bedeckt München 26°

Reaktionen auf den Tod von Günter Grass:"Trommle für ihn, kleiner Oskar!"

GÜNTER GRASS "DIE BLECHTROMMEL"

Günter Grass (links) in einer Drehpause der Verfilmung der "Blechtrommel". Mit Oskar-Mazerath-Darsteller David Bennent und Regisseur Volker Schlöndorff, 1979.

(Foto: dpa)

Schriftsteller, Politiker, Zeitgenossen und literarische Erben erinnern sich an einen Titanen der Literatur, der in der Politik gerne die Rolle des Unbequemen übernahm.

Volker Schlöndorff, Regisseur der "Blechtrommel"-Verfilmung

Warum tut diese Nachricht so weh? Millionen werden diesen Verlust ebenso empfinden, die "schweigenden Leser", die ihm über ein halbes Jahrhundert treu gewesen sind. Persönlich ist es zuerst wegen dem großen Herzen, das er hatte, und das ich wohl auch habe. Und aus denen heraus wir uns oft über das ausgetauscht haben, worüber man sonst nicht spricht - außer eben mit einem solchen Freund. Sein großes Herz, aus seinen Texten sprach es, all seine Kinder, Enkel, seine Frauen, seine Freunde kannten es, in Liebe wie im Zorn. Es gab ihm etwas Allmächtiges, sogar in seinen eigenen Augen.

Für die Öffentlichkeit hatte er einen anderen Stellenwert. Da war er vor allem "anders". Anders, als man sich einen Schriftsteller, einen Deutschen, vorstellt. Deshalb wiederum stellte er alle anderen in den Schatten. Er war die Stimme, auf die man hörte, im Inland wie im Ausland. Die Stimme aus Deutschland, die die Welt aufhorchen ließ bald nach dem Krieg, an dem er, rühmlich oder unrühmlich, teilgenommen hatte. Er wusste, wovon er sprach, wenn er schrieb. Und er ahnte auch das Echo - meistens . . . Die Schreibmaschine war seine Blechtrommel. Er wusste sie zu nutzen. Zum Nutzen der Leser und unseres Landes. Denn natürlich war er ein Patriot.

Günter Grass Der Weltliterat
Kommentar
Zum Tod von Günter Grass

Der Weltliterat

Als furioser Erzähler betrat Günter Grass einst die öffentliche Bühne. Dann passierte etwas, was seine Landsleute erst langsam begriffen: Er wurde zur Stimme Deutschlands in der Weltliteratur.   Kommentar von Lothar Müller

Salman Rushdie, Schriftsteller

Das ist sehr traurig. Ein echter Gigant, Inspiration und Freund. Trommle für ihn, kleiner Oskar.

Per Wästberg, Schriftsteller und Mitglied der Schwedischen Akademie

Günter Grass erhielt den Nobelpreis 1999 mit ganzer Absicht. Wir hielten ihn für einen der Großen des 20. Jahrhunderts und meinten, dass er einer der Schriftsteller war, mit denen man das Jahrhundert am besten abschließen konnte. Ich glaube, dass er sich als der wichtigste deutsche Schriftsteller nach Thomas Mann behaupten wird.

Ingo Schulze, Autor

Ich bin dagegen, dass Günter Grass tot sein soll. Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren. Ich kann jetzt auch nicht alles aufzählen, um das zu begründen, seine Bücher, sein Vorlesen, seine Zwischenrufe, seine Einladungen, überhaupt sein Interesse an den anderen. Ich kann und möchte das nicht missen. Ich könnte von dem ersten Treffen erzählen, Ende 1998 in Lübeck, oder von unserem letzten, am selben Ort vor sechs Wochen.

Er schrieb, dass er sich darauf freue, seine Räume bald voller junger Kolleginnen und Kollegen zu haben, wobei jung vor allem bedeutete, jünger als er. "Da ich nicht mehr fahren kann, müsst ihr eben kommen", sagte er. Es saßen dann 12 Schriftstellerinnen und Schriftsteller unterm Dach zusammen - den Weg über die lange Treppe nach oben hatte er langsam, aber stetig genommen - und lasen einander vor und er schien es tatsächlich zu genießen. Er war einer von zwölf. Und wenn er auffiel, dann wegen seines genauen Zuhörens, wegen seiner Verweise auf verwandte Literatur oder auf die Geschichte.

Für mein eigenes Schreiben wurde Günter Grass gerade in den letzten ein, zwei Jahren wegen seiner Anknüpfung an den Picaro-Roman besonders wichtig. Diese Traditionslinie führt für mich im deutschsprachigen Raum von Grimmelshausen über E. T. A. Hoffmann zu ihm. Und für mich war es ein Glück, ausgerechnet auch ihm vorlesen zu können. Wahrscheinlich ging es nicht nur mir so: Ich hätte mir keinen besseren Zuhörer als ihn wünschen können. Keinen besseren Gastgeber. Und ich werde wohl auch nicht der Einzige sein, der sich weiter fragen wird, was dieser Zuhörer zu diesem oder jenem Text, zu diesem oder jenem Ereignis gesagt haben würde. Es gibt viele Möglichkeiten, gegen diesen Tod zu protestieren. Und sei es dadurch, seine Bücher zu lesen.

Günter Grass' Leben in Bildern

Kunst, Politik, Kontroversen

Orhan Pamuk, Autor und Nobelpreiskollege

Günter Grass erschien mir immer als Schüler von Rabelais und Céline, als jemand, der, nicht anders als Gabriel García Márquez, wesentlichen Anteil an der Entwicklung des magischen Realismus hatte. Er lehrte uns, dass die Grundlage jeder Geschichte die Erfindung des Schriftstellers ist, unabhängig davon, wie grausam, schwer erträglich oder politisch die Geschichte ist.

Ich kannte ihn gut: Im April 2010, als eine Aschenwolke aus Island über ganz Europa zog und das Fliegen unmöglich machte, war er in Istanbul und blieb länger als geplant. Wir gingen zusammen in Restaurants und tranken und tranken und redeten und redeten . . . Ein großzügiger, neugieriger und herzlicher Freund, der zuerst hatte Maler werden wollen.