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Sarrazin und die Sorgen der Buchhändler:Böse Anrufe, volle Häuser

Lesereise mit Hindernissen: In Hildesheim lädt man Sarrazin aus Sicherheitsgründen aus, in Berlin sagt er selbst ab - weil er nicht diskutieren möchte.

Rudolf Neumaier

Bei Walter Treppmacher läuft das Telefon heiß. Treppmacher ist Mitinhaber der Hildesheimer Buchhandlung Decius, die die Lesung von Thilo Sarrazin abgesagt hat - aus Sicherheitsgründen. Nun muss sich Treppmacher beschimpfen lassen. "Aus ganz Deutschland bekomme ich bitterböse Anrufe", sagt er, "manche fühlen sich an die Nazizeit erinnert, sie verstehen die Absetzung der Lesung als Angriff auf die Meinungsfreiheit."

Zeitung: SPD will Sarrazin ausschliessen

Nicht überall ist Thilo Sarrazin zur Lesung willkommen. Anderswo sagt er selbst ab.

(Foto: ddp)

Treppmacher war in einem Dilemma: Meinungsfreiheit oder Sicherheit. Da die Polizei die Sicherheit Sarrazins und die der Inhaber der 200 Karten, die binnen kürzester Zeit vergriffen waren, nicht zu hundert Prozent gewährleisten konnte, sagte der Buchhändler ab.

Der Umgang der Veranstalter mit Sarrazin entscheidet darüber, ob seine Thesen diskutabel und letztendlich salonfähig sind. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) untersagte einen Sarrazin-Auftritt nicht aus Sicherheitsaspekten: Sarrazin vertrete "polemische Thesen", die "völlig konträr zur Grundhaltung des Hauses" seien, teilte HKW-Intendant Bernd Scherer mit. Er wollte mit Sarrazin, der ursprünglich nur einen Vortrag hätte halten sollen, einen kritischen Gesprächspartner aufs Podium setzen. Das aber habe Sarrazin abgelehnt.

Andere Veranstalter sehen von einer Absage der Sarrazin-Lesungen ab. Im Gegenteil: Das Münchner Literaturhaus, das Sarrazin am 29. September mit dem Journalisten Gabor Steingart disputieren lassen wollte, plant, das Zwiegespräch um einen bis zwei Wissenschaftler "zu einem Forum" zu erweitern, wie Literaturhaus-Leiter Reinhard Wittmann sagt.

Als "Forum für unterschiedliche Themen und politische Meinungen" versteht sich auch Sarrazins Verlag, die Deutsche Verlangsanstalt DVA. Einem Sprecher zufolge lehnt sie es aber ab, sich an der öffentlichen Auseinandersetzung zu beteiligen. Grundsätzlich würden Absagen solcher Veranstaltungen bedauert.

In Menden im Sauerland sieht man dem Sarrazin-Besuch sehr gelassen entgegen. Am 11. November soll der umstrittene Autor in der Halle der Sparkasse auftreten. Die veranstaltende Buchhandlung hat fast alle 300 Karten verkauft. Eine Mitarbeiterin sagt: "Eine Frau vom Verlag hat uns empfohlen, mit einer Entscheidung abzuwarten, bis sich das Ganze beruhigt hat."

© SZ vom 02.09.2010/rus

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