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Restitution:Im Kostüm des Anderen

Deutsches Theatermuseum übergibt Zeichnungen zum Nürnberger Schembartlauf an Lämmle-Erben

Es gibt Restitutionen in diesen Tagen, die sind von großen öffentlichen Auftritten beteiligter Juristen, Museumsdirektoren und kompliziert vorbereiteten, flankierenden Stadtratsbeschlüssen begleitet. Und es gibt jene, die ganz im Stillen stattfinden. So zum Beispiel die Rückgabe von sieben Zeichnungen an die Nachfahren des jüdischen Kunsthändlers Siegfried Lämmle durch das Deutsche Theatermuseum. Es handelt sich dabei um seltene Darstellungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert des Nürnberger Schembartlaufs, eines Fastnachtsbrauchs. Sie waren zur Kostümforschung in die Sammlung des Museums gelangt. Auf welchen Wegen, das war Gegenstand einer Untersuchung, für die das kleine Münchner Museumsteam vor zwei Jahren finanzielle Hilfe vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste beantragt hatte.

Erhalten bleiben die schönen Blätter dem Theatermuseum nun trotzdem. "Dank des freundlichen Entgegenkommens der Nachfahren von Siegfried Lämmle konnten wir die Zeichnungen kaufen", sagt Claudia Blank, die Leiterin des Hauses. Die dafür nötige Summe kam mit Hilfe des Freundeskreises des Deutschen Theatermuseums zusammen. Über deren Höhe wird keine Auskunft erteilt. Schon Ende November, im unmittelbaren Vorfeld der in Berlin veranstalteten Fachkonferenz zum Umgang mit NS-Raubkunst "20 Jahre Washingtoner Prinzipien: Wege in die Zukunft" wurden in München die Restitution und Erwerbung gemeinsam mit den Erben in einem symbolischen Übergabeakt an Ort und Stelle vollzogen.

Aus Ablassbriefen besteht das Kostüm dieses Narren. Es spricht für den Mut, mit dem die Nürnberger Schembartläufer in der Fastnacht ihre Witze über die Obrigkeit rissen.

(Foto: Rudolf Faist, Deutsches Theatermuseum)

Claudia Blank und Susanne de Ponte, die Leiterin der Grafikabteilung des Museums, hatten dafür Kopien der Werke anfertigen lassen und sie Nina und Rex McGehee, den Erben Siegfried Lämmles, geschenkt. "Sie haben sich viel mehr darüber gefreut, als wir erwartet hatten", sagt Claudia Blank. Es sei ein gutes Gefühl gewesen, die formale Floskel von "der fairen und gerechten Lösung" einmal umsetzen zu können. Besonders mit Gegenübern, die sich so kundig und in emotionaler Bindung an die Objekte zeigten. Dem Museum hinterließen sie eine denkbar versöhnliche Botschaft. "Die Erben der Familie Lämmle freuen sich sehr über die Vereinbarung, die getroffen werden konnte, und dass die Zeichnungen weiterhin in der Obhut des Museums bleiben.

Unsere Entscheidung hat besonders beeinflusst zu sehen, wie kundig sich die Mitarbeiter des Hauses um deren historische Präsentation und ihre Konservierung kümmern. Die Gespräche zwischen unserer Familie und dem Museum waren stets offen, einfühlsam und stehen für uns exemplarisch für eine gute und sinnvolle Lösung."

Aufmerksam geworden war das Münchner Theatermuseum auf die Blätter im Rahmen der systematischen Überprüfung seiner Bestände. Man fand sie im Abgleich mit den vor wenigen Jahren aufgetauchten Katalogen des Münchner Auktionshauses Adolf Weinmüller, das in den Dreißigerjahren viele Werke weiterverkaufte, und die heute als "NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunst" eingestuft sind und dessen Bücher. Nicht gerade wenige Werke stammten aus dem Besitz von Siegfried Lämmle, der sich von 1935 an zunehmend den von den Nationalsozialisten gegen Juden gerichteten Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt sah. Er war gezwungen, im Juni 1937 sein Geschäft aufzugeben. Mit Unterstützung seines Bruders, des Hollywoodpioniers Carl Lämmle (1867-1939), emigrierte Siegfried Lämmle im September 1938 mit seiner Ehefrau Betty in die USA.

Siegfried Lämmle (1863-1953) besaß in der Briennerstraße eine Kunsthandlung, die er auf Druck der Nazis im Jahr 1937 aufgeben musste. Viele seiner Objekte landeten später in Münchner Museen.

(Foto: Germanisches Nationalmuseum)

Wie seine Zeichnungen zum Nürnberger Schembartlauf im Theatermuseum landeten, konnte Manu von Miller, die mit der Provenienzforschung am Haus betraut ist, sehr genau rekonstruieren. Sie wurden im Rahmen der Liquidierung von Lämmles Kunsthandlung in der Auktion vom 9. und 10. März 1939 bei Weinmüller versteigert und vom damaligen Direktor des Theatermuseums gekauft. Im Zugangsinventarbuch des Hauses, das damals noch "Münchner Theatermuseum" hieß, sind die grafischen Blätter entsprechend verzeichnet. Erst im April des vergangenen Jahres hatte mit dem Bayerischen Nationalmuseum ein anderes Münchner Haus an die Familie Lämmle Raubkunst restituiert. Es handelte sich dabei um die "Allegorie der Klugheit", eine Skulptur des Bologneser Bildhauers Petronio Tadolini aus dem Barock. Auch sie wurde mit Hilfe einer Stiftung für das Bayerische Nationalmuseum erworben und wird nun mit dem Hinweis auf ihre Provenienz ausgestellt.

Die sieben Zeichnungen zum Nürnberger Schembartlauf haben das Potenzial, in Zukunft auch ganz andere Forschungsfelder als das der Provenienz zu beflügeln. Sie sind laut Susanne de Ponte einem oder mehreren "Schembartbüchern" entnommen. Von denen es weltweit noch rund 60 Exemplare gibt. Sie beschreiben handschriftlich, chronologisch und reich illustriert diese Fastnachtstradition der Jahre 1449 bis 1539. Der Sage nach entstanden sie als ein Privileg, mit dem die Nürnberger Metzger nach einem Handwerkeraufstand für ihre Treue zum Nürnberger Rat belohnt wurden. Sie durften an Fastnacht Tänze abhalten und Masken tragen, was sie mit allerlei Frechheiten gegenüber der Obrigkeit weidlich ausnutzten.

Bei den Zeichnungen, die einige dieser Masken detailreich abbilden, handelt es sich um die zweite Restitution des Theatermuseums. Schon im Jahr 2014 hatte es erstmals zwei grafische Blätter aus dem Besitz des Kunstsammlers Michael Berolzheimer an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben. Und wie es aussieht, reißt die Arbeit für Manu von Miller so schnell nicht ab, denn die sieben Lämmle-Blätter waren Teil eines ganzen Objektkonvoluts. Es fachmännisch zu untersuchen, wird Jahre dauern. Sofern ihre zeitlich befristete Stelle verlängert wird. Denn derlei Befristungen sind derzeit eines der gravierendsten Probleme für die Provenienzforschung.

© SZ vom 12.02.2019
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