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Schriftsteller im Exil:Thomas Manns Zaubervilla wird verkauft

Thomas Mann im Jahr 1941 mit Frau Katia und zwei Enkelkindern vor seiner Villa in den Pacific Palisades.

(Foto: AP)

Die Makler jedoch verschweigen den berühmten Vorbesitzer des kalifornischen Traumhauses. Warum?

An diesem Sonntag gibt es von zwei bis fünf Uhr nachmittags Ortszeit im Westen von Los Angeles einen Maklertermin für das Anwesen 1550 San Remo Drive, das laut Webseite der Agentur zum ersten Mal seit fast 65 Jahren wieder zum Verkauf steht. Für die deutsche Geschichte hat das Haus auf dem Anwesen eine besondere Bedeutung. Thomas Mann hat die zweistöckige Villa 1941 bauen lassen. Zehn Jahre lang lebte er dort im Exil, bis er 1952 nach Europa zurückkehrte.

Im Gegensatz zu einigen anderen der prominenten Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland, die sich hier in so großer Zahl niederließen, dass das Pacific Palisades-Viertel "Pacific Weimar" genannt wurde, liebte Thomas Mann Kalifornien. Das Licht, der Duft und die Hügel erinnerten ihn an die Toskana. Er genoss den Glamour von Hollywood, der auf ihn als Nobelpreisträger abstrahlte. Man muss nur mal die Gästeliste einer Party durchlesen, die Filmstudiochef Jack Warner anlässlich Manns erster amerikanischer Lesereise veranstaltete. James Cagney, Edward G. Robinson, Ernst Lubitsch, Irving Berlin, um nur ein paar zu nennen.

Versuche, Thomas Manns Villa in eine Kulturstiftung zu verwandeln, sind bisher fehlgeschlagen

Bert Brecht fand dagegen, man sei dort fern der Zivilisation in einer geistlosen Provinz angekommen. Arnold Schönberg sah Hollywood als künstlerischen Seelenverkäufer.

Über Thomas Mann erfährt man von den Maklern übrigens nichts. Aus gutem Grund. Die Villa soll kein Kulturdenkmal werden; das könnte potenzielle Käufer bei einem Preis von fast 15 Millionen Dollar abschrecken. Denn zu dem Haus gehört ein dicht bewachsenes Grundstück von fast 4000 Quadratmetern. So etwas gibt es selbst in Los Angeles nicht so oft, schon gar nicht in einem so begehrten Viertel wie den Pacific Palisades. "Als ob man in seinem privaten Naturschutzgebiet wohnt", preist der Verkaufstext das Grundstück an. Und was man mit dem Haus macht, soll ebenfalls Privatsache bleiben. Man könne es entweder umbauen oder erweitern, heißt es. Oder man könne ein Anwesen nach eigenem Geschmack daraus machen. Also abreißen. Denn das Haus hat zwar fünf Zimmer und 500 Quadratmeter Wohnfläche. Aber das ist bei dem Kaufpreis selbst für Hollywood-Verhältnisse nicht besonders viel.

Versuche, Thomas Manns Villa in eine Kulturstiftung zu verwandeln, sind bisher fehlgeschlagen. Dabei gäbe es sogar ein Vorbild. Lion Feuchtwangers Villa Aurora wurde 1988 von einem deutschen Verein mit Hilfe des Bundes für 1,9 Millionen Dollar gekauft und saniert. Heute dient das Anwesen dem deutsch-amerikanischen Kulturaustausch.

Für Bert Brechts vergleichsweise bescheidenes Haus in der 26th Street in Santa Monica gab es vor dem Verkauf vor fünf Jahren dagegen schon eine Abrissgenehmigung. Zum Glück kaufte eine geschichtsbewusste Anwaltsfamilie das Holzgebäude. Die Familie erweiterte es um einen Anbau, der schon Architekturpreise bekam. Die Tatsache, dass hin und wieder Touristen glotzen, macht sie eher stolz.

© SZ vom 29.07.2016

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