Theater:Ich hoch drei

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Theater: Formstrenge Präzision im Atelier-Chaos: Christian Friedel als Solo-Protagonist in "Dorian".

Formstrenge Präzision im Atelier-Chaos: Christian Friedel als Solo-Protagonist in "Dorian".

(Foto: Lucie Jansch)

Vom Glück eines Theaterabends: Robert Wilson inszeniert in Düsseldorf "Dorian" frei nach Oscar Wilde. Ein Solo - und ein Triumph - für den Schauspieler Christian Friedel.

Von Alexander Menden

Als Christian Friedel zum großen Finale ganz in Weiß, mit strassbesetzten Jackett-Aufschlägen und Stöckchen auf die Bühne steppt und im besten "Cabaret"-Emcee-Stil noch einmal vom Straßenkater singt, der richtig und falsch nicht unterscheiden kann, spürt man im Auditorium des Düsseldorfer Schauspielhauses, wie sich alle zum Sprung in die Ovation bereit machen.

Von dem Augenblick an, da er im schwarzen Mantel und mit Hut aus dem Halbdunkel eines Atelier-Chaos aus Pinseln, Staffeleien und zerknülltem Papier auftauchte und zu sprechen begann, hat Friedel spielend die extrem hohen Erwartungen eingelöst, die das Publikum offenkundig in Robert Wilsons jüngste Produktion mit dem Titel "Dorian" gesetzt hatte. Im Gegensatz zu den Stücken, die der Amerikaner zuletzt in Düsseldorf mit großem Ensemble einrichtete, "Der Sandmann" und "Das Dschungelbuch", ist dies eine Solo-Show. In den nächsten anderthalb Stunden liefert der Mann mit den blauen Kontaktlinsen und dem weiß geschminkten Gesicht da vorne ein Meisterstück brillanter, fokussierter Schauspielkunst ab.

Die Titelfigur, die Christian Friedel spielt, vereint drei Persönlichkeiten in sich, den Maler Francis Bacon, den Autor Oscar Wilde und Wildes Schöpfung Dorian Gray. Die Textvorlage von Wilsons Landsmann Darryl Pinckney enthält also Bruchstücke einer fiktiven und zweier realer Biografien: Sie erzählt von Bacons Liebhaber George Dyer, der in Bacons chaotisches Londoner Atelier einbrach, dem Maler verfiel und dessen Leben im Suizid endete. Von Wildes Prozess wegen homosexueller Unzucht, seiner furchtbaren Zeit im Gefängnis von Reading. Und von Dorian Gray, dessen Gemälde altert, während seine inneren Verwüstungen durch ewige äußere Jugend verhüllt bleiben. Vielleicht ist als Vierter auch Lord Bosey noch untergemischt, Wildes selbstsüchtiger Lover.

Wer sagt da noch, Wilsons Theaterwelt sei ausschließlich Form, nicht Inhalt?

Je mehr man über all diese Geschichten weiß, desto mehr kann man zwischen den ineinander verschlungenen Erzählsträngen unterscheiden. Entscheidend sind solche Kenntnisse nicht. Denn Friedel vereint alle Elemente des Textes in einer eigenständigen Synthese aus Intensität, Entertainer-Esprit und beglückender, leichtfüßiger Präzision. Er schwebt über der Bühne, er gleitet an der Rampe entlang, kichert, ruft martialisch gegen Gustav Holsts aus dem Off dröhnende Komposition "Mars" an. Er ist Robert Wilsons kongenialer Performance-Partner.

Die Inszenierungen des mittlerweile 80-jährigen Wilson lebten immer davon, wie genau und konsequent seine Darsteller die hochraffinierten Elemente umsetzten, aus denen seine Bühnen-Gesamtkunstwerke seit Jahrzehnten bestehen. Bekanntlich verdankt Wilsons Ästhetik vieles von ihrer repetitiven Konzentration der Arbeit mit seinem autistischen Protegé Chris Knowles in den Siebzigerjahren. Wilson hat das Obsessive, das Sich-Vergewissern durch Wiederholung als Kommunikationsform stets ernst genommen und jene Pathologisierung vermieden, die in der Kategorie "Outsider Art" oft mitschwingt.

Der Wechsel zwischen Hektik und Langsamkeit, die Gestik aus abgewinkelten Armen und starr gespreizten Händen, das Puppenartige - wer das als Schauspieler begreift und verinnerlicht, wer also das Wilson-Vokabular so fließend beherrscht und spielerisch umsetzen kann, wie Christian Friedel es an diesem Abend tut, der straft en passant auch alle Lügen, die behaupten, Bob Wilsons Theaterwelt sei ausschließlich Form, nicht Inhalt. Pickneys Text spielt sogar bonmothaft mit diesem Vorwurf: "Schönheit ist oberflächlich, aber nicht so seicht wie das Denken!"

Der Abend gewährt Einblick ins defizitäre Menschsein und in die "Tragödien der Liebe"

"Dorian" eröffnet, im Gegenteil, gerade durch den Manierismus, durch das Artifizielle, gleichsam als Destillat der Abstraktion, so tiefe Einblicke ins defizitäre Menschsein, dass sich einem die Haare am Unterarm aufstellen. Wie banal etwa ein solcher Satz sein müsste: "Die Untreuen kennen die Tragödien der Liebe. Nicht diejenigen, die treu waren." Und wie wahr und entlarvend er in all seinem grausamen Solipsismus klingt, wenn Friedels Dorian ihn in gehauchter Tenorlage deklamiert, mit der distanzierten Selbstgerechtigkeit des unverbesserlichen Narzissten.

Wenn Dorian plötzlich an einem augensprengend hell beleuchteten Schminkspiegel auftaucht und einen der an Depeche Mode erinnernden Songs anstimmt, die Friedels Band Woods of Birnam beisteuert, dann ist das kein Show-Stopper. Es ist die nahtlose musikalische Fortsetzung der Selbstbespiegelung eines unerbittlich um sich kreisenden Menschen, der das Glück hat, im Zweifel stets auf sein Charisma zurückgreifen zu können. Über dieses Charisma verfügt aber nicht nur die Figur, sondern vor allem Christian Friedel, der fantastische Protagonist dieses wunderbaren Abends. Der entfesselte Applaus des Düsseldorfer Publikums ist absolut angemessen.

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