Premiere am Schauspiel Stuttgart:Wir Querdenker

Un/true

Mit Maske und Tablet: "Un/true" in Stuttgart.

(Foto: Björn Klein)

Strahlenschutzbericht, Risikobewertung, Studien: "Un/true" am Schauspiel Stuttgart manipuliert das Publikum. Natürlich nur zur Selbstversuchszwecken.

Von Adrienne Braun

Zahllose Vögel sind gestorben. Zu Hunderten fielen sie vom Himmel - und schon war die Erklärung in der Welt: 5G ist schuld, die Strahlen der Mobilfunktechnik haben die Tiere krepieren lassen. Denkbar - oder doch nur einer der vielen Verschwörungsmythen? Im Schauspiel Stuttgart heißt es Farbe bekennen. Gernot Grünewald stellt sein Publikum auf die Probe und bombardiert es mit Studien und Strahlenschutzberichten, Risikobewertungen und Richtwerten. Die Uraufführung "Un/true" ist ein Experiment der besonderen Art, bei dem das Publikum zum Versuchskaninchen wird. Ökonomisch ist das nicht. Nur 16 Personen dürfen pro Vorstellung ins Kammertheater. Ausgestattet mit Tablet und Kopfhörer müssen sie einen Parcours absolvieren, bei dem eine Stimme aus dem Off in Kabinen lenkt oder an einen Tisch führt zur Befragung: "Wie viel Prozent der Bevölkerung hat Angst vor Handystrahlen?"

Am Ende hat jeder einen anderen Theaterabend erlebt

Doch die möglichen Gesundheitsgefahren durch das 5G-Netz dienen dabei nur als Exempel, um die steten Irrfahrten des Individuums bewusst zu machen, das zerrissen zwischen Ratio und Ängsten aus Empirie und Einflüsterungen herausdestilliert, was es schließlich für seine objektive Position hält. Es geht also um die Konstruktion von Wahrheit, die sich jeder auf seine Weise erschafft - so, wie auch das Publikum die Stationen in unterschiedlicher Abfolge absolviert. Am Ende hat jeder einen anderen Theaterabend erlebt.

Grünewald hat schon in früheren Produktionen klug den Perspektivwechsel erprobt mit Collagen aus Spiel, Live-Kamera und Projektionen. Das Setting von "Un/true" ist aufwendig, auch das Tablet (Video Thomas Taube) doppelt die Wirklichkeit und manipuliert sie dabei, sodass in der leeren Kabine plötzlich virtuelle Aktivisten auftauchen oder auf dem Tisch ein Buch zu liegen scheint. Die Schauspieler, die als Versuchsleiter im Einsatz sind, bitten das Publikum immer wieder zu unangenehmen Befragungen, die doch nur ein Ergebnis hervorbringen: Irgendwie scheint in jedem von uns ein Querdenker zu stecken, der empfänglich ist für Verschwörungsmythen. Kein Wunder, die Bewertung von Ereignissen lasse sich mit psychologischen Tricks leicht manipulieren, erklärt Jannik Mühlenweg. Auch bei ihm weiß man nie, ob der Schauspieler gerade als Versuchsleiter spricht oder als er selbst. In der kurzen Diskussionsrunde zum Abschluss, in der das Publikum von seinen Begegnungen mit Verschwörungsanhängern erzählen soll, stellt sich schnell heraus: Inzwischen kennt offenbar jeder einen.

© SZ
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