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"303" im Kino:Wer die Millennials verstehen will, sollte diesen Film gucken

303

Jan und Jule (Mala Emde und Anton Spieker) sind im Wohnmobil unterwegs - das Ziel ihrer Reise aber ist das richtige Leben.

(Foto: Alamode Verleih)
  • "303" zeigt zwei Millennials auf einem sommerlichen Roadtrip zu den größeren Fragen des Lebens.
  • Mit dem Film knüpft der österreichische Regisseur Hans Weingartner an "Die fetten Jahre sind vorbei" aus dem Jahr 2004 an.
  • "303" überzeugt durch seine Hauptdarsteller - vor allem Mala Emde als Jule ist hinreißend.

Von Martina Knoben

Er heißt Jan, sie heißt Jule. Jule und Jan, das passt zusammen, das klingt schön. Und weil "303" ein Film der Worte ist - Reden ist hier so erotisierend wie sonst im französischen Kino - ist gleich klar, dass die beiden zusammengehören. "Weißt du, was fast noch schöner ist als der Kuss selbst?", sagt Jule einmal zu Jan. "Die drei Sekunden davor. Dieses Gefühl, wenn du weißt, gleich passiert's." "303" dehnt dieses prickelnde Gefühl auf 145 Filmminuten aus. Jan und Jule hieß auch das Paar in Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei", der Film lieft 2004 im Wettbewerb von Cannes. Mit "303" knüpft der österreichische Regisseur an diese Erzählung über drei Berliner Weltverbesserer an. Wieder geht es um alles - um die Frage nach dem richtigen Leben. Ist der Mensch von Natur aus egoistisch und wettbewerbsorientiert, wie Jan (Anton Spieker) meint, der deshalb den Kapitalismus als einzig passendes System ansieht? Oder ist er empathisch und kooperativ, wie Jule (Mala Emde) glaubt und vorlebt? Und was ist mit der Liebe: Wird man von Pheromonen und Hormoncocktails gesteuert, oder kann man sich aussuchen, wen man liebt?

Wenn Jule und Jan solche Gedanken austauschen, wirkt das vollkommen natürlich. Rede und Gegenrede folgen aufeinander wie Ein- und Ausatmen, es ist ein Geben und Empfangen. Während sie reden, cruisen die beiden im Campingbus von Berlin zur portugiesischen Atlantikküste. Da klingt die Romantik des Gaskochers an, richtig kitschig wird das aber glücklicherweise nie. "303" wirkt wie eine deutsche Variante von Richard Linklaters "Before Sunrise". Auch in Weingartners Film muss äußerlich nicht viel passieren. Aber wer die Millennials verstehen will, die zwischen 1990 und 2000 Geborenen, kann sie in "303" ganz gut studieren - gespiegelt im Blick eines 47-Jährigen: Wie sie auf dem Roadtrip des Lebens, mit scheinbar unendlich vielen Optionen, versuchen, ihren eigenen Weg zu finden, immer unterwegs sind und sich doch verwurzeln wollen.

Jan und Jule treffen an einer Tankstelle aufeinander, wo Jan von seiner Mitfahrgelegenheit versetzt wurde. Er will nach Spanien und dort seinen leiblichen Vater kennenlernen. Jule ist in ihrem alten Mercedes-Campingbus - dem titelgebenden 303 - auf dem Weg nach Portugal zu ihrem Freund. Sie ist schwanger und will ihm persönlich davon erzählen.

Jule nimmt Jan mit in ihrem Bus. Kaum zusammen, geraten die beiden aber schon heftig aneinander: Jan hält Suizid für egoistisch - man muss doch an die Angehörigen denken! - Jule kann das nicht aushalten, weil sich ihr Bruder das Leben genommen hat. Sie wirft den Tramper gleich wieder raus. Ein paar Zufälle bringen die beiden dann doch zusammen, und sofort wird weiterdiskutiert: über Darwin und den Kapitalismus, Cro-Magnon-Mensch versus Neandertaler, Küssen als Gen-Check und Monogamie als programmiertes Unglück.

So selbstverständlich wie das Reden selbst erscheint die Verbindung von Privatem und Politik. Dass die beiden mit fundiertem Halbwissen argumentieren, Jan und Jule bei all den großen Themen vor allem auch von sich selbst sprechen, nimmt Weingartner ganz unzynisch, mit viel Zärtlichkeit für seine Figuren zur Kenntnis. Zum Reden kommt der Wechsel von Fahren und Anhalten, um zu tanken, zu essen und zu schlafen und etwas von der Welt zu sehen. Das ergibt ein schwebendes Sommergefühl, das die High-Key-Optik des Films noch unterstreicht.

Alles scheint wunderbar offen zu sein

Hatten die ausgebleichten Farben und das helle Licht Jule in Berlin noch kränklich aussehen lassen, malen sie später den Optimismus dieser Reise aus. Obwohl im Grunde klar ist, wohin sie führt - Jan und Jule sind wie füreinander bestimmt - scheint alles auf eine wunderbare Weise offen zu sein. "303" beschwört - vielleicht etwas zu nostalgisch - das Freiheitsgefühl des Roadmovies herauf, das bei Weingartner auch eine explizit politische Dimension hat: Diese Mittzwanziger sind keine Rebellen, aus ihren Debatten aber spricht die Überzeugung, dass sie ihren Weg - und die Welt - gestalten und für Gerechtigkeit eintreten können, in einer fatalistischen Zeit.

Die Dialoge wirken so spontan, als hätten die Schauspieler sie am Set improvisiert. Tatsächlich hatte Weingartner, wie er erzählt, seit 1997 in einer Art Tagebuch Gespräche gesammelt, in denen Theorien über die Welt verhandelt werden. Mit seiner Co-Autorin Silke Eggert bastelte er daraus ein Drehbuch, führte Videointerviews mit jungen Leuten, um es "inhaltlich upzudaten". Dann wurde lange mit den Schauspielern geprobt. "An den Dialogen", so Weingartner, "ist rein gar nichts zufällig."

Den deutschen Filmförderern und Fernsehredakteuren war das Gerede in "303" allerdings zu viel. "Es war extrem schwer, diesen Film zu finanzieren", sagt Weingartner, er musste mit wenig Geld drehen. Der karge Look des Films passt zwar ganz gut zum Neo-Hippie-Feeling, aber es spricht nicht für das deutsche Fördersystem, dass selbst ein renommierter Regisseur wie Weingartner so wenig Unterstützung erfährt. Gerade mal fünf Filme hat er seit seinem Debüt "Das weiße Rauschen", 2001, realisieren können.

Dass "303" trotz dieser Schwierigkeiten gelungen ist, liegt vor allem auch an den beiden Hauptdarstellern. Wie Jule und Jan den anderen erst doof finden und sich dann Satz für Satz, Kilometer für Kilometer herantasten an den anderen, bis sie irgendwann verwundert bemerken, dass sie ja längst verliebt sind, das ist hinreißend gespielt. Nuancen verraten die Gefühle: ein schüchterner Blick von der Seite, oder ein verärgertes Stapfen, wenn Jan sich in seiner inneren Unsicherheit von Jule erkannt sieht. Vor allem Mala Emde, die beim Dreh erst 19 war, wird man hoffentlich noch häufiger auf der Leinwand sehen. Ihre Jule wirkt wie aus einem Nouvelle-Vague-Film: zierlich und verwundbar, aber ihre Ausstrahlung haut einen um.

303, D 2018 - Regie: Hans Weingartner. Buch: Weingartner, Silke Eggert. Kamera: Mario Krause, Sebastian Lempe. Schnitt: Benjamin Kaubisch, Karen Kramatschek. Musik: Michael Regner. Mit: Mala Emde, Anton Spieker. Verleih: Alamode, 145 Minuten.

© SZ vom 19.07.2018/luch

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