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"Sleaford Mods":Humanismus des rauschenden Gelabers

Sleaford Mods

Sleaford Mods: Andrew Robert Kindsay Fearn und Jason Williamson.

(Foto: Simon Parfrement; Sleaford Mods)

Auf ihrem neuen Album präsentieren sich die "Sleaford Mods" als Meister des Rants. Elektrisch geladen, ständig kurz vor dem Überschnappen und doch voll slam-poetischer Disziplin.

Erst mal soll es hier um eine große, bislang schändlich unterbewertete poetische Form gehen: den Rant. Ausgesprochen "Ränt", also englisch, ins Deutsche nur mangelhaft übersetzbar mit "Tirade". Ein Tornado aus kalt schwitzenden Wörtern, eine rhetorische Naturgewalt. Die Kreatur aus der Laber-Lagune.

Der Rant ist der erregte, freitaktige, überbordende Monolog, wie man ihn nachts an der Jägermeistertheke hören kann, tagsüber in Warteschlangen oder Telefonhotlines. Der sich von Kraftausdruck zu Kraftausdruck immer weiter versteigt, dabei Tempo aufnimmt, Druck, Reibungshitze. Aus der täglichen Konversation kennt ihn jeder, aus der Kunst vielleicht nicht, aber die muss es hier - wie so oft, wenn es um die Verhältnisse geht, die nach Dummheit riechen, nach ungerecht verteilter Billigpizza und getrocknetem Urin - natürlich wieder mal richten.

Der Rant ist der Akt der Stunde und Jason Williamson ist einer seiner Ninjameister

Der Rant wird einem von politisch inspirierten Biertrinkern in den Nacken gebollert, von flammenzüngigen Sport- und Sozialreportern, mies gelaunten Hausmeistern oder, verschriftlicht, von Facebook-Beschwerdekommentatoren. Kein Zweifel: Im Winter des Missvergnügens 2017 ist der Rant der Akt der Stunde, im Guten wie im Bösen - und Jason Williamson, Sänger beim englischen Punkrock-Duo Sleaford Mods, ist einer seiner Ninjameister. Der Oberzampano, der wahre Poet Laureate des Rant. Prädikat: besonders irre.

Obwohl es auch kolossal nervt, wenn einem schon wieder eine relativ unbekannte Gruppe aus England als wichtigste Pop-Aktualität der Saison verkauft wird. Besonders bei den zwei Sleaford Mods, die mit ihren Kappen und Trainingshosen, mit ihrer Aggro-Attitüde und demonstrativen Working-Class-Schlaksigkeit die sozialromantischen Sehnsüchte ihres Bildungsbürgerpublikums geradezu übererfüllen. "English Tapas" (Rough Trade) heißt das neue Album, das sie endgültig zur Traumband aller intellektuell ambitionierten Fußballfans, Fred-Perry-Hemdenträger und grundlos Manchester-Begeisterten machen wird, was den Sleaford Mods überraschenderweise gelingt, ohne überhaupt aus Manchester zu stammen (sie wohnen in Nottingham in der geografischen Mitte Englands). Rein vom Image, den offensichtlichen Schlüsselreizen aus betrachtet, wirken Sänger Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn wie ein Pop-Insiderwitz von vorgestern. Aber dann erlebt man sie, und dann kapiert man plötzlich.

Jason Williamson und Andrew Fearn sind die Sleaford Mods.

(Foto: Rough Trade)