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Popmusik:Beck verschwindet zurück in den Pop

Mit Pfefferspray rasiert – im Dunkeln: Beck.

(Foto: Peter Hapak/PR)

Der scheinbar ewig junge Lo-fi-Dada-Pop-Prinz Beck hat ein neues Album aufgenommen. "Colors" heißt es. Wird seine Kunst eigentlich irgendwann mal alt?

Nur zur Erinnerung, weil sein neues, zehntes Studioalbum "Colors" so ein komplizierter Fall ist: Der heute 47- jährige amerikanische Musiker Bek David Campbell alias Beck Hansen alias Beck war der Kerl, der in den Neunzigern mit der noch immer unwiderstehlichen Slacker-Hymne "Loser" weltberühmt wurde. Dafür schrammelte er auf einer billigen akustischen Folk-Gitarre ein Delta-Blues-Riff, schob einen rumpeligen Hip-Hop-Beat darunter und rappte obendrüber formvollendet ungelenk wirres Zeug, weil, klar: "I'm a loser, Baby / so why don't you kill me?" Eine große Lektion in ironischem Eklektizismus war das, und ein kleiner Genieausweis, unüberhörbar abgedreht und avantgardistisch und gleichzeitig vollkommen auf der Höhe der Zeit: "So shave your face with some mace in the dark / Saving all your food stamps and burning down the trailer park". Oha. Sich im Dunkeln mit einer Muskatblüte rasieren? Oder mit einer Keule? Oder mit Pfefferspray? Dann Lebensmittelmarken sparen und den Trailer-Park abfackeln?

Beck machte mit seinem Lo-Fi-Gaga-Dada-Pop das, was heute, nach dem Triumph des Internets, als Post-Genre-Pop der Normalfall ist, schon vor 25 Jahren. Und es klingt alles noch immer kein bisschen altbacken. Man höre nur die Alben "One Foot In The Grave"(1994), "Mellow Gold" (1994), "Odelay" (1996) oder "Midnite Vultures" (1999), die nur ein Beleg nach dem anderen waren für das außergewöhnlich unerschöpfliche Talent dieses Mannes, der alles in einem war - und zwar gerne in einem einzigen Song: ein melancholischer Folk- und ein smarter Pop-Komponist, ein cleverer Texter, ein versierter Multi-Instrumentalist, ein Top-Pop-Nerd, ein fintenreicher Sound-Collagist und ein wachsamer Beat-Bastler.

Beck gehört zu der raren Art Popstars, denen es unmöglich ist, schlechte Musik zu machen

Im Grunde gehört Beck zu der sehr raren Art von Popstars, denen es offenbar unmöglich ist, wirklich schlechte Musik zu machen. Selbst da, wo er in den vergangenen zehn Jahren auf Alben wie "Modern Guilt" oder dem grammygekrönten "Morning Phase" für seine Verhältnisse doch sehr gefällig wurde, rumpelte und kratzte es doch immer wieder wunderbar. Ganz abgesehen davon, dass die Songs einfach sehr gut geschrieben waren. Man kann ja nicht ewig den Gaga-Indie-Zappler geben.

Dies im Sinn, damit man nicht vergisst, wie hoch der Sockel ist, auf den Mann und Werk bitte unbedingt gestellt gehören, und weil das Komplizierte am neuen Album ist, dass es so gar nicht kompliziert geraten ist. Also noch ein ordentliches Stück leichter als "Modern Guilt" und "Morning Phase". Mithilfe seines alten Band-Kumpels Greg Kurstin, der mit Adele deren jüngsten Überhit "Hello" schrieb und zuletzt die Stadionrockband Foo Fighters produzierte und darüber zum Highscore-Pop-Produzenten wurde, ist "Colors" so etwas wie der konsequente, allerdings gerade deshalb unbefriedigende Höhepunkt der dritten Werkphase geworden. Es scheint, als sei es das erklärte Ziel Becks, alles markant Beckhafte nach und nach aus seiner Musik auszuschwemmen und wieder in den Pop zurückzuverschwinden, dessen Eingeweide er einst sezierte - und dann durch den Wolf drehte.

Auch jetzt ist natürlich nichts im strengen Sinne Lausiges dabei, aber über weite Strecken ist es doch ein Disco-Dance-Pop-Album geworden, das sich arg rückstandslos durch einen hindurchpumpt. Mit seinen glasigen Pianoklimpereien und den in die absolute Unkenntlichkeit gefilterten Gesängen taugte es auch gut als Soundtrack für die zeitlupenverliebten Luxus-Lifestyle-Vlogs, die Youtube überschwemmen. Irgendwie zeitgenössisch, aber auch komplett egal. War da was?

Bleibt die Frage, ob Beck damit nun zum ersten Mal richtig alt aussieht oder es doch wieder geschafft hat, auf wundersame Weise jung zu bleiben? Tja, es trifft wohl beides zu, weil er plötzlich dann doch wieder da ist, der Obertrickser Beck. Beim beatlesken Honky-Tonk-Piano und dem zäh dahingezitterten E-Gitarren-Solo etwa auf dem verwehten "Dear Life". Oder beim mächtig elastischen Hoppel-Beat, der "Wow" anschiebt und zu einem famosen Kommentar zum Dance-Pop der Gegenwart macht. Ach, und den Rest vergessen wir jetzt einfach mal.

© SZ vom 25.10.2017

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