Süddeutsche Zeitung

"Sleaford Mods":Humanismus des rauschenden Gelabers

Auf ihrem neuen Album präsentieren sich die "Sleaford Mods" als Meister des Rants. Elektrisch geladen, ständig kurz vor dem Überschnappen und doch voll slam-poetischer Disziplin.

Von Joachim Hentschel

Erst mal soll es hier um eine große, bislang schändlich unterbewertete poetische Form gehen: den Rant. Ausgesprochen "Ränt", also englisch, ins Deutsche nur mangelhaft übersetzbar mit "Tirade". Ein Tornado aus kalt schwitzenden Wörtern, eine rhetorische Naturgewalt. Die Kreatur aus der Laber-Lagune.

Der Rant ist der erregte, freitaktige, überbordende Monolog, wie man ihn nachts an der Jägermeistertheke hören kann, tagsüber in Warteschlangen oder Telefonhotlines. Der sich von Kraftausdruck zu Kraftausdruck immer weiter versteigt, dabei Tempo aufnimmt, Druck, Reibungshitze. Aus der täglichen Konversation kennt ihn jeder, aus der Kunst vielleicht nicht, aber die muss es hier - wie so oft, wenn es um die Verhältnisse geht, die nach Dummheit riechen, nach ungerecht verteilter Billigpizza und getrocknetem Urin - natürlich wieder mal richten.

Der Rant ist der Akt der Stunde und Jason Williamson ist einer seiner Ninjameister

Der Rant wird einem von politisch inspirierten Biertrinkern in den Nacken gebollert, von flammenzüngigen Sport- und Sozialreportern, mies gelaunten Hausmeistern oder, verschriftlicht, von Facebook-Beschwerdekommentatoren. Kein Zweifel: Im Winter des Missvergnügens 2017 ist der Rant der Akt der Stunde, im Guten wie im Bösen - und Jason Williamson, Sänger beim englischen Punkrock-Duo Sleaford Mods, ist einer seiner Ninjameister. Der Oberzampano, der wahre Poet Laureate des Rant. Prädikat: besonders irre.

Obwohl es auch kolossal nervt, wenn einem schon wieder eine relativ unbekannte Gruppe aus England als wichtigste Pop-Aktualität der Saison verkauft wird. Besonders bei den zwei Sleaford Mods, die mit ihren Kappen und Trainingshosen, mit ihrer Aggro-Attitüde und demonstrativen Working-Class-Schlaksigkeit die sozialromantischen Sehnsüchte ihres Bildungsbürgerpublikums geradezu übererfüllen. "English Tapas" (Rough Trade) heißt das neue Album, das sie endgültig zur Traumband aller intellektuell ambitionierten Fußballfans, Fred-Perry-Hemdenträger und grundlos Manchester-Begeisterten machen wird, was den Sleaford Mods überraschenderweise gelingt, ohne überhaupt aus Manchester zu stammen (sie wohnen in Nottingham in der geografischen Mitte Englands). Rein vom Image, den offensichtlichen Schlüsselreizen aus betrachtet, wirken Sänger Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn wie ein Pop-Insiderwitz von vorgestern. Aber dann erlebt man sie, und dann kapiert man plötzlich.

Heisere Entgleisungen

Zum Beispiel im November 2016, in der Konzerthalle Huxleys Neue Welt in Berlin. 1600 Leute pressen sich in den heißen Saal - nur auf der Bühne ist viel zu viel Platz, denn die Sleaford Mods sind bloß zu zweit und haben keine Instrumente. Den Sound, simple, in Dauerschleifen bretternde Bass-Schlagzeug-Motive, haben sie auf einem Laptop mitgebracht: Am Anfang jedes Stückes drückt Musikmann Andrew Fearn auf Start, am Ende auf Stopp, dazwischen trinkt er Bier, lässt die andere Hand gleich ganz in der Hosentasche. Williamson skandiert die Wörter dazu, die elektrisch geladenen Selbstgespräche und Entgleisungen, heiser und erregt, ständig kurz vor dem Überschnappen, dabei trotzdem ein Vorbild an slam-poetischer Disziplin: Die Texte sind Fragmente aus dem öden Alltag und dem noch öderen Nachtleben, Schimpfwörter und Midlands-Rhyming-Slang, popkulturelle Anspielungen, dahergefluchte Aphorismen. Live getwittert aus der Kulisse eines sozial gelähmten, im Dosenbier- und Pillenrausch rücklings am Boden liegenden Jogginghosen-Englands.

In "Tied Up in Nottz", einem der inoffiziellen Hits, beschreibt Williamson die nächtliche Szenerie in einer öffentlichen Toilette mit grässlicher Liebe zum Detail. Aber echte Geschichten sind das nicht. Auch keine auf Pointen hin geschärften Redefiguren wie im Hip-Hop. Das hat mit der Logik des Rant zu tun. Er ist von Natur aus nie stringent, immer assoziativ. Und so wie geschaffen für die Sleaford Mods, die bei aller scheinbaren Aggressivität eine grandios ausgeprägte Stilistik zelebrieren, aus ihrem Vérité-Material am Ende etwas Fantastisches formen und dabei rasend unterhaltsam sind. Im Prinzip alles, was man von großem Pop erwartet, wenn auch nicht von zwei schlecht rasierten Männern Mitte 40, die eines ihrer Alben "Wank" betitelt haben, nach dem umgangssprachlichen englischen Wort für Masturbation.

Ein Treffen mit Jason Williamson. Puddingschüsselfrisur, Sweatshirt, Hochwasserhose, die Unterarme mit ungeordnet gesammelten Tätowierungen bedeckt: ein rotes Herz mit Schriftzug, das Symbol der Londoner U-Bahn. 46 Jahre, ein eher reservierter Typ, in dessen streckenweise stark prekärem Lebenslauf sich die Auswirkungen der Austeritätspolitik eingeritzt haben, der aber keine Sekunde lang so tut, als wäre das große Theater, das seine Band bietet, ein authentischer Aufschrei.

"Ich wollte dem Publikum demonstrieren, wie tief wir gesunken sind"

Vor zehn Jahren habe er erst mit dem Texteschreiben begonnen, erzählt Williamson - auf die minimalistische Bühnenpräsentation kam er, als er bei TV-Castingshows Kandidaten zum Playback singen sah. "Ich wollte dem Publikum demonstrieren, wie tief wir gesunken sind", sagt er. "Ein bisschen wie bei Brecht oder Artaud." 2014 kam der erste Durchbruch, die letzte Platte "Key Markets" erreichte in den britischen Charts schon Rang elf. Ihre eigentlichen Erfolge feiern die Sleaford Mods aber als Live-Attraktion, besonders in Deutschland. Die Regisseurin Christine Franz hat sogar einen Dokumentarfilm über die Band gedreht, der in Großbritannien im April ins Kinos kommt: "Bunch of Kunst", eine Referenz an "cunts", das unschöne englische Wort für die weibliche Scham.

Und natürlich strömt der Stream of Consciousness auch auf der neuen Platte "English Tapas" wieder durch verrauchte Wohnzimmer und Billig-Fitnessstudios, Nachtbusse und Prä-Brexit-Bahnhofsstraßen - wobei es bei den Rants der Sleaford Mods doch um etwas ganz anderes geht als um sozialen Realismus. Es geht um verbale Lufthoheit. Darum, der Hetze der Populisten und Krisengewinnler etwas Gewaltigeres entgegenzusetzen, sie mit den eigenen Wortwaffen zu schlagen, mit einer moralischen Version der kruden Logik, wie man sie aus Trump-Reden und Verschwörungsmonologen kennt. Mit einem Humanismus des rauschenden Gelabers.

Es gibt im Englischen eine schöne Formulierung dafür, wenn jemand ausrastet - "to lose the plot", den Kern der Erzählung verlieren. Im Prinzip handeln die Sleaford Mods genau davon: was man noch gewinnen kann, wenn der Plot erst mal weg ist.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3406862
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 07.03.2017/smb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.