Roman "Enteignung" Am Hang

Unantastbar: Auch wenn der Grund Millionen wert ist, kommt es für Landwirte eher nicht in Frage, den Hof zu verkaufen.

(Foto: imago stock&people)

Reinhard Kaiser-Mühlecker ist sehr erfolgreich, aber dafür erstaunlich wenig bekannt. Sein neuer Roman spiegelt den Blick der Gegenwartsliteratur aufs Landleben.

Von Felix Stephan

Jede Zeit hat ihre eigenen Romanfiguren. Die Globalisierung und ihre Nebenphänomene Urbanisierung und galoppierende Ungleichheit haben zum Beispiel den verständnisvollen Binnenethnologen hervorgebracht, der aus den selbstbezogenen Innenstadtsoziotopen in die rätselhafte Welt hinter den Autobahnringen aufbricht, um eine Wahrheit dort ausfindig zu machen, wo die Mietpreise sinken und folglich auch alles andere auf dem Kopf stehen muss. Der Journalist Moritz von Uslar ist für seinen Roman "Deutschboden" aus Berlin-Mitte ins brandenburgische Zehdenick gefahren, der Soziologe Didier Eribon aus Paris-Belleville nach Reims und in diesem Frühjahr ist Jörg-Uwe Albigs Roman "Zornfried" erschienen, in dem es auch um einen weltläufigen, ironiebeflissenen Journalisten geht, der die Seele des Landes in der Provinz vermutet.

In Cannes ist vor zwei Jahren der Film "L'Atelier" gelaufen, in dem es um die disziplinarische Dimension dieses freundlichen Forschungsinteresses ging: In dem Film kommt eine erfolgreiche Schriftstellerin aus Paris in die verarmte, südfranzösische Hafenstadt La Ciotat, um den einheimischen Jugendlichen aus ihrer Perspektivlosigkeiten zu helfen, indem sie einen Creative-Writing-Workshop anbietet. Einem ihrer Schüler geht die herrische Gutmütigkeit der Schriftstellerin so auf die Nerven, dass er gerade dadurch radikalisiert wird, und eine Waffe auf sie richtet.

Auf den ersten Blick ließe sich in diese Reihe auch "Enteignung" einsortieren, der neue Roman eines österreichischen Schriftstellers, der 36 Jahre als ist und heißt wie eine Hamburger Anwaltskanzlei: Reinhard Kaiser-Mühlecker. Auch hier geht es um einen Journalisten, der in New York und Los Angeles gelebt und für die "Süddeutsche Zeitung" geschrieben hat, sich zurzeit aber in seinem österreichischen Heimatdorf aufhält. Der Unterschied jedoch besteht darin, dass der Blick des Ich-Erzählers auf die Dorfbevölkerung kein ethnologischer ist, sondern viel aufrichtiger: vollkommen frei von jeder diagnostischer Neugier und insgesamt völlig indifferent.

Dass er mit diesem Trottel eine Frau teilt, empfindet der Erzähler als ehrabschneidend

Der Ich-Erzähler in "Enteignung" kultiviert eine freigiebige Teilnahmslosigkeit, wie man sie vielleicht vom Cloud Rap kennt oder aus den mémoires von Chateaubriand: Er schreibt ohne Ambitionen eine Kolumne für die Lokalzeitung, nimmt deren Niedergang leidenschaftslos hin, geht an Nachmittagen schwimmen und dreht als Hobbypilot seine Runden mit dem Sportflieger. Nach einer Weile lässt er sich zu einer Affäre mit einer alleinerziehenden Mutter namens Ines aus dem Dorf überreden, deren Reiz darin besteht, dass er sie eigentlich unter seiner Würde findet und gerade deshalb moderat aufregend.

Dass ihm diese Affäre letztlich doch etwas bedeutet, stellt er erst fest, als er herausfindet, dass Ines außerdem mit einem der Bauern schläft, der in der Gegend einen Schweinemastbetrieb hat. Dieser Bauer heißt Flor und befindet sich in einem Rechtsstreit mit der Gemeinde, die auf seinem Grundstück Windräder errichten will.

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Dem Ich-Erzähler ist Flor gut in Erinnerung: Als die beiden in diesem Dorf gemeinsam zur Schule gingen, war er der nicht besonders redegewandte Junge, mit dem niemand je ein Wort wechselte. Dass er sich nun ausgerechnet mit diesem Trottel eine Frau teilt, empfindet der Ich-Erzähler als ehrabschneidend und um diesem eigenartigen Gefühl auf den Grund zu gehen, wird er bei Flor vorstellig und fragt, ob er ihm zur Hand gehen könne. Eine Übersprungshandlung, die genau so abseitig ist, dass sie sofort plausibel wird.

Als Flor ihn als Hilfskraft einstellt, sodass er von fünf bis 22 Uhr im Schweinestall schuftet und seinen Muskeln beim Wachsen zusieht, beginnt eine atemlose Nouvelle-Vague-Liebesgeschichte, an der der Ich-Erzähler, der Bauer, dessen Ehefrau und die gemeinsame Geliebte Ines beteiligt sind. Alle betrügen einander und oben, über dieser Szenerie, auf dem Dach des Schweinestalls, prangt in großen, selbstgemalten Lettern, als Zeichen des hilflosen, verzweifelten Widerstands des Bauern gegen die Gemeinde, eigentlich aber gegen die Welt, das Wort "Enteignung".