"Raise The Roof" von Robert Plant und Alison Krauss:"Ich hatte wirklich große Angst"

Lesezeit: 5 min

"Raise The Roof" von Robert Plant und Alison Krauss: "Eigentlich mussten wir vor allem rausfinden, wie ich Alisons unendlich schöne Stimme mit meiner nicht ruiniere": Alison Krauss und Robert Plant beim Bonnaroo Music and Arts Festival in Manchester im Jahr 2008.

"Eigentlich mussten wir vor allem rausfinden, wie ich Alisons unendlich schöne Stimme mit meiner nicht ruiniere": Alison Krauss und Robert Plant beim Bonnaroo Music and Arts Festival in Manchester im Jahr 2008.

(Foto: Mark Humphrey/AP)

Es ist ganz unmöglich, dass daraus etwas wird. Oder sehr zwingend. Robert Plant und Alison Krauss haben noch mal ein Album gemacht. Eine Begegnung.

Von Jakob Biazza

Ganz ohne mystisches Moment geht es natürlich nicht bei Robert Plant. War schon immer so bei dem Sänger. Bei seiner alten Band, bei seinen Solo-Sachen. Im Auftreten. Im Aussehen. In den Texten. In dieser urgewaltigen, reptilien-geilen Stimme, die eine ganze Generation zu imitieren versucht hat. Ach was, Generation. Jeder eigentlich, der je das gesungen hat, was irgendwann mal Hard-Rock hieß - völlig egal, ob es später dann Heavy Metal genannt wurde, Hardcore, Glamrock oder Emo. Alles Plant.

Alles dieses grenzsprengende (und manchmal freilich auch grenzdebile) Rock'n'Roll-Nukleus-Mystik-Gemisch - britischer, Marshall-Verstärker-bedröhnter Blues, ein Schlagzeug-Wumms, für den die passend großen Fußballstadien noch gebaut werden mussten, Begattungslyrik im Quadrat. Der Brite spielte ab 1968 schließlich etwa zwölf Jahre lang in der besten Formation einer Ära, in der die Gitarren endlich richtig laut wurden - und zusammen mit ganz tollen Haaren und sehr engen Hosen enorm wichtig. Plant war die Blaupause. Der Frontmann einer Band, die eine Dekade prägte, der sie in ihrer Zeitlosigkeit doch immer auch Jahrzehnte voraus war. Ständig allergrößte Geste. Immer noch größeres Eros. Bisschen keltischen Feenstaub drüber: fertig. "All that glitters is gold".

Led Zeppelin, die älteren Leute werden sich erinnern, hieß die Band. Plus/minus 300 Millionen verkaufte Alben. Mystik und Mythos lagen noch recht nah beisammen, damals.

Blues, Folk, Country - hochgefährliche Klangwelten, eine irre schwebende Harmonie in den Gesängen

Und ebendieser ehemalige Frontmann von Led Zeppelin, so erzählt er das jetzt am Telefon, fuhr nun also eines Abends eine Landstraße entlang - "16 oder 17 Jahre dürfte das her sein, und ich hörte die hochgeschätzte Radio-Show von Bob Harris". Er sagt das wirklich so: hochgeschätzt. "Stockdunkel" sei es gewesen, sagt er außerdem noch, was ja nur bedeuten kann, dass es mindestens so dunkel war, wie es sonst nur im Märchen ist, und natürlich rechnet das Gehirn des Zuhörers während der Geschichte auch noch dichten Nebel hinzu und einen einzelnen, krachenden Blitz. Dann wieder absolute Stille, und in der Ferne heult ein Wolf.

Jedenfalls: Plötzlich hörte der ehemalige Frontmann von Led Zeppelin diese (seine Worte): "himmlische Stimme", und war davon so ergriffen, dass er das Auto an den Straßenrand fuhr, den Motor abstellte und zum ersten Mal mit Haut und Haaren (tollen Haaren!) musikalisch jener Frau verfiel, mit der er in der Folge ein gigantisch gutes Album aufnehmen sollte: "Raising Sand", 2006 erschienen, Blues, Folk, Country, Rock - hochgefährliche, hypnotische Klangwelten, eine irre schwebende Harmonie in den Gesängen. Und jetzt noch ein zweites. Auch das ist toll. "Raise The Roof" heißt es.

Die Frau heißt Alison Krauss, was dem durchschnittlichen Kontinental-Europäer womöglich nicht die Ehrfrucht in den Leib treibt, die angemessen wäre. In den USA ist sie viel größer. Krauss war ein mindestens mittel-erstaunliches Geigen-Wunderkind, das sich mit etwa elf Jahren statt der Klassik jenem Genre zuwandte, in dem die Violine fiddle genannt wird: Bluegrass. Sehr Kernland-amerikanisch. Trotzdem sehr anspruchsvoll. Ihren ersten Grammy hat sie mit 19 gewonnen. Keine Frau hat es seither auf mehr Preise gebracht - bis Beyoncé 2021 ihren 28. bekam. Jetzt ist Krauss mit 27 Awards eben auf Platz vier. Quincy Jones (28) ist mit Beyoncé noch vor ihr. Und der Dirigent Georg Solti (31). Sonst niemand. Nicht Aretha Franklin, nicht Ella Fitzgerald. Keine Adele, Alicia Keys, Lady Gaga. Madonna eh nicht. Aber auch kein Springsteen, Kanye, Wonder. Krauss.

Das liegt, wenn man für den Moment annimmt, dass Preise wie die Grammys zumindest auch an herausragende Künstler vergeben werden, vor allem an ihrer Stimme. An dieser quellwasserreinen, bis ins Brutalistische unprätentiösen Stimme, geeignet von Gott und allen Engeln zu künden wie von nahen Verwandten. Wahrhaftigkeit klingt vermutlich so. Mindestens. "Himmlische Stimme": Plant macht da schon einen Punkt.

Krauss hat Plant das erste Mal bewusst bei MTV wahrgenommen, so erzählt sie das jetzt, in derselben Telefonkonferenzschaltung zwischen Nashville (Krauss) und einem nicht näher benannten Ort in Großbritannien (Plant). Zoom ist nichts für die beiden. Sie sind mit Computern nicht so gut. Auch Krauss' Erstkontakt mit dem musikalischen Partner ist schon etwas her. Der Sender namens "Music Television" spielte damals noch - verrücktes Konzept - Musik. Und Krauss sah und hörte Plant im Fernsehen also "als Solo-Künstler, nicht mit den Sachen, die er mit seiner früheren Band gemacht hat". Sie sagt das wirklich so: "seiner früheren Band". Als wären Led Zeppelin eine Art Riffrock-gewordener Lord Voldemort - the band, that shall not be named. "Ich hatte vor den ersten Sessions wirklich große Angst", sagt sie noch.

Unwahrscheinliche Mischung: der Donnergott des Übergroßen und die Säulenheilige des Authentischen

Und das fasst ja schon exzellent zusammen, wie unwahrscheinlich es anfangs war, dass dieses Projekt funktionieren könnte. Künstlerisch, in der Attitüde der Beteiligten, ästhetisch. Plant, der Donnergott des Übergroßen, des Künstlichen, dessen Stimme über Jahrzehnte alles, vor allem aber natürlich Frauen auf künstlerische Distanz gefaucht hat. Krauss, die Säulenheilige des Echten, des - Achtung, schlimmes Pop-Wort: Authentischen.

Es ist wirklich ganz unmöglich, dass daraus etwas wird. Oder natürlich sehr zwingend.

"Die eine große Frage, die für mich vor allen anderen Fragen stand:", sagt Plant deshalb über das erste Album, "Würden unsere Stimmen zusammen funktionieren?" Dann hält er kurz inne, überlegt oder will der gut geprobten Pointe das angemessene Timing geben, giggelt ein bisschen und sagt dann: "Na gut, eigentlich mussten wir vor allem rausfinden, wie ich Alisons unendlich schöne Stimme mit meiner nicht ruiniere." Woran man mal wieder sehen kann, dass auch Understatement Millimeterarbeit ist. Kann leicht auch mal verrutschen.

"Raise The Roof" von Robert Plant und Alison Krauss: Raise The Roof: das neue Album von Krauss und Plant.

Raise The Roof: das neue Album von Krauss und Plant.

(Foto: Warner Music/Warner Music)

Was also die Stimmen betrifft und auch die restliche Musik: Tatsächlich ist das Ganze auch auf "Raise The Roof" nichts weniger als ein hochgradig verwirrender Segen. Eine Art musikalische Anomalie, physikalisch wie metaphysisch kaum zu erklären, aber dann umschließt der goldgelbe Honigstrom von Krauss' Melodien gleich im ersten Song, "Quattro" (mantraartig geschrammelter Akkord, daunenweiche Keys, Samtbass), irgendwie Plants doch auch fantastisch gealterten Knarz, und ab da lassen die Stimmen einander kaum noch los auf dieser erneut dunkelschön strahlenden Country-Blues-Folk-Rock-Reise. Mal stemmt Plant sich unter die Arrangements und hebt alles, das scheint also möglich, der Sonne noch etwas näher entgegen. Mal tauchen sie gemeinsam tief hinab in die Whiskyfässer, in denen ein paar der Songs gereift sind. Katzenpfotiges, einander umschleichendes Zusammenspiel. Ganz scheues, tastendes Kennenlernen. Weniger beim zweiten Mal. Aber immer noch spürbar.

T Bone Burnett ist nach übereinstimmenden Berichten der beiden übrigens der Magier, der das ermöglicht hat. Der Produzent hatte einst die Idee zu dem Projekt, und wie damals treibt er Krauss und Plant auch diesmal raus aus ihrer Komfortzone. Hinein in Songs und Stilistiken, die beide so nie gespielt haben. Was nicht heißt, dass das Ergebnis auf irgendeiner Ebene neu wäre. Das ist nicht der Fall. Gleichzeitig klingt es aber trotzdem bislang ungehört. Noch so eine verwirrende Mischung. Bockstarker Begriff, den Plant dafür findet: "ancient brand new." Macht er auch einen Punkt mit.

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