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Die Beethoven-Bücher des Jahres:Kritik der reinen Musik

(Foto: Christian Tönsmann)

Die wichtigsten Bücher zum Beethoven-Jahr zeigen den Komponisten entweder als Musikphilosophen im Gefolge Kants - oder als klischeehaft tragische Figur

Von Helmut Mauró

Im Dezember 1805 herrscht in den Gassen des sonst so quirligen Wien gespenstische Stille. Auch zur Uraufführung der Oper "Fidelio" sind nur wenige Freunde des Komponisten gekommen. Viele trauten sich nicht, fremde Soldaten beherrschten die Stadt. Der Komponist Ludwig van Beethoven erlebte eine schlimme Pleite; nach drei Aufführungen wurde das Stück abgesetzt. Es war eine trübe Zeit, die Franzosen hatten Wien besetzt, und Beethoven war wütend. Besonders auf Napoleon, der durch seine Kaiserkrönung die Ideale der Revolution verraten hatte. Als der Komponist und Starpianist Beethoven auf Drängen seines Mäzens Fürst Lichnowsky für die Besatzungsoffiziere aufspielen soll - über das unbeugsame Genie Beethoven zu verfügen, war hoher Prestigegewinn -, kommt es zum Bruch, inklusive des Verlustes der Leibrente.

So oder ähnlich kann man das Leben und Werk Beethovens in vielen interessanten Details chronologisch aufreißen, und das haben die meisten Beethoven-Biografien des laufenden Jubiläumsjahres auch brav absolviert. Ulrich Drüner zum Beispiel mit "Die zwei Leben des Ludwig van Beethoven" (Blessing). Leider endet das Buch mit dem Tod Beethovens, der Beerdigung und ein paar nachklappenden Gedanken. Das dritte Leben aber, das Nachleben, wäre vielleicht das interessantere gewesen. Beethoven ist nicht nur ein Komponist und eine historische Persönlichkeit. Er spricht auch nicht nur aus seinem Werk, er ist viel mehr. Ein Phänomen, dessen Nachwirkung in Musik, Philosophie, Ideologie und Politik größer als die wechselhafte, auf musikalische Stilkunde fixierte Begutachtung des Wiener Klassikers.

Am stärksten ist Jan Assmann dort, wo es um "Heilige Spiele" geht

Zu den Nachwehen gehört jedenfalls auch die Frage, wie dieses Genie in den Strudel deutscher Nationalideologie geraten konnte und die lange Zeit als der deutscheste aller deutschen Komponisten galt, weit vor Richard Wagner, den man bis 1871 als Europäer wahrnahm. Ist in Beethovens Musik vielleicht doch mehr Politik als gemeinhin behauptet? Wie konnte der humanistische Kantianer Beethoven zum Helden und Begleitmusiker des Nationalsozialismus avancieren? Um solch zentrale Fragen machen die Jubiläumsbiografen einen großen Bogen. Christine Eichel reißt in "Der empfindsame Titan" (Blessing) diese Frage an, verfolgt sie aber nicht weiter.

Von Jan Assmann, dem populären Kulturwissenschaftler, hätte man sich in diesem Punkt auch etwas erhofft, aber mit seinem recht hermetisch bearbeiteten Thema "Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst" (C.H.Beck) kann er sich gut vor allzu politischen Fragen schützen. Was Assmann allerdings wunderbar schlicht und allgemein verständlich beschreibt, ist die Entwicklung der abendländischen Musik im kirchlichen Raum, "die Geschichte der Messe als musikalisches Kunstwerk", die "Kunstwerdung der Messe". Das sind zwar keine Neuigkeiten, aber selten liest man über die Anfänge der mehrstimmigen abendländischen Musik so freimütig, so unbeschwert. Weniger ergiebig sind die taktgenauen "Werkbeschreibungen" in mit Notenbeispielen gespickter Seminarprosa. Am stärksten ist Assmann dort, wo es um "Heilige Spiele" geht oder "Von der religiösen Kunst zur Kunstreligion".

Karl-Heinz Ott bietet vor allem aber den nach wie vor beliebten Kurzschluss von Schöpfer und Werk

Einige Thesen irritieren, etwa, dass Johann Sebastian Bachs Kantaten geistliche, aber nicht liturgische Musik seien, obwohl sie nicht nur begleitender, sondern strukturell gestaltender Bestandteil des Gottesdiensts sind - Assmanns eigenes Kriterium für liturgische Relevanz. Auch die These, Beethovens Missa Solemnis sei "in einem intensiveren, bewussteren Sinne geistliche Musik als alles Vorhergehende", zeigt eine Form der Zuspitzung, mit der sich Assmann quasi selbst ermutigend unter Druck setzt. Ist die Musik ihrem Wesen nach religiöser Kult und "ihr Ursprung einzig und allein in der Religion, in der Kirche zu suchen und zu finden"? Hat sich nur im Christentum aus der universalen Praxis des Kultgesangs eine Kunstform entwickelt, die auch außerhalb des Kultrahmens aufgeführt wurde? Hat die sich erstmals in Beethovens Missa Solemnis über dieses Ursprungsfeld hinaus verselbständigt? Oder ist dies nicht längst mit Bachs h-Moll-Messe geschehen? Man vermisst in Assmanns Abriss auch den Bezug zu Einflüssen weltlicher Musik auf die Kirchenkompositionen, die seit dem Mittelalter nachweislich sind.

Assmann gehört allerdings nicht zu den Beethoven-Biografen, für die sich das Problem stellt, ob sie sich mehr dem Werk zuwenden, es sogar als Grundlage zur Erklärung des Künstlers und Menschen Beethoven heranziehen, oder ob sie umgekehrt biografische Details erkunden, um daraus die Musik zu erklären. Dieses Problem zeigt sich auch in scheinbar reinen Werkmonografien wie etwa Karl-Heinz Otts "Rausch und Stille - Beethovens Sinfonien" (Hoffmann und Campe), das Buch ist bereits im Vorfeld des Jubeljahres erschienen. Ott bietet eine wirksame Mischung aus Anekdote und Sachunterricht, vor allem aber den nach wie vor beliebten Kurzschluss von Schöpfer und Werk. Was leider auch den Transport übler Klischees einschließt, wie jenes vom griesgrämigen Misanthropen Beethoven. Auch die viel verkaufte Biografie von Jan Caeyers "Beethoven. Der einsame Revolutionär" (C.H.Beck) brütet und hütet Klischees, weniger in unmittelbarer Behauptung als vielmehr in der grundsätzlichen Perspektive, die subtil und nachhaltig wirkt. Bereits der Untertitel vom einsamen Revolutionär ist problematisch.

Die Hauptarbeit, die an Beethoven zu leisten wäre, müsste doch der Kampf gegen solcherlei Stereotypen sein, wie ihn Arnold Schmitz bereits 1927 in "Das romantische Beethovenbild" (Ferd. Dümmlers) initiierte. Hans-Joachim Hinrichsen stellt sich dieser Aufgabe in "Beethoven. Musik für eine neue Zeit" (Metzler/Bärenreiter) und widerspricht Caeyers. Der Musikwissenschaftler Hinrichsen liest viele Quellen anders als seine Biografen-Kollegen, für ihn war Beethoven "ein bis zuletzt in diverse Freundeskreise eingebundener, an Geselligkeit interessierter Mensch". Und als Revolutionär könne ihn nur "ein von biographischer Evidenz leichtfertig abstrahierendes bürgerliches Wunschdenken sehen, das angesichts der eigenen Entmündigung eine Identifikationsfigur und Projektionsfläche brauchte". Angepasst sei er aber auch nicht gewesen, er wandelte gleichsam zwischen Kompromisslosigkeit und kalkuliertem Opportunismus. Die schon vorab zum Beethoven-Jahr als Biografie getarnte Abhandlung ist mit Abstand der wichtigste Beitrag auch über dieses Jahr hinaus.

Hans-Joachim Hinrichsen geht es um den Kurzschluss von Kunst und Philosophie

Wo Hinrichsen das geistige Umfeld Beethovens erforscht, tut er dies ungleich gründlicher als alle bisherigen Beethoven-Erzähler, er sucht die Quellen, die dem Komponisten zur Verfügung standen. Das waren in der Regel nicht die philosophischen Originaltexte, sondern allerlei Zusammenfassungen oder literarische Kommentare durch Zeitgenossen, nicht zuletzt durch Friedrich Schiller. Darüberhinaus setzt Hinrichsen Kants Kritiken konkret mit Beethovens Symphonien ins Verhältnis. Das geht so weit - das hat vor Hinrichsen niemand so konkret beglaubigt -, dass man Beethovens Neunte ab sofort nur noch aus dem Geist von Kants "Kritik der praktischen Vernunft" verstehen kann.

Auch die Verbindung etwa der Fünften und Sechsten Symphonie, die Beethoven fordert, gibt beiden Werken einen ganz neuen Sinn. Ebenso wichtig: Die Anbindung der Erkenntnisse an den wichtigsten musikalischen Diskurs der Zeit, der um den Begriff der absoluten Musik kreist, um den Wert reiner Instrumentalkomposition im Gegensatz zur textgebundenen Vokalmusik. Hinrichsen führt naheliegenderweise den Begriff einer Transzendentalmusik ein, entsprechend Kants Transzendentalphilosophie und Schlegels Transzendentalpoesie, in der das Kunstwerk seine Voraussetzungen immanent reflektiert. Das hat man alles schon mal gelesen, aber nie so schlüssig begründet wie hier, so mutig auch gegen vermeintliche Instanzen wie Carl Dahlhaus und Theodor W. Adorno argumentierend. Hinrichsen spricht bei Beethoven letztlich von der auskomponierten "Kritik der reinen Musik" und stellt sie zurück in ihre Zeit. Nur durch ihre Zeitgebundenheit sei sie heute noch relevant, nicht dadurch, dass man sie für zeitlos erkläre.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass jene Werke, an denen dies anschaulich wird, eher unpopulär sind: die Klaviersonate op. 54, die Achte Symphonie, das Streichquartett op. 135. Hinrichsen beschränkt sich nicht darauf, das Werk aus dem Künstler und diesen aus dem Menschen heraus zu erklären und umgekehrt - das bedeutet für ihn vor allem, die Klischees zu bestärken. Es geht ihm vielmehr um den Kurzschluss von Kunst und Philosophie, um ästhetische Erziehung und ums Ideenkunstwerk, den Aufbruch in Philosophie und Dichtung, der sich entsprechend konkret in Beethovens Musik findet.

Beethoven-Zeitgenosse Adolf Bernhard Marx ist ein früher Kämpfer gegen Klischees

Wer sich nach dieser Lektüre für den rein wissenschaftlichen Zugang gerüstet sieht, dem sei das bereits vor elf Jahren erschienene "Beethoven-Handbuch" empfohlen (Metzler/Bärenreiter). Wer sich dagegen gerne in Anekdoten fortbildet, mag sich bei Peter Wehles munteren Plaudereien "Beethoven. Von allem mehr" (Amalthea) gut aufgehoben fühlen, mit denen der Autor eine grobe Auswahl von Briefstellen und zeitgenössischen Überlieferungen sprachlich mehr oder weniger geschickt moderierend verkleistert. Gehobeneres Anekdotenwesen bietet Martin Gecks "So sah die Welt Beethoven" (Georg Olms), eine Handreichung privater Beethoven-Erlebnisse von Haydn bis Lenin, von Wagner bis Slavoj Zizek, der mit dem entwaffnenden Statement beginnt: "Die Trennlinie zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen, zwischen der edlen Tat und der erbärmlichen, leeren Geste ist letztlich nicht auszumachen."

Geck hatte in seiner Beethoven-Biografie von 2017 (Siedler) das konkrete Ideen-Umfeld des Komponisten unter die Lupe genommen, auch in Bezug zur heutigen ideellen Situation. Sein Büchlein "Beethoven hören" (Reclam) ist ein in Teilen verwirrendes Vermächtnis des 2019 Verstorbenen, mit Gastbeiträgen des Kollegen Peter Schleunig und einem Gespräch mit diesem. Vor allem aber sind es in populärpoetischer Titelei kaschierte Werkanalysen, in denen man immerhin lesen kann, wie Cosima Wagner berichtet, was sich Richard am Frühstückstisch über Beethovens Fünfte so gedacht hat.

Den Umgang mit historischen Quellen studiert man am besten in der ersten Beethoven-Biografie von dessen Freund Anton Schindler (Olms). Hier lernt man, wie Musikermythen in die Welt kommen, und wie elend lange sie überleben. Präziser, seriöser ist der Musiktheoretiker, Zeitungsgründer und Beethoven-Zeitgenosse Adolph Bernhard Marx (Olms), der sich ausführlich mit dem Werk Beethovens und dem rechten Vortrag beschäftigt. Auch er ein früher Kämpfer gegen Klischees. Matthias Henke findet in "Beethoven. Akkord der Welt" (Hanser) in dem "Preußischen Prometheus" und dem "Equilibristen zwischen Adel und Revolution" eine vielfarbig schillernde Künstlerfigur, die einen Mittelweg geht zwischen persönlichem Heldentum, künstlerischer Größe und schäbigem Alltag - immer auf der Suche nach der "Harmonie der Welt", nach dem "Geheimnis der göttlichen Ordnung". Wer wollte da nicht gerne mitsuchen.

© SZ
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