"Premium Rush" im Kino Niemals anhalten!

Auch im digitalen Kino gibt es noch Filme, die hand- und fußfest sind. Der Actionthriller "Premium Rush" zeigt Manhattan als gigantischen Bikepark. Denn das Motto von Fahrradkurier Wilee lautet: "Ich kann nicht anhalten, will auch nicht."

Von Martina Knoben

Joseph Gordon-Levitt als Wilee im Actionfilm "Premium Rush"

(Foto: dapd)

Ein Fixie ist mehr als ein Fahrrad, ein Fixie ist eine Philosophie. "Ich kann nicht anhalten, will auch nicht", so formuliert es Wilee (Joseph Gordon-Levitt), der Jura studiert hat, aber es vorzieht, als Fahrradkurier auf einem Gefährt ohne Bremsen, Gangschaltung und Leerlauf auf den Straßen New Yorks seine Knochen zu riskieren. Für einen Fahrradkurier sind die Fußgänger, Taxis, Lastwagen und Busse, die Hydranten, Ampeln und Zäune, kurz alles, was den öffentlichen Raum füllt, nur Hindernisse. So wird die Hypermetropole New York schlagartig simplifiziert.

Und natürlich hätte Nima (Jamie Chung) auch eine E-Mail schicken und ihr Geld überweisen können - aber dann gäbe es diesen Film nicht, und das wäre wirklich schade. Dass sie ein - sehr viel Geld wertes - "Ticket" von einem Ende Manhattans ans andere mittels Fahrradkurier transportieren lässt, ist nicht nur der premium rush, der Eilauftrag des Filmtitels, es ist auch eine herrlich analoge Methode des Transfers, die in dieser Stadt noch einmal besonderen Charme entwickelt. So werden in der Nachbarschaft der Wall Street zigtausende Dollar (die am Ende wohl einem ebenfalls global operierenden Unternehmen der Schattenwirtschaft zukommen werden) per Muskelkraft transportiert.

Und Manhattan wird zur Riesenrennstrecke und zum Bikepark, als Wilee Nimas "Ticket" als letzten Auftrag vor dem Feierabend übernimmt und unversehens von einem Irren gejagt wird. Michael Shannon spielt ihn, der mit seinem Quadratschädel sehr verrückt und gefährlich wirken kann und schon in "Revolutionary Road" (2008) von Sam Mendes oder in "Take Shelter" (2012) von Jeff Nichols den amerikanischen Durchschnittsmann als potentiellen Psychopathen verkörperte. Hier ist er ein Cop, dem seine Spielsucht - eine Impulskontrollstörung! - Riesenärger mit der Unterwelt eingebracht hat, weshalb er den Umschlag, den Wilee transportiert, um jeden Preis haben will.

Eben alles eine Stilfrage

Alle möglichen Verkehrsmittel wurden schon für filmische Verfolgungsjagden genutzt, vom Taxi bis zum Schulbus. In "Premium Rush" kommt nun das Fahrrad dazu, was eine gute Wahl ist: Nicht nur, dass Fahrradfahrer automatisch "die Guten" sind, zumindest in der Selbstwahrnehmung; Edel-Fahrräder haben darüber hinaus das Auto als Statussymbol fast abgelöst. Und da Joseph Gordon-Levitt im Sattel sitzt, ist das Ganze sehr cool und lässig, das Fixie gilt ja auch als Hipster-Rad.

Es ist eben alles eine Stilfrage, die Wahl des Fahrrads ebenso wie die der Karriere. Oder auch die Tatsache, dass die meisten der halsbrecherischen Stunts in diesem Film echt sind. Dass hier tatsächlich Menschen auf Fahrrädern über Zäune springen oder auf abgestellten Autos herumfahren, die Bilder also nicht im Computer entstanden sind, sieht man. Zur Spannung tragen außerdem schnelle Schnitte und ein treibender Soundtrack bei - und die Tatsache, dass ein Fahrradfahrer, der nur einen Helm, T-Shirt und kurze Hose trägt, bei einer Verfolgungsjagd wirklich etwas riskiert; Autojagden wirken fad dagegen.

Regie bei diesem rasanten Radel-Rowdy-Spaß führte David Koepp, der als Drehbuchautor die Vorlagen für "Jurassic Park" oder "Spider-Man" schrieb. Der Plot von "Premium Rush" mag zweitrangig sein, die Figuren aber gewinnen Format. Wilee etwa, der so heißt wie der Cartoon-Kojote, der den Road Runner jagte, ist ein tollkühner Spinner mit masochistischen Zügen, aber auch ein uramerikanischer Typ, wie die Profi-Surfer oder Boarder. Interessanter noch ist sein Widersacher, der Cop mit der Impulskontrollstörung: Er ist zum Fürchten, aber auch Mitleid erregend; schließlich kann dieser Mann nicht anhalten, selbst wenn er es will.

Premium Rush, USA 2012 - Regie: David Koepp. Buch: D. Koepp, John Kamps. Kamera: Mitchell Amundsen. Schnitt: Derek Ambrosi. Mit: Joseph Gordon-Levitt, Michael Shannon, Dania Ramirez, Wolé Parks. Sony, 91 Minuten.

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