Ruhrtriennale:Notengebirge

Ruhrtriennale 2021

Wortbrocken von Rainald Goetz, Töne verschiedener Bands: "D.I.E.".

(Foto: © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2021)

Beste Malochertradition: ein siebenstündiges Klaviermonument von Michael Finnissy und ein Rätselspektakel von Michael Wertmüller bei der Ruhrtriennale.

Von Michael Struck-Schloen

Immer wieder begegnet man im Ruhrgebiet Zeichen des Gewesenen, die der Realität historische Tiefe und Perspektive geben. Und deshalb ist es gut, dass das größte Kunst- und Theaterfestival der Region, die Ruhrtriennale, nicht in feinen Kulturtempeln stattfindet, sondern an Orten, wo einst Schweiß und Schmutz die Körper "Werktätiger" bedeckten. "Wer das Ruhrgebiet nicht kennt, kennt Deutschland nicht wirklich", sagt Barbara Frey, die seit diesem Jahr amtierende Intendantin der Ruhrtriennale, die als Schweizerin das "Revier" lange nicht auf dem Schirm hatte. Jetzt sitzt sie in der Gebläsehalle des Hüttenwerks in Duisburg-Meiderich, einem jener Orte voller Turbinen, Kessel und Gestänge, in die moderne Theatertechnik hineinoperiert wurde.

Auftritt des britischen Pianisten Ian Pace: Mit seiner massigen Statur und Brille wirkt er eher wie ein Büroangestellter als wie der Hypervirtuose und Spezialist für neue Musik, als den man ihn in England verehrt. Pace hat sich den monumentalen Klavierzyklus "The History of Photography in Sound" von Michael Finnissy vorgenommen. Doch erst einmal überschwemmt er das Publikum mit Hintergründen zum gut siebenstündigen Werk. Eine skurrile Vorstellung: Pace wirbelt Fachbegriffe durcheinander, zitiert Thesen von Walter Benjamin, Susan Sontag und Roland Barthes, gräbt sich in Finnissys Vorliebe für Zitate älterer Musik bis hin zu nordamerikanischen Spirituals und afrikanischer Volksmusik. Als einem schon ordentlich der Kopf brummt, gibt es eine Pause, und man kann sich am Bierstand vor der Halle erfrischen.

Ruhrtriennale: Ian Pace © Shuvayev

Ackerte am Klavier wie ein Stahlwerker: Ian Pace beim siebenstündigen Experimentalmarathon "The History of Photography in Sound" von Michael Finnissy.

(Foto: Shuvayev)

Was in Worten verwirrend und theoretisch überladen wirkte, gerät danach an den Tasten zu großartigen Expeditionen an die Grenzen des Hör- und Machbaren. Michael Finnissy hat zwischen 1997 und 2001 einen tönenden Riesenroman in elf Teilen geschaffen, schon die Titel leuchten tief in die Biografie des Komponisten hinein: "Meine Eltern hielten den Krieg für etwas Bedeutsames" oder "Kapitalistischer Realismus" oder "Siebzehn unsterbliche homosexuelle Dichter". Zitate historischer Musik poppen selten direkt auf, sondern eher als verfremdete Fotografien, die der Komponist übereinanderwirft, verlaufen oder ausbleichen lässt, um zu schauen, wie wir heute darauf reagieren. Deshalb ist "The History of Photography in Sound" eine meditative, gelegentlich zornige, immer hochvirtuose Improvisation über das, was einmal war und heute anders wirkt. Und in bester Tradition der Metallarbeiter, die hier einst das Stahlgeschäft in Gang hielten, ackert sich Ian Pace mit unglaublicher Energie und Konzentration durch Finnissys Notengebirge.

Die Intendantin stößt ein Schaufenster zur Schweiz auf

Nachdem die von Stefanie Carp geplante Festivalausgabe 2020 der Pandemie (und, wie man munkelt, auch mangelndem politischen Willen) zum Opfer fiel, hat ihre Nachfolgerin das Programm in ihrer ersten Spielzeit leicht reduziert. Die vormalige Zürcher Schauspielintendantin Barbara Frey stößt dabei, sicher nicht nur aus pragmatischen Gründen, seit Beginn des Festivals auch ein Schaufenster zur Schweiz auf: Der Schriftsteller Lukas Bärfuss moderiert Diskussionen, Frey selbst war gleich zu Beginn mit zwei Theaterinszenierungen vertreten, Schweizer Ensembles bevölkern ein Musiktheater-Projekt des aus Thun stammenden Komponisten und Schlagzeugers Michael Wertmüller. Der navigiert zwischen improvisierter und neuer Musik, zwischen Theater, Oper, Lyrik und Hörspiel. Stilistische Scheuklappen kennt er nicht, und seine Offenheit für neue Theaterformen scheint ebenso groß zu sein wie sein Adressbuch mit befreundeten Künstlerinnen.

Einige von ihnen finden sich in der Kraftzentrale des Landschafts­parks Duisburg wieder, einem monströs hohen Raum, auf dessen Grundfläche der MSV Duisburg Fußball spielen könnte. "Steamboat Switzerland" steht für rhythmusbetonten Jazz, die israelische Garagenband "Jealous" für Postpunk, die Rapperin Catnapp für düster aufbegehrenden "Grime", und das Asasello-Quartett ist ein an neuer Musik geschultes Streichquartett. Ihre Auftritte werden nach Wertmüllers Partitur an- und ausgeknipst wie in einer Revue, ein Zusammenspiel existiert nicht wirklich.

Nicht der Sinn steht im Vordergrund, sondern das Spektakel

Auch eine Handlung gibt es nicht, aber Worte. Gesungen von den drei fantastischen Sängerinnen Caroline Melzer, Sarah Pagin, Christina Daletska, gesprochen von der Burgschauspielerin Sylvie Rohrer, einer "Conférencière" mit roter Fransenfrisur, roten Schuhen und rotem Kleid, das sie zuweilen expressiv um den Körper dreht. Warum sie das tut, müsste man die Regisseurin Anika Rutkofsky fragen, sie hat in ein Bühnenspiel übertragen, was letztlich nur ein Kopfspiel ist. Grundlage von Wertmüllers Show ist nämlich ein Buch mit dem rätselhaften Titel "D·I·E· abstrakte realität", ein ziemlich artifizielles Pingpong zwischen Kohlezeichnungen des Künstlers Albert Oehlen und Wortbrocken der Schriftstellers Rainald Goetz. Die "Wenig-Worte-Texte" von Goetz beschwören Alltagsgegenstände (Glatze, Teesieb, Schinken, Kater) mit leicht voyeuristischer Erotik, aber ohne Drang zur Welterklärung.

Man muss also in Wertmüllers Vertonung nicht unbedingt eine Geschichte über die Identitätssuche und Emanzipation von Frauen sehen, wie es in Duisburg angedeutet wird. Aber ohnehin steht nicht der Sinn im Vordergrund, sondern der Hang zum Spektakel. Wenn zu Musik, Schauspiel, Text und Tanz noch die wabernden Zeichnungen von Oehlen ins große Rund projiziert werden, verwandelt sich die Überforderung zur lustvollen Erkenntnis, dass Kunst auch einfach nur bunt und unterhaltend sein kann. Auch dafür sollte ein hochdotiertes Festival wie die Ruhrtriennale schließlich da sein.

© SZ/mob
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