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Neuverfilmung von "Rebecca":Zurück nach Manderlay

Rebecca Film Netflix

Die neue Herrin und die sinistere Haushälterin: Lily James (vorn) und Kristin Scott Thomas in der Neuverfilmung von Daphne du Mauriers "Rebecca".

(Foto: Kerry Brown / Netflix)

Ben Wheatley hat Daphne du Mauriers Roman "Rebecca" neu verfilmt - und misst sich mit der berühmten Version von Alfred Hitchcock. Nur, warum eigentlich?

Von Kathleen Hildebrand

"Gestern Nacht träumte mir, ich sei wieder in Manderley" - mit diesen Worten beginnt Daphne du Mauriers Roman "Rebecca". Warum der Erzählerin dies träumt, ist bald klar: Im Landsitz Manderlay, einem gotischen Prachtbau in Cornwall, sind schlimme Dinge geschehen, ein Beziehungspsychothriller hat sich abgespielt, den keiner der Beteiligten je wieder vergessen wird.

Warum aber Netflix den Regisseur Ben Wheatley zurück nach Manderlay schickt, um du Mauriers Geschichte noch einmal zu erzählen? Zunächst ist da natürlich die Aura der Alfred-Hitchcock-Verfilmung von 1940, mit Joan Fontaine und Laurence Olivier in den Hauptrollen. Es war der erste Hitchcock-Film in Hollywood, und er schlug gleich ordentlich ein, bekam Oscars für die Kamera und für den besten Film.

Achtzig Jahre nach Joan Fontaine stolpert nun also Lily James genauso großäugig, aber etwas weniger strickjackig durch die Marmorhalle eines Luxushotels in Monte Carlo. Sie ist als bezahlte Gesellschafterin einer reichen Dame hier und verliebt sich zwischen Frühstücksterrasse und Strand in den englischen Aristokraten und Witwer Maxim de Winter, den Herrn von Manderlay.

Lily James, deren immer fast ein bisschen zu offensichtlichem Charme man sich nur schwer entziehen kann, hatte ihre erste große Kinorolle 2015 im Disneyfilm "Cinderella" von Kenneth Branagh. Das passt, denn die Protagonistin in "Rebecca" ist natürlich auch eine Art Aschenputtel. Eines, das den Prinzen zwar heiratet, aber leider eine viel glamourösere Vorgängerin namens Rebecca hatte, an die sie ständig erinnert wird. Ein "R"-Monogramm ist in alle Taschentücher gestickt, sogar die Vogelschwärme am Himmel über Manderlay formen den Buchstaben, und die strenge Haushälterin Mrs Danvers, Kristin Scott Thomas mit eisigem Lächeln, redet von nichts anderem.

Den düsteren Prinzen spielt Armie Hammer, bekannt unter anderem aus "Call Me By Your Name". Man weiß nicht, ob es an dem auffälligen Senfbraungelb von Maxim de Winters offenbar einzigem Anzug liegt, aber er bleibt ein wenig blass in dieser Rolle. So gut nachdenklich hadern wie Laurence Olivier kann er nicht, dafür wirken seine Wutanfälle aufgrund seiner kräftigen Physis sehr viel bedrohlicher.

Dass Netflix für die Neuverfilmung den britischen Regisseur Ben Wheatley verpflichtet hat, war erst einmal mutig gedacht. Wheatley hat unter anderem die stilsichere Klassengesellschaftsdystopie "High-Rise" gedreht. Aber so wie die zweite Mrs de Winter im Schatten ihrer Vorgängerin einzugehen droht, verblühen auch Wheatleys Ideen, weil er sie angesichts des übermächtigen Vorbilds nur sehr zaghaft umsetzt.

Was er und die Drehbuchautoren anders machen als Hitchcock, zielt auf eine Modernisierung des Stoffes ab. Etwa, wenn die Protagonistin im letzten Drittel des Films versucht, ihren Mann vor der Verurteilung als Mörder zu bewahren, und dafür zur Detektivin wird - das Problem ist nur, dass sie bis dahin hilflos verschreckt war, und man ihr diese Wandlung einfach nicht abnimmt.

Die Grenzen von Schuld und Unschuld verschwimmen - aber war das beabsichtigt?

Was noch schwerer wiegt: Wheatleys Held hat eine ungleich größere Schuld auf sich geladen als der beinahe zufällig zum Mörder gewordene Hausherr in Hitchcocks Version. Dass seine junge, idealistisch-naive Ehefrau ihm die so flugs vergibt, lässt sie weniger romantisch erscheinen als obsessiv. Ja, es rückt sie in die Nähe von Mrs Danvers, die ihre tote Herrin immer noch manisch anbetet. Wenn Lily James im Epilog die zentrale Bedeutung der Liebe beschwört, bekommt man fast ein bisschen Angst vor ihren dunkel leuchtenden Augen, aus denen ein neu erwachtes Selbstbewusstsein spricht.

Überhaupt verschwimmen in dieser Version von "Rebecca" die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld auf eine Weise, die nicht uninteressant ist, die aber auch nicht hundertprozentig beabsichtigt wirkt. Im Gegensatz zu Hitchcock zeigt Wheatley seine Rebecca einige Male - vielleicht als Traumbild, als Halluzination, man sieht nur ihr Haar von hinten, während sie durch die Gänge von Manderlay läuft, fast als wäre sie auf der Flucht. Aber ihre Präsenz ist aus heutiger Sicht, ein paar feministische Wellen nach 1940, nicht ganz so eindeutig böse und düster, wie die Geschichte noch bei Hitchcock suggerierte.

Rebeccas Vergehen war es, sich nicht an die Erwartungen der Gesellschaft an eine ehrenwerte Frau und Ehefrau zu halten - und ihren Mann ein bisschen dafür zu verachten, dass er alle Konventionen dieser Gesellschaft erfüllen wollte. Sie musste sterben, weil sie auch in der Ehe auf ihren Freiheiten beharrte, auch auf der ihrer Sexualität. Wenn man es recht bedenkt, wäre ein "Rebecca" über Rebecca der zeitgemäßere, ja, der spannendere Film gewesen.

Rebecca, GB 2020 - Regie: Ben Wheatley. Buch: J. Goldman, J. Shrapnel, A. Waterhouse. Kamera: Laurie Rose. Mit: Lily James, Armie Hammer, Kristin Scott Thomas. Netflix, 121 Minuten.

© SZ vom 22.10.2020/khil

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