Reaktionen auf den Tod von Günter Grass "Er hat viel Mut gehabt"

Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste

In Günter Grass verliert die Welt der Literatur einen wortmächtigen Autor und unsere Republik einen ihrer streitbarsten Mitbürger. Wenn er die Demokratie in Gefahr sah, ging er keiner notwendigen Auseinandersetzung aus dem Wege. Ich persönlich verliere in ihm einen Freund mit Haltung, auf den man sich sowohl politisch als auch ganz praktisch stets verlassen konnte.

A.B. Yehoshua, israelischer Autor

In den 60er-Jahren in Paris habe ich seine Arbeit kennen- und schätzen gelernt. Für mich ist er ein Vorbild gewesen, wie man gute Literatur mit politischer Einmischung verbindet. Das hat uns alle in Israel sehr beeindruckt. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass es einen Boykott durch den israelischen Schriftstellerverband gab, als er 1967 zum ersten Mal hierherkam - und der erste Artikel, den ich je geschrieben habe in meinem Leben, war gegen diesen Boykott.

Günter Grass Der Trommler Bilder
Nachruf
Zum Tod von Günter Grass

Der Trommler

Er glaubte an eine "Vielzahl von Wirklichkeiten". Günter Grass prägte die deutsche Nachkriegsgeschichte literarisch, politisch und persönlich - dann wurde der Autor der "Blechtrommel" selbst ein umstrittener Teil von ihr.   Von Irene Helmes

Wie kann man einen deutschen Schriftsteller ablehnen, der mit solchem Mut und solcher Kraft die deutsche Vergangenheit und die deutsche Schuld zum Thema macht? Gewiss, später war er sehr kritisch gegenüber Israel. Aber mit den meisten Dingen hatte er recht, nur war seine Enttäuschung über Israel so groß, dass er übertrieben und Israel mehr als nötig attackiert hat. So ist das manchmal bei Schriftstellern, die immer viel Fantasie brauchen und zugleich auch ein paar Dämonen in ihrer Seele haben. Aber es war eine Dummheit der israelischen Regierung, ihn zur unerwünschten Person zu erklären."

Nir Baram, israelischer Autor

Günter Grass ist für mich das Modell eines Schriftstellers, der sich einmischt und sehr beteiligt ist an den gesellschaftlichen Entwicklungen, und er ist einer der sehr selten gewordenen Autoren, die wirklich eine Beziehung zu ihren Lesern geschaffen haben. Als ich 16 Jahre alt war, habe ich die "Blechtrommel" gelesen - und da habe ich zum ersten Mal aus einem anderen Blickwinkel, als wir das in Israel gewohnt sind, über die Zeit des Zweiten Weltkrieges nachgedacht.

Interessant ist natürlich, dass er auch ein sehr harter Kritiker Israels war. Aber die jüdische Paranoia ihm gegenüber teile ich nicht. Manchmal ist er zu weit gegangen, aber er hat genau die Debatte angestoßen, die wir brauchen. Wir müssen uns offen auseinandersetzen, manchmal auch hart, das ist heilsam. Er hat viel Mut gehabt, so über Israel zu reden. Und er hat einen immer zum Nachdenken gebracht. Für mich als Leser ist das deshalb ein sehr trauriger Tag.

Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

1956 erschien Grass' Debüt: "Die Vorzüge der Windhühner", von ihm selbst illustriert. Es war ein witziges und artistisches Buch, wie so viele der ihm folgenden. Und es war vielleicht das letzte Mal, dass Grass tatsächlich ganz als Künstler wahrgenommen wurde, nicht als politischer Kommentator.

Schon mit der "Blechtrommel" begann eine unheilvolle Zweiteilung der Rezeption: hier diejenigen Leser, die in dem Buch ein Kunstwerk von weltliterarischem Rang erkannten, dort diejenigen, die den Autor nur als Provokateur wahrnahmen. Gewiss hat Günter Grass es Freund und Feind zu leicht gemacht, eine Meinung über ihn zu haben, ohne je auch nur eine Zeile seiner Bücher gelesen zu haben. Aber er hat sich nach Kräften dagegen gewehrt.

Günter Grass Sechs Romane für die Ewigkeit
Überblick
Günter Grass' wichtigste Werke

Sechs Romane für die Ewigkeit

Günter Grass ist einer der wichtigsten Vertreter des "magischen Realismus", mit dem trommelnden Oskar Matzerath oder dem Satz "Ilsebill salzte nach" bleibt er in Erinnerung. Mit einigen Werken wird er immer zu den Großen der deutschen Literaturgeschichte zählen.   Von Harald Eggebrecht

Diese Kräfte haben nicht gereicht; Grass blieb hierzulande ein politisch engagierter Schriftsteller, der zu oft politisch wahrgenommen wurde und zu selten als Schriftsteller. Die Geschichte seiner Wirkung in der Welt läuft dieser deutschen Verkürzung auf erstaunliche Weise zuwider. Während man sich von Kopenhagen bis New York für Grass' Meinungen zur deutschen Tagespolitik wenig interessierte, las man seine Romane als die wunderbar experimentierfreudigen Geschichten, die sie sind. Das Image von Grass kennt in Deutschland jedes Kind. Der gleichnamige Dichter ist immer noch zu entdecken. Wer seine Geschichten liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Egon Bahr, SPD-Politiker

In Günter Grass ist ein Mensch gestorben, den ich seit Kriegsende erlebt und als einen Freund empfunden habe. Unabhängig von seiner literarischen Bedeutung für das Nachkriegsdeutschland hat er den Willy-Brandt-Kreis mit gegründet, um damit Brandts Gedankengut für die Gesellschaft bis heute zu erhalten. Das tat er in einer Situation, als er auf die SPD sonst nur mit Schweigen reagiert hat. Auf diesem Umweg hat er seinen Frieden mit der SPD gemacht. Sein Tod bewegt mich sehr.