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Klassikkolumne:Inspirierte, freie und überschwängliche Gestaltung

Dirigent Raphael Pichon, 2015 vor der Oper von Bordeaux.

(Foto: NICOLAS TUCAT/AFP)

Der französische Dirigent Raphael Pichon hat Bachs Motetten aufgenommen. Der führt ihn auf Höhen, die in der Chormusik nie erreicht wurden.

Von Reinhard J. Brembeck

Kommenden Mittwoch feiern Christen Epiphanias, Erscheinung des Herrn, den Tag der Heiligen Drei Könige. Für Epiphanias hat Johann Sebastian Bach die sechste und letzte Kantate seines "Weihnachtsoratoriums" geschrieben, das üblicherweise die Kirchen und Konzertsäle weltweit zur Weihnachtszeit beschallt. Doch dieses Jahr herrscht Stille. Dabei könnten die sechs Kantaten dieses Mal tatsächlich so wie von Bach vorgesehen aufgeführt werden, an den drei Weihnachtstagen, Neujahr, dem ersten Sonntag nach Neujahr und Epiphanias. Das aber funktioniert nur an jenen Jahreswechseln, bei denen der zweite oder dritte Weihnachtstag auf einen Sonntag fällt. Das klingt nach Denksportaufgabe und ist durchaus ein Spezialistenproblem. Ein echtes Problem für die Musikwelt aber ist, dass der Dirigent Raphaël Pichon das "Weihnachtsoratorium" bisher nicht aufgenommen hat. Das ist so bedauerlich, weil der 1984 in Paris geborene Pichon, der schon als Junge und dann als Countertenor gesungen hat, der derzeit wunderbarste Bach-Dirigent ist. Weil er in einem kühn visionären Ansatz die strukturelle Klarheit der historischen Aufführungspraxis mit einer fulminanten Klangsinnlichkeit verbindet. Er versöhnt Protestantismus mit Katholizismus, Geist mit Körper, Spekulation mit Erdgebundenheit. Aber kein "Weihnachtsoratorium". Leider.

Aber es gibt von Bach auch sechs Motetten. Die hat Pichon mit seinem Ensemble Pygmalion (das war der in eines seiner leblosen Bildhauerprodukte verliebte Großkünstler) aufgenommen. Wie so manches gesellschaftlich geächtete Hobby müsste auch diese Aufnahme den staatlich verordneten Warnhinweis "kann süchtig machen" tragen. Ach was, es müsste korrekt heißen: "Macht süchtig". Denn nach drei Sekunden vergisst der zum Süchtling verdammte Hörer, dass Bach auch ein "Weihnachtsoratorium" geschrieben hat. "Es gibt", Pichon drückt sich nobler aus, "keine andere Sammlung von Musikstücken, die einem so viel geben könnte . . . Seine inspirierte, freie und überschwängliche Gestaltung führte Bach auf Höhen, die in der Chormusik nie erreicht wurden."

Pichon aber lässt seine 28 Sänger über jede Hürde und jeden Abgrund und jede Unmöglichkeit hinwegtanzen

Nach knapp 80 Minuten ist der Hörer bereit zu glauben, dass Bach dieses Kompliment genauso begeistert an Pichon zurückgegeben hätte. Denn das Ganze ist ein Klangwunder, das nur mit einer endlosen Adjektivsuperlativreihung gefeiert werden kann: tänzerisch, leicht, elegant, drängend, frei, luzid, sehnsüchtig, klar, abgründig, furios, visionär . . . Stopp, zurück auf Tanz! Diese sechs nicht als Zyklus konzipierten Stücke sind hochkomplizierte Verschlingungen von bis zu acht autonom und aberwitzig komponierten Solostimmen. Das sieht in der Partitur respekteinflößend aus. Pichon aber lässt seine 28 Sänger über jede Hürde und jeden Abgrund und jede Unmöglichkeit hinwegtanzen. Die Virtuosität dieses Chors nimmt einem aber nicht lange den Atem, weil der Tanz à 28 sehr schnell immer in Ausdruck umschlägt und alle noch so verblüffenden technischen Raffinessen vergessen lässt. Das fugierte Finale aus "Singet dem Herrn", das Schlussstück des Programms, huscht wie ein Elfengeschwindtanz vorbei und macht klar, dass Lobpreisung keine Frage von Lautstärke, Kraft und Affirmation ist. Sondern von Freude, Elan, Zuversicht. Bach und Pichon wissen, dass niemand Gott anbrüllen muss, weil der durch kompositorisches Raffinement genauso wie seine Menschen zum Guten verführbar ist.

Pichon streut drei Renaissancestücke aus der Bach vertrauten Sammlung "Florilegium Portense" ein, dicht gearbeitete katholische Lateingesänge, tief empfundene und klanglich kompakte Innerlichkeit. Die beherrscht Bach auch, so in "Komm, Jesu, komm". Das ist Inbrunst, Verlangen, Erotik. Der besungene "schwere Weg", jedem Menschen in der jetzigen Seuche vertraut, wird körperlich nachvollziehbar. Man hat sofort das Gefühl, gerade vierzig Kilometer mit zunehmend matten Füßen durch Schnee und Matsch gestiefelt zu sein. Dabei kehrt Bach zum gewohnten Linienspleißen zurück, er zerhäkselt die Motive und setzt sie in Endlosschleifen wie einst der legendäre Josquin, die Gründergestalt der Renaissancemusik, dem Bach hier eine Hommage schreibt. Und in "Fürchte dich nicht" spricht der Herr zum trotz allem technischen Fortschritt hilflosen Menschen und bekundet in endlos chromatisch absteigenden Linien "ich habe dich erlöset". Das aber vermutlich nur deshalb, weil der Mensch eine unerschütterliche Zuversicht an den Tag legt, die Pichon jubelnd vertanzt. Ein Paradies. (harmonia mundi)

© SZ/mau
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