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Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum":Die alles verbindenden Dinge

Menschen des Jahres 2016: Sharon Dodua Otoo

Chance auf einen neuen literarischen wie alltäglichen Sprachgebrauch: Sharon Otoo.

(Foto: Paul Zinken/picture alliance)

Vier Frauen, viele Epochen: In ihrem Romandebüt "Adas Raum" zeigt Sharon Dodua Otoo, was sie unter einem die ganze Welt und ihre Leiden umspannenden Schreiben versteht.

Von Hanna Engelmeier

Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum" setzt auf eine Erzählstimme, um die es in der Literatur bisher ruhig war. Das Ich, das durch die drei Teile des Buches wandert, ist - bescheidener kann man es nicht ausdrücken - der Weltgeist: "Als Lufthauch kann ich weder gesehen noch angefasst werden." Deswegen fährt er im Verlauf des Romans in einen Reisigbesen, einen Türklopfer, die Wände eines Zimmers und einen Reisepass und durchmisst fast sechs Jahrhunderte. Aus der Perspektive dieser Gegenstände erzählt Otoo vom Leben von vier Frauen, die alle Ada heißen.

Den vier Adas mögen die Dinge stumm erscheinen, im Roman sind sie aber äußerst beredt und fiebern mit bei den Versuchen der Frauen, sich einen ganz eigenen Raum zu schaffen, eine Welt nach ihren Vorstellungen. Das durch die Epochen wandernde Ich möchte in seiner jeweiligen Form dabei helfen: "Über die Jahrhunderte hatte ich mitbekommen, wie glückliche Wesen aussahen. Der Zustand schien ansteckend zu sein. Und mit Sicherheit, dachte ich, würde es mir das Weiterkommen erleichtern, wenn ich mehr Wert auf Bejahendes legen könnte. Meine Begegnungen mit Lebenden waren immer ertragreicher, wenn ich Glücksgefühle in ihnen ausgelöst hatte."

Die scheinen zunächst rar zu sein. Die Erzählung beginnt mit Ada, die im 15. Jahrhundert in Totope in Westafrika lebt und von einer Nachbarin mit dem Reisigbesen verprügelt wird. Sie hat schon ihr zweites Kind verloren und kann sich nur schwer in die Gemeinschaft ihres Dorfes fügen. Gleich zu Beginn des Romans stößt Otoo die Tür ihrer Erzählung weit auf und gibt den Blick auf Adas Schmerz frei, der noch zunimmt, als sie von portugiesischen Kolonisatoren aus ihrem Heimatdorf verschleppt wird.

Ein Armband wandert als verbindendes Element durch alle Zeitebenen

Die zweite Ada ist die Frau, der man zuschreibt, die erste Programmiererin der Geschichte gewesen zu sein. Ada Lovelace arbeitete gemeinsam mit Charles Babbage an den ersten Rechenmaschinen, die selbständig dazu in der Lage sein sollten, Algorithmen auszuführen. Der Türklopfer markiert die Schwelle zu dem Haus, in dem die beiden arbeiten und auch eine Liebesgeschichte erleben. Er steht bildhaft für die Frage, wer in welche Szenen Einlass erhält, im eigentlichen und übertragenen Sinn. Ada empfängt ihren Ehemann, der überraschend von einer Reise zurückkehrt, zugleich steht sie aber selbst an der Schwelle einer historischen Erzählung darüber, wie die Computer in die Welt kamen. Wird sie ihren Platz finden? Das ist in ihrer Gegenwart nicht ausgemacht, die Geschichte ist erzählt, aber noch nicht geschrieben. Otoo schreibt sie neu.

Die Zeitebenen ihres Romans gehen oft so unmerklich ineinander über, dass es schwerfällt, genau zu verstehen, wer jeweils spricht. Dafür werden die Erzählstränge durch ein weiteres Element zusammengehalten: Wiederum ist es ein Gegenstand, ein Armband wandert mit all diesen Frauen durch die Geschichte, als Liebespfand von Müttern übergeben, die ihre Kinder verlieren, durch deren Tod oder den eigenen. Allen vier Adas begegnet dieser Schmuck - zuletzt taucht er in einem Ausstellungskatalog afrikanischer Kunst in der Gegenwart auf und ruft damit aktuelle Debatten über Restitution auf.

Nicht zuletzt durch diese Wendung verwirklicht Otoo das Programm ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur, mit der 2020 der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis begann. Otoo hat den Preis 2016 selbst als erste Britin und als erste schwarze Autorin gewonnen. In ihrer Rede erklärte sie, warum es einen Unterschied macht, ob man "schwarze" oder "Schwarze" Autorin schreibt. Mit dem Großbuchstaben markieren Otoo und andere Autorinnen und Autoren, "dass wir der Community angehören, oder, wenn dem nicht so ist, dass wir uns mit der Bewegung solidarisieren".

Welches historische Argument will Otoo durch ihre Montage formulieren?

Otoos viel beachtete Rede "Dürfen Schwarze Blumen malen?" widmete sich Differenzierungen dieser Art als Chance auf einen neuen literarischen wie alltäglichen Sprachgebrauch. Das Deutsche könne, wie sie freundlich formulierte, durchaus einige Upgrades in Sachen Solidarität verkraften. Sie stellte Überlegungen dazu an, wer wem seine Solidarität erweisen solle. Unter dem Eindruck der Debatte um Antisemitismusvorwürfe gegen den kamerunischen Historiker Achille Mbembe stellte sie insbesondere die schwarzen und die jüdischen Gemeinschaften Deutschlands in den Mittelpunkt: "Ich frage mich, wie wir die Art der Debattenführung verändern können, um Platz für die Positionen Schwarzer jüdischer Menschen zu machen. Wie können wir auf Allianzen bauen, im Dialog bleiben und zu einem Verständnis kommen, das der Komplexität von Erinnerung und Mahnung gerecht wird?"

Otoo beantwortet diese Frage in ihrem Roman vor allem durch die Biografie der dritten Ada. Sie ist eine der Zwangsprostituierten im Bordell des KZ Buchenwald/Mittelbau-Dora. In dieser Szenerie schrumpft Adas Raum auf die Größe des Zimmers, in dem sie arbeitet. Ein eigener Raum kann eine ganze Welt sein - oder eben eine Folterkammer. Nachdem schon die Ada des 15. Jahrhunderts von ihren Unterdrückern ermordet wurde, stirbt ihre Namensvetterin in Mittelbau-Dora bei dem Versuch, sich aus ihrer Lage zu befreien.

Welches historische Argument aber will Otoo durch die Montage der Biografien formulieren? Und wie weit trägt es? Wie hängen die Kolonisierung Afrikas durch weiße Europäer und die Shoa zusammen? Ist die Suggestion, die Gewaltgeschichte der Kolonisation ließe sich mehr oder weniger unmittelbar bis zu der des Faschismus verlängern, sinnvoll? Oder sind das vielleicht nur sehr deutsche Fragen, um nicht von der bekannten Erzählung der deutschen Vernichtungskriege abweichen zu müssen? Schon die stößt ja immer noch auf Verweigerung und Leugnung, und angesichts der großen Kontinuität, die Otoo aufreißt, regt sich die Frage: Ist das alles jetzt auch noch Teil unserer Schuld?

Die Antwortet lautet: Ja, und es wäre gut, sich dem zu stellen. Weniger sicher scheint, ob die filigrane Konstruktion eines Romans, der formal auf Brüche, Auslassungen und Suggestionen setzt und damit dem Publikum erfreulich viel Eigenarbeit dabei zutraut, genug Kraft für die Last all dieser Fragen hat. Das kann nur die Diskussion über das Buch zeigen, die hoffentlich breit geführt wird.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 320 Seiten, 22 Euro.

(Foto: S. Fischer)

Der Kontrast zwischen den beklemmenden Szenen in Mittelbau-Dora und der Geschichte der vierten Ada scheint jedenfalls groß genug, um etwas ratlos darüber zu werden, was hier alles zusammengehört. Die Vierte lebt im 21. Jahrhundert, ist hochschwanger und sucht in Berlin nach einer Wohnung. Immer mit ihrem Pass in der Tasche, dem Zeugnis, dass sie Britin ist und zumindest auf dem Papier einen Identitätsnachweis hat, den die weißen Deutschen anerkennen. Sie tun es allerdings in der Regel nicht, Ada sieht von vielen Wohnungen nur zugeschlagene Türen.

Dass hier wieder aus der Perspektive eines Gegenstandes erzählt wird, nämlich des Reisepasses, kann der Text nicht immer überzeugend vermitteln. Die komplexe Verteilung der Stimmen im ersten Teils des Romans tritt zugunsten eines Plots zurück, der die Gegenwart rassistischer Diskriminierung, Mutter- und Schwesternschaft thematisiert. Otoos Gespür für die Macht der nur scheinbar stummen Dinge speist aber auch diesen Teil des Romans, und die Geschichte des Armbands, des fünften, alles verbindenden Dings, überzeugt einen doch von der Kraft ihrer narrativen Technik.

Die Perspektive von Dingen einzunehmen, denen man durch die Zeit folgt, ist eine effektive Art, Leserinnen und Leser am Leben von Figuren teilnehmen zu lassen, mit denen sie sich nicht zwangsläufig identifizieren müssen. Otoo schreibt so an einer Literatur, die Freiräume für ein Publikum mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen schafft. Wer nie als hochschwangere Schwarze versucht hat, in Berlin eine Wohnung zu finden, wird hier nicht aufgefordert, sich diese Erfahrung lesend anzueignen, sondern sie als beobachtend zu erleben. Das nötigt dennoch zur anteilnehmenden Selbstreflexion. Mit Otoos Erzähltechnik lässt sich Identitätspolitik auch als ästhetisches und emotionales Verfahren begreifen. Bliebe zu hoffen, dass das vielen Leserinnen und Lesern gelingt. Der nächste Schritt wäre, sich dieses Verfahren praktisch anzueignen.

© SZ/masc
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