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Kunst:15.Jahrhundert, aktuell wie nie

Niclaus Gerhaert von Leyden, Büste eines Mannes, Straßburg, vor 1467

Posterboy der Berliner Ausstellung "Aufbruch in die Neuzeit": Niclaus Gerhaert von Leydens "Büste eines Mannes" (vor 1467).

(Foto: © Musées de Strasbourg, M. Berto)

Eine große Ausstellung in Berlin führt vor, wie aufregend gegenwärtig die Kunst der Spätgotik heute noch wirkt.

Von Peter Richter

Hand aufs Kinn: Was manche Fotografen heute noch gern vorschlagen, wenn sie zum Beispiel Schriftsteller porträtieren sollen, galt in der Ikonografie schon immer als Chiffre für forcierte Nachdenklichkeit. Insofern ist es kein Wunder, dass der vermutlich bekannteste Denker der Kunstgeschichte, die gleichnamige Skulptur von Rodin, sich faktisch selbst einen Aufwärtshaken verpasst, um die Heftigkeit des innerlichen Brütens zu verdeutlichen. (Rodins Modell war tatsächlich ein Preisboxer.)

Der zumindest zweitberühmteste Denker der Kunstgeschichte tut das deutlich eleganter: Die verschraubte Figur, die Niclaus Gerhaert von Leyden einst in Straßburg aus dem Stein gehauen hat, macht den Eindruck, als könnte sie jederzeit mit genau den Fingern schnipsen, die jetzt noch locker ihr Kinn halten, und etwas in der Art von "Ich hab's" rufen. Oder aber vom Wegsacken des Kopfes wieder aufwachen. Denn in der Literatur findet sich durchaus auch die Deutung, dass der gute Mann einfach eingenickt sein könnte. Aber so endet menschliches Nachsinnen im Alltag ja oft, und so wäre auch das nur besonders lebensnah beobachtet.

Jedenfalls ist es ausgesprochen nachvollziehbar, dass die Berliner Museen diese Figur jetzt zum Posterboy ihrer Ausstellung "Spätgotik" gemacht haben. Denn deren Untertitel lautet "Aufbruch in die Neuzeit". Und Gerhaert hat die Arbeit um 1463 gemeißelt, aber es wirkt, als sei das eben erst gewesen.

Die einst "schönen Madonnen" waren plötzlich Frauen mit den Nöten echter Kleinkindmütter

Ausstellungen feiern meistens lieber den Beginn als das Ende von etwas. Den Beginn der Moderne zum Beispiel hat man auf diese Weise dermaßen konsequent nach vorne datiert, dass er mittlerweile bei den Höhlenzeichnungen von Lascaux liegen dürfte. Aber von dem Schlagwort "Herbst des Mittelalters", das der niederländische Gelehrte Johan Huizinga jener Zeit einst verpasst hatte, wollten sie sich in Berlin nicht länger ihre farbenfrohen Bestände aus dem 15. Jahrhundert verschatten lassen. Sie betonen lieber den verblüffend frohgemuten Aufbruch ins Neue, ins Persönliche, ins Profane, manchmal auch ins unverhohlen Pornografische, und ganz generell in ein jubelndes Jetzt, das zwar fünfeinhalb Jahrhunderte her sein mag, aber oft deutlich mehr Gegenwärtigkeit ausstrahlt als vieles in der Gegenwart.

Bloß das Kind nicht fallen lassen! Die "Dangolsheimer Madonna" ist ein weiteres, dem großen Niclaus Gerhaert zugeschriebenes Spitzenwerk der Ausstellung.

(Foto: Antje Voigt / SBM)

Der Umschwung war wirklich drastisch: Eben noch sah man überall die sogenannten schönen Madonnen im ebenfalls sogenannten weichen Stil. Jetzt stehen da auf einmal Frauen mit den Nöten echter Kleinkindmütter. Die Dangolsheimer Madonna zum Beispiel, ein anderes dem großen Niclaus Gerhaert zugeschriebenes Spitzenwerk in dieser Ausstellung, gehörte schon zu dem neuen Typus, dem das Christuskind nicht mehr lieb wie ein Schäfchen in den Armen liegt, sondern vielmehr dermaßen absturzgefährdet darin herumzappelt, dass jungen Eltern aller Zeiten sofort flau im Magen wird. (Auch so funktioniert nämlich religiöse Vergegenwärtigung - durch Empathieerzwingung mit dem heiligen Personal auf allgemeinmenschlichster Ebene.)

Dieser Wille zum Realismus und zur Lebensnähe nimmt denkbar resolut den Abschied von allem in Kauf, was bis dahin als angemessen und schön gegolten hatte in Sujet, Linienführung, Kolorit. Wo eben noch gerade auf Altarbildern das Auge mit edlen Pigmenten hofiert wurde, malt Hans Multscher nun mit Farben, die "wie angefault wirken". So hat das der Kunsthistoriker Martin Warnke einmal beschrieben. Ein Wächter am Grab Christi trägt sogar ein "versupptes Gelb, so als habe er sich eben in einer Pfütze gewälzt". Aber warum sollte auch ausgerechnet eine Leidensgeschichte schöner aussehen, als die Sache ist. Und da die Leute, unter die der Gottessohn da geraten war, ihm eindeutig Böses wollten, kann man sie auch aussehen lassen wie Leute, denen man selber nicht gern in die Hände fiele - zum Beispiel wie verwilderte Landsknechte und Raubritter der eigenen Zeit.

Christus als Schmerzensmann

Ein Mensch: Albrecht Dürers "Christus als Schmerzensmann", entstanden um 1492/93.

(Foto: bpk / Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Dass man vor etlichen dieser Tafeln das Gefühl hat, sie könnten im Prinzip auch von Otto Dix, Max Beckmann oder Hans Grundig stammen, ist kein Zufall: Die Expressionisten und Veristen der deutschen Zwischenkriegszeit wussten schon, wo in diesem Land die Vorbilder hingen für einen Realismus voll emotionaler Drastik und Dramatik. Auch Erzähltechniken, die Jahrhunderte später für den Comic-Strip zur Blüte konstitutiv werden sollten, wurden hier auf den einzelnen Altartafeln mit der Passionsgeschichte erstmals ausprobiert. Nicht nur exakt lokalisierbare Landschaften werden da auf einmal ins Bild gesetzt, selbst wenn das Bild ein Heiligenbild ist und das biblische Geschehen wie bei Konrad Witz dann kurzerhand am Genfer See spielt, mit Montblanc-Massiv im Hintergrund. In der Buchmalerei passiert in diesen Landschaften auch etwas, das in der nordalpinen Realität zwar häufig, in der Kunst bis zum Impressionismus aber trotzdem nur höchst selten vorkommt: Es regnet, besser: schüttet, und zwar heftig. Die Maler beobachten auch, wie das Licht einfällt, wo es reflektiert wird, wie die Dinge Schatten werfen, und sie geben diese Entdeckungen mit der gleichen Begeisterung wieder wie die italienischen Kollegen ihre neuartige Zentralperspektive.

Weiterer Beleg für die These, dass diese Zeit, wenn schon, dann eher ein knospender Frühling war als ein Herbst: die Revolution der Drucktechnik natürlich. Dass mit der inhaltlichen Hinwendung zum Weltlichen in der Kunst unter anderem die Entwicklung des Bankwesens korrespondierte, ist die eine Sache. Wie sehr aber die Lust an der Vervielfältigung offenbar schon durch die schiere Möglichkeit dazu jetzt in Fahrt kam, ist wirklich verblüffend.

Leihgaben wie dieses Hallwyl-Reliquiar aus dem Basler Münsterschatz (vor 1470) zeigen den Facettenreichtum der Epoche.

(Foto: © Basel, Historisches Museum)

In Berlin zeigen sie neben einer Gutenberg-Bibel etwa auch ein flaches Metallrelief, das eigentlich als Skulptur gedacht war, aber im Druckrausch der Zeit trotzdem einfach schwarz bestrichen und aufs Papier gepresst wurde. Dass Druckgrafik das Medium war, das die besten Bildideen quer durch Europa und auch quer durch die Kunstgattungen migrieren ließ, weiß man. Aber selten konnte man dabei so schön zuschauen wie jetzt in Berlin, weil es zwar eine Ausstellung ist, die in der Gemäldegalerie stattfindet, aber gemeinsam mit der Skulpturensammlung, dem Kupferstichkabinett, dem Kunstgewerbemuseum zusammengestellt wurde. Denn ergänzt um wichtige Leihgaben von außerhalb wollten die Berliner Museen hier einmal vor allem aus den reichen Eigenbeständen schöpfen, um gemeinsam eine Epoche in allen Facetten nachzuzeichnen. Und was man nicht direkt zeigen kann, die goldbroschierten Samtstoffe etwa, die seinerzeit teurer waren als all die Gemälde und Skulpturen zusammen, taucht immerhin indirekt auf - eben auf Gemälden, deren Maler das Kostspielige dieser Stoffe bei der Wiedergabe zu mimetischen Höchstleistungen trieb.

Berlin ist überreich an spätgotischer Kunst - nachdem sie vorher geraubt, nach Paris verschleppt und restituiert wurde

Dass hier sogar die Alte Nationalgalerie mit von der Partie ist, ist bezeichnend. Denn es schließt mit einem Schlag zwei Lücken. Weil die damals besonders wesentliche Kunst der Architektur schlecht in einen Museumsraum passt, ist sie immerhin in einem gotischen Dom präsent, den Karl-Friedrich Schinkel 1813 stimmungsvoll im Abendlicht gemalt hat. Dieser Name und diese Jahreszahl dienen gleichzeitig auch als Stichworte für die Frage, warum die Berliner Bestände an spätgotischer Kunst fast aller Gattungen so bemerkenswert reich sind. Denn das waren sie durchaus nicht immer. Erst mussten die französischen Revolutionstruppen die Kunstwerke anderswo rauben und nach Paris verschleppen, bevor sie nach Berlin restituiert und dort zu Nationalheiligtümern befördert werden konnten. Kunsthändler wie der rührige Brite Edward Solly witterten zu Recht gute Geschäfte, wo einerseits der Geist von Romantik und Patriotismus zunehmend nach Altdeutschem verlangte, andererseits die Säkularisierung genug Ware aus den Klöstern und Kirchen auf den Markt warf.

So kommt es, dass in Berlin eine betörende Menge spätgotischer Meisterwerke vom Ober- wie vom Niederrhein bewahrt wird, aber wenig aus der Gegend selbst, wofür unter anderem der Dreißigjährige Krieg gesorgt hat. Aber das Tröstliche an Berlin ist auch hier, wie so oft, dass nur wenige Autostunden südlich schon Sachsen liegt, wo sich die ganze Pracht der Spätgotik in Städten wie Freiberg, Meißen, Annaberg oft an Ort und Stelle noch erhalten hat.

Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit. Gemäldegalerie Berlin. Bis 5.9. Katalog 40 Euro.

© SZ
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