"Raum" im Kino Augenringe, fettige Haare und verschwitzte Tanktops darf man für einen Oscar nicht fürchten

Und diese Idee hat jetzt den Oscar gewonnen. Oder nein, gewonnen hat natürlich Brie Larson, die 25-jährige kalifornische Hauptdarstellerin, die Joy spielt, im Team mit ihrem wunderbaren neunjährigen Co-Star Jacob Tremblay. Schon zu Recht: Man muss hart arbeiten, um einen solchen Part zu bekommen, und vor Augenringen, fettigen Haaren und verschwitzten Tanktops darf man sich nicht fürchten. Brie Larson macht alles richtig in diesem Film, sie macht aber auch nichts wirklich Überraschendes. Was die These stützen könnte, dass immer auch die gerade virulente Figur den Oscar gewinnt.

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Wie aber ist "Raum", mit seinen doch eher abschreckenden Anklängen an die realen Fälle von Natascha Kampusch und Elisabeth Fritzl, so virulent geworden, so erfolgreich auf Oscar-Jagd gegangen, noch dazu als Independent-Produktion mit winzigem Budget? Das hat viel mit dem speziellen Blick Emma Donoghues zu tun, die auch das Drehbuch geschrieben hat, und mit der Regie des irischen Filmemachers Lenny Abrahamson ("Frank", "Garage"), der schon länger von Außenseitergeschichten fasziniert ist.

Man versteht es besser, wenn es in der Hütte Abend wird. Dann muss Jack mit seiner Bettdecke im Kleiderschrank verschwinden. Er soll schlafen. Dann piepst das Zahlenschloss, die schwere schalldichte Tür geht auf, und der Mann steht im Raum, den Ma nur Old Nick nennt. Schemenhaft kann Jack ihn durch die Schranktür erkennen. Er bringt ein paar Dinge zum Essen mit, die er direkt aus dem Weltraum bekommt, und dann legt er sich zu Ma ins Bett und macht merkwürdige Geräusche, die Jack nicht hören soll.

Der kindlich-märchenhafte Blick macht das Verbrechen erträglicher

"Es gibt Raum, und dahinter Weltraum mit all den Fernseh-Planeten, und dann Himmel", sagt Jack in solchen Momenten zu sich. "Pflanze ist echt, aber Bäume sind nicht echt. Spinnen sind echt und die Mücke, die einmal mein Blut gesaugt hat. Monster sind zu groß, um echt zu sein, und genauso das Meer. Fernsehmenschen sind flach und aus Farben, aber du und ich sind echt. Old Nick, ich weiß nicht, ob der echt ist. Vielleicht halb."

Erst dieser kindlich-märchenhafte Blick erlaubt es, das Verbrechen, dessen Zeuge wir werden, stark zu desexualisieren, erträglicher zu machen, die Umstände von Jacks Zeugung, die jede Mutterliebe ja auch zerstören könnten, in eine Art magische Jungfrauengeburt zu verwandeln. Old Nick wird nicht explizit in seinen bösen Momenten gezeigt, auf ihn fokussiert sich kein Hass, nicht einmal größere Aufmerksamkeit. So konnte es für "Room" einen Oscar-Auftritt geben, die ein radikal unangenehmer Film zum selben Thema, wie "Michael" von dem Österreicher Markus Schleinzer, niemals bekommen würde.

Im Schritt aus der frühen Geborgenheit heraus, näher an die Welt und die Wahrheit heran, so schrecklich sie auch sein mag, weitet der Film seinen Blick dann aus. Was keinem Kind erspart bleibt, der Verlust seiner magischen Weltsicht, wird für Jack die Initiation in einen Fluchtplan seiner Mutter, in dem er selbst die Hauptrolle spielt - und der schließlich auch die weibliche Heldenrolle wieder relativieren wird.

Eintauchen in einen Alltag des Horrors und Hoffens

Der Film nimmt Thriller-Tempo auf, man fiebert mit vor dem Sprung ins Ungewisse, doch was dann passiert, sollte man ohne Vorwissen sehen. "Raum" funktioniert nicht nur auf der unmittelbaren Ebene des Eintauchens in das Unvorstellbare, in den Alltag des Horrors und Hoffens. Er zeigt auch sehr gut, wie nah das Kino dem Unvorstellbaren überhaupt kommen kann - und wie fern es ihm schließlich doch bleiben muss.

Room, Irland/Kanada 2015 - Regie: Lenny Abrahamson. Buch: Emma Donoghue, nach ihrem gleichnamigen Roman. Kamera: Danny Cohen. Schnitt: Nathan Nugent. Mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen. Universal, 118 Minuten.