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Sibylle Bergs "Viel gut essen" in Köln:Nölende Mittelstands-Würstchen

Ein Tag mit Sibylle Berg

Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg, hier 2013 in Berlin, entwirft in "Viel gut essen" eine Horrorvision.

(Foto: dpa)

Eine marodierende Männerhorde gegen Migranten, Frauen, Homosexuelle und Muslime - Sibylle Bergs Stück "Viel gut essen" ist eine tieftraurige Zeitdiagnose. Am Schauspiel Köln wurde das Stück nun uraufgeführt: formal gewagt, inhaltlich mutlos.

Von Cornelia Fiedler

Es ist eine Horrorvision: Dass sich all jene Typen zu einer selbst ernannten Armee der letzten Aufrechten zusammenrotten, die ihren Hass bisher in Onlineforen, an Stammtischen oder in Leserbriefen nach dem Schema "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" entladen. Der Kampf einer solchen marodierenden, weißen, mittelständischen Männerhorde würde sich kaum gegen das System richten, sondern gegen viel simplere Feindbilder: Migranten, Frauen, Homosexuelle, Juden, Hipster, Muslime. Dieses finstere Szenario entwirft Sibylle Berg in ihrem neuen Stück "Viel gut essen". Es ist eine ironische, tieftraurige, vernichtende Zeitdiagnose, wie man sie von der viel geliebten und gehassten Autorin erwartet. Hausregisseur Rafael Sanchez hat die Uraufführung am Schauspiel Köln inszeniert, in der Halle Kalk: formal gewagt, inhaltlich mutlos.

Auf leerer Bühne steht ein namenloser Mann mit Nerdbrille und Karohosen. Während er ein Entschuldigungsmenü für seine vernachlässigte Kernfamilie kocht, setzt er zur Generalabrechnung an: Yuri Englert lästert, anfangs noch sympathisch, mit sanfter Stimme über Gutmenschen, Banken, Social Media-Selbstinszenierer und "Kinderwagenbataillone". So allein ist dieser Mann allerdings nicht: An der Rückseite der Bühne schließt eine weitere Spielfläche an. Dahinter sitzt der andere Teil des Publikums, dieser hört Englert nur und blickt auf einen "Chor" aus vier Schauspielern, die genauso aussehen wie er. Sie bilden eine Art Selbsthilfegruppe für nölende Mittelstands-Würstchen, in der die Ressentiments des Einzelnen zur rassistischen, antisemitischen, frauen- und schwulenfeindlichen Kenntlichkeit zugespitzt werden.

"Wir haben Krieg, hurra, Krieg, wie toll!"

Als demagogischer Anheizer und Rattenfänger tobt der Punkmusiker Jens Rachut mit Armeeparka und Clownsfrisur oben über die Sichtbarriere zwischen den Bühnen: "Wir haben Krieg, hurra, Krieg, wie toll! (. . .) Denen werden wir es zeigen", krakeelt er und facht den Hass mit Sticheleien an. Die geteilte Bühne von Sara Giancane überträgt ein Grundmotiv des Stücks, den Sozialneid des gefühlt Zu-kurz-Gekommenen, auf das Publikum: Immer ist da die Frage, was sehen die anderen? Haben die vielleicht mehr Spaß? Das zwingt nach der Vorstellung zum Gespräch mit der Gegenseite - und wäre "Viel gut essen" ein Sozialprojekt für vereinsamte Theatergänger, hätte die Inszenierung ihr Ziel erreicht. Sibylle Bergs Stück ist aber alles andere als das: Es ist ein gekonnt widerwärtiger Blick in die mentalen Abgründe eines Menschen, der in gewählten Worten nachplappert, was im nationalen Denkdunst an billigen Schuldzuweisungen gärt.

Das Beängstigende an diesem Monolog ist, wie er wohlformuliert um Verständnis wirbt - beispielsweise wurde der Sohn des Mannes von Jugendlichen mit "muslimischem oder rumänischem Hintergrund" verprügelt. Immer wieder knüpft die Tirade an vertraute Sorgen und Ängste an, sei es die gefühlte "Weltverblödung", sei es der reale islamistische Terror. Ein derart verführerischer Text verlangt eine klare Haltung von Regie und Dramaturgie (Jens Groß). Die aber fehlt.

Stattdessen verbaut die Trennung der Bühnen die Auseinandersetzung mit dem haarsträubenden Inhalt. Auf der einen Seite spannt Englert pausenlos einen neongelben Wollfaden über die Bühne, er zeichnet damit die Umrisse einer stilisierten Wohnungseinrichtung nach, die an die Wände projiziert wird. Ein hilfloser Versuch, das zerstörte Familienidyll festzuhalten. Auf der anderen mündet das Männergruppentreffen, so die Berichte von Zuschauerinnen und Kollegen, in eine skurrile Musterung für die besagte Armee - männerbündische Homoerotik inklusive. Wenn das der einzige Kommentar zum rechtspopulistischen Seelenmüll ist, der beiderseits der Mauer abgesondert wird, dann kann die Rekrutierung der selbstmitleidigen Wut-Männer wohl wirklich bald beginnen.

© SZ vom 21.10.2014/tgl

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