte. Der Mann hinten links sei eine sogenannte "trübe Tasse", das kündete zugleich von der Fähigkeit des Sprechers, zwischen Umgangs- und Hochsprache wohlweislich unterscheiden zu können. Seinem Schicksal als Instrument der gepflegten Expertenexpertise verpflichtet, war das "sogenannt" deshalb am besten bei Wissenschaftlern sowie um Reputation bemühten Journalisten und Politikern aufgehoben.

Einem von ihnen, nämlich dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, dessen pointierter Kleidungsstil auch ein sogenannt verdienen würde, ist dieses Expertenwörtchen nun kürzlich zum Verhängnis geworden, zumindest hat es ausgerechnet seine Expertenehre infrage gestellt, weil es gegen ihn gewendet wurde. Der FC Bayern-Trainer "Hansi" Flick erklärte Lauterbach zum sogenannten Experten.

Eine steile Karriere als ironischer Quälgeist

Das geht deswegen, weil das Wort in jüngster Zeit eine steile Karriere als ironischer Quälgeist hingelegt hat, so steil und allgemein anerkannt, dass das Wort es nun bis in diese Kolumne geschafft hat. Statt für Genauigkeit der Beschreibung gilt es mittlerweile als eine Art Lupe, die dem Kontrahenten hämisch vorgehalten wird und perfiderweise immer zu dem Schluss kommt: Da gaukelt uns einer was vor - und deswegen ist das nur ein Sogenannter.

Das Gemeine am um sich greifenden Einsatz dieses einst ehrbaren Wörtchens ist, dass die Vorschaltung mächtiger wirkt als jeder Dr. oder Professor. Es genügt, jemanden zum sogenannten Künstler zu erklären, um ihn damit ohne die Last des Beweises als Hochstapler entlarvt zu haben. Der sogenannte Fußballtrainer "Hansi" Flick und Karl Lauterbach haben sich mittlerweile wieder ausgesöhnt. Aber es wird Lauterbach wenig helfen, wenn der besänftigte Flick in Zukunft jedem sagen wird: Karl Lauterbach ist kein sogenannter Experte!

© SZ/jsl
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