Humor Der Siegeszug der Hofnarren

Wolodymyr Selensky bei der Moderation einer Comedy-Show.

(Foto: dpa)

Zum Beispiel Ukraine: Komiker feiern in der Politik mühelos Erfolge. Der Persönlichkeitspsychologe Willibald Ruch erklärt, warum derjenige, der Witz hat, oft die Macht hat.

Interview von Harald Hordych

Der Komiker Wolodymyr Selensky hat bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen das stärkste Ergebnis erzielt. Er geht nun mit Amtsinhaber Petro Poroschenko in die Stichwahl am 21. April. Er ist nicht der erste Komiker, der in der Politik aus dem Stand reüssiert. Professor Willibald Ruch war zwei Mal Präsident der International Society for Humor Studies (ISHS) und Mitherausgeber der Zeitschrift Humor. Ein Gespräch darüber, warum Spaßmacher plötzlich Chancen haben, Führung übertragen zu bekommen, und die erstaunliche Macht des Witzes.

SZ: Herr Ruch, wie ist es zu erklären, dass es Komikern auf einmal so leicht fällt, Wählermassen zu mobilisieren?

Willibald Ruch: Ein Politologe könnte diese Frage vielleicht eher beantworten. Wenn ich mich in die Lage der Wähler versetze, gibt es eine einfache Erklärung: Von klein auf wird uns beigebracht, dass wir Politik ernst nehmen sollen, dass diese Leute für uns sorgen. Nun sieht man aber, je länger man lebt, wie oft die Politik versagt, unser Vertrauen nimmt rapide ab. Und dann kommt es zu solchen Phänomenen. Soweit ich weiß, hat Selensky ja bereits in einer komischen Serie einen Präsidenten gespielt.

Warum trauen wir den Wandel nun aber ausgerechnet jemandem zu, den man eigentlich nicht ernst nimmt, weil er die wichtigen Dinge auch nicht ernst nimmt?

Da gibt es ja viele historische Vorläufer. Der Hofnarr hatte die Möglichkeit, Dinge zu sagen, die sonst niemand auszusprechen wagte. Und was hat man denn sonst als Protest zur Verfügung? Man kann nicht wählen gehen. Oder man kann einen Komiker wählen und damit zeigen: Sogar einem Narren vertraue ich mehr als allen Politikern.

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Ein Narr, der sich traut, die Herrschenden mit seinen Witzen infrage zu stellen.

Vermutlich. Komiker, die in die Politik gehen, haben natürlich gelernt, dass man Wahrheiten aussprechen und angreifen kann über Humor. Auch dass man einen gewissen Schutz hat, wenn man Unangenehmes in komischer Form anspricht.

Sie haben einmal gesagt, dass man mit Humor alles viel besser verkaufen kann, man kann sogar bessere Reden halten und bessere Werbung machen. Warum ist das so?

Humor indiziert ein positives Gefühl. Die Menschen öffnen sich, wenn sie lachen. Sie finden die Idee, die einen Witz ausmacht, originell. Wenn mir jemand dieselbe Sache in einer Schimpftirade sagt, würde ich mich verschließen. Wenn man Inhalte mit Komik paart, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass dieser Inhalt ungefiltert in die Psyche eindringt. Vielleicht, weil das, was man hört, überraschend ist. Bei Dingen, über die man tausendmal diskutiert hat, hat man immer gleich tausend Gegenargumente. Humor hat aber eine große Überzeugungskraft, gerade weil er sich auch außerhalb von Logik und Vernunft bewegt.

Was kann denn einer, der die Leute zum Lachen bringt, was andere nicht können?

Na ja, warum hat Freiherr von Knigge den Frauen geraten, sie sollten nicht lachen, sondern höchstens schmunzeln? Weil sie sonst zeigen, dass sie leicht zu haben sind. Wenn ich es schaffe, andere zum Lachen zu bringen, habe ich vielleicht noch nicht die Kontrolle über sie, aber ich habe doch eine offene Einflugschneise zu ihrem Inneren.

Hat derjenige, der den Witz macht, die Macht - zumindest für einen Moment?

Das kann man so sagen: Er hat es vermocht, eine Idee nach vorne zu bringen, ungefiltert und ohne von jemandem aufgehalten worden zu sein. Nach dem Lachen könnte man zwar etwas dagegen sagen, aber dann ist ja schon etwas ausgesprochen worden, das bei den Leuten Wirkung gezeigt hat!