Theater:Was nützt die Liebe in Gedanken?

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Das neue Leben, Schauspielhaus Bochumg

Magische Zirkel: Anne Rietmeijer, Damian Rebgetz, Anna Drexler und William Cooper (v. li.) beschwören den Kreislauf des Lebens und Liebens.

(Foto: Joerg Brueggemann/Ostkreuz)

"Das neue Leben" am Schauspielhaus Bochum: Christopher Rüping begibt sich auf die Spuren von Dante Alighieri und dessen Beatrice - mit ein bisschen Hilfe von Meat Loaf und Britney Spears.

Von Martin Krumbholz

Ein neues Leben? Das wär's! Nach anderthalb Jahren Stillstand kein Altglas mehr zum Container schleppen, sondern unter Leute gehen. Feiern. Das Leben genießen. So gesehen trifft die Entscheidung des Bochumer Schauspielhauses, die neue Saison mit einer Adaption von Dantes Frühwerk "La Vita Nova" zu eröffnen, ins Schwarze. Nicht nur, weil auch der mittelalterliche italienische Dichter von einer Epidemie, der Pest, berichtet. Auch deshalb, weil das permanente Kreisen um die Liebe (und deren Unmöglichkeit) die fünf ganz unterschiedlich verwurzelten Bochumer Schauspieler so sehr zu beschäftigen scheint wie den vor 700 Jahren gestorbenen Dichter.

Christopher Rüpings Inszenierung lebt entschieden von der Persönlichkeit ihrer Mitwirkenden. Der gefragte Regisseur, der erstmals in Bochum arbeitet, lässt sie nicht nur von Dante und Beatrice erzählen, die nie ein Paar wurden (die Angebetete heiratete einen anderen und starb mit vierundzwanzig). Sondern sie erzählen auch von sich selbst; von der Schwierigkeit, eine Liebeserklärung zu machen, vom Sich-Verstecken, von Alibi-Objekten, die man zum Schein liebt, um von seinen wahren Leidenschaften abzulenken. All diese Affekte und Strategien, die Dante in seiner Ich-Erzählung schildert, sind zeitlos, mag auch die Gegenwart beflissen so tun, als hätte sie die Geschlechterverhältnisse und alles, was damit zu tun hat, eben erst erfunden.

"O ihr, die ihr auf Amors Wegen geht" - Dantes Sonette gehen über in Popsongs

Das zeigt dieser Abend mit dem Titel "Das neue Leben. Where do we go from here" frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears auf wundervoll beschwingte Art. Er zeigt es nicht nur mit beiläufig-diskursiven Mitteln, mit Scherzen und Frotzeleien unter den Mitwirkenden, er zeigt es so wirkungsmächtig auf Steigerung bedacht, wie er komponiert ist. Die Bühne von Peter Baur, zunächst fast leer, später mit kirmeshaften Überraschungseffekten aufwartend, trägt dazu wesentlich bei. Gerade weil die Aufführung sich so raffiniert steigert, kann sie es sich leisten, verhalten, beinahe unscheinbar zu beginnen. In der ersten Dreiviertelstunde passiert wenig. Die Darsteller stellen sich mit ihren Eigenheiten vor, der Australier Damian Rebgetz in seinem schwarzen Rock, die Niederländerin Anne Rietmeijer mit ihrem umwerfenden Charme, die koboldhafte Anna Drexler, dazu William Cooper, der Jüngste und Impulsivste im Quartett, der es nicht erträgt, wenn einer behauptet, die Worte "Ich mag dich" nicht über die Lippen zu bringen. "Spuck's doch einfach aus", herrscht er seine Kollegen und Kolleginnen an, als ob das mit dem Spucken heutzutage so einfach wäre.

Das neue Leben, Schauspielhaus Bochumg

"Baby One More Time": Damian Rebgetz (v. li.), Anna Drexler, Anne Rietmeijer und William Cooper in "Das neue Leben".

(Foto: Joerg Brueggemann/Ostkreuz)

Sie zitieren ausführlich Dante, der seinerseits von seiner großen Liebe Beatrice erzählt, der er im zarten Alter von neun erstmals begegnet sein will. Das soll ja mehr oder weniger authentisch sein, Beatrice Portinari hat zwischen 1266 und 1290 tatsächlich in Florenz gelebt, aber weiß man, welche Freiheiten der Dichter sich genommen hat, um seine Herzensergüsse noch ergreifender zu gestalten? Und was ist im Endeffekt besser: eine erfüllte Liebe, die den Gang alles Sterblichen geht, oder doch eine romantische Passion, uneingestanden, fast unbeachtet, die aber unsterblich wird, da in eine kanonische Dichtung transformiert?

Dante hat Sonette gedichtet. Die Schauspieler zitieren daraus, spielen damit, fangen irgendwann an, anstelle von "O ihr, die ihr auf Amors Wegen geht" Popsongs zu bemühen, beispielsweise Britney Spears' "Baby One More Time". Das programmierte Klavier mit seinem unsichtbaren Pianisten hämmert dazu den Sound, auch zu "I'd Do Anything for Love (But I Won't Do That)", der Ballade von Meat Loaf. Aber nicht, dass man meint, es handele sich hier um einen lustigen Liederabend. Ganz und gar nicht. Humorvoll ist die Aufführung schon, aber in einem tieferen, nachdenklichen Sinn. Wenn Anne Rietmeijer dem Tod (er sitzt anscheinend im Parkett) die Leviten liest und ihm erklärt: "Ich verliere langsam die Geduld mit dir", und das mit dem schönsten niederländischen Akzent, dann weiß der Angesprochene hoffentlich, was die Stunde geschlagen hat.

Zum ersten Mal geht das Saallicht aus, wenn ein kleiner Lichtkubus sich in der Bühnenmitte langsam erhebt und immer schneller zu kreiseln beginnt, zu Musik, minutenlang. Das ist magisch. Danach steht plötzlich eine fünfte Schauspielerin auf der Bühne, die Belgierin Viviane De Muynck. Unter einer Kapuze versteckt, entpuppt sie sich als eine altersweise Beatrice, die den Jüngeren abverlangt, sie mit Sentimentalitäten bitte zu verschonen. Anna Drexler, die oft dann am besten ist, wenn sie sozusagen ins Unreine spielt ("Also ich fang jetzt noch mal ganz anders an"), hat sich das mit dem Ausspucken überlegt. "Magst du mich?", fragt sie De Muynck, und die, zögernd, sagt: "Bild dir darauf bloß nichts ein!" Bevor sie erklärt: "Ich brauch mal 'ne Pause. Pause für immer."

Per Knopfdruck spannt ein gigantisches Zelt sich auf, quasi ein Rettungsschirm für Ertrinkende in Liebesseenot. Schließlich haben die fünf noch "eine gute Nachricht" für uns, mit einem schönen Song des Rappers Danger Dan. Eine schlechte zwar auch: "Wir werden zu Asche." Aber es überwiegt die gute: "Es bleibt noch Zeit für dich und mich." Applaus.

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