Popkolumne:Todesursache: Langeweile und Scham

Easy Life â€" „Life’s A Beach“ (Universal Music)

Halten das Leben für einen Strand: die Briten von "Easy Life".

(Foto: Jack Bridgland)

Die "No Angels" haben neue Songs aus alten Songs gemacht. Gute Musik gibt es aber auch - vor allem von "Easy Life". Und auf jeden Fall nicht aus Deutschland.

Von Jakob Biazza

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Das Album der Woche gleich zu Beginn: Nicht nur, weil "Life's A Beach" (Universal Music) von Easy Life nach dem Sommer klingt, der ums Verrecken nicht ganz kommen will. Sondern vor allem, weil es das so irre locker tut. Sonnengetrockneter R 'n' B, hyperorganische Bio-Grooves von Bass und Drums, schwüle Keys, fein angedengelte Gitarre, ganz smooth schwingende Nuschel-Singsang-Raps. Ziemlich britischer Kiffer-Humor: "I thought you said you loved the ocean / When we were standing at the shore / You didn't even dip your toes in / I can't believe I just took you hm...". Mac Miller klang ungefähr so, wenn er gerade mal glücklich war. Ach so: Die vermutlich beste Zeile der Woche zum Zustand der Jugend kommt auch noch von den Briten. "Who gives a fuck about my nightmares?!" Ja, wer eigentlich?

Und damit gleich weiter zu zwei Menschen, die auf unterschiedlich geniale Art nervig sind. Oder auf unterschiedlich nervige Art genial? Jedenfalls: Paul Gilbert und Chris Thile. Beide hochvirtuos auf ihren Instrumenten. Beide also vermutlich chronisch unterfordert von dem, was andere Menschen um sie herum musikalisch so anbieten. Also: Langeweile. Oft ist die ja keine gute Voraussetzung für Songs, die sich mit Pop-Genuss hören lassen. Hier allerdings, nun ja, kurzer Blick zurück:

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Paul Gilbert hatte als Teil der Band Mr. Big vor inzwischen auch schon wieder ganz schön vielen Jahren den sehr großen Hit "To Be With You". Danach teilte er die Gitarren-Welt solo in zwei Zeitrechnungen: Prä- und Post-Gilbert, was von den Rechnenden nicht nur schmeichelhaft gemeint war. Die Markscheide Gilbert trennt das Fach der (E-)Gitarre schließlich in jene Schüler, die mit ihrem Instrument noch Musik machen. Und die Shredder (deutscher Fachterminus: Gniedler) - Menschen also, die, egal, was alle anderen tun, 64-Quintolen bei 160 bpm spielen. Popistisch gesehen ein relativ ekliges Völkchen natürlich. Allerdings sollte man (Pop-)Tugend auch hier nicht mit dem Mangel an Gelegenheiten verwechseln. Will sagen: Wenn wir könnten, würden wir halt doch alle ...

Jedenfalls: Gilbert selbst ist, was die Gitarren-Poserei betrifft, noch ein Wesen aus der Zwischenwelt. Es gibt ein Video, das das sehr schön verdeutlicht: Bei irgendeinem sehr gut besuchten "Guitar War" im Jahr 2007 spielt er ein ungefähr zu gleichen Teilen steinblödes und wirklich grandioses Live-Mash-up aus "To Be With You" und "Aint Talkin' Bout Love" von Van Halen, blendet die Ballade also mit dem Oberton-Gitarren-Riff zusammen, gniedelt und singt, tappt und schmachtet also irgendwie gleichzeitig - was eigentlich alles gar nicht zusammengehen dürfte, aber hier eben doch seltsam zusammengeht. Sein neues Album "Werewolves of Portland" (Mascot) funktioniert ähnlich: blutleere Technik-Angeberei neben sehr intensiv gefühltem Solo-Geschmachte. Metal-Jazz, durchbohrt von Groove-Rock. Slide-Guitar-Schönheit zerfetzt von Sweeping-Wahnsinn. Blues neben Prog-Rock neben Pop-Lieblichkeit neben Whammy-Gefiepe. Muss man im Detail nicht verstehen, den Gitarristen-Kauderwelsch. Im Grunde heißt es einfach: Es ist sehr schnell, es ist ziemlich kompliziert, es ist phasenweise unhörbar - aber auf verwirrende Weise ist es trotzdem beeindruckend und manchmal fast schön.

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Chris Thile wiederum ist ein Genie. Heute mal nicht in diesem "Der Popkolumnist braucht dringend noch einen Superlativ"-Sinn, sondern quasioffiziell zertifiziert. Der Mandolinist war MacArthur Fellow, also Träger eines Preises, den der amerikanische Volksmund "Genius Grant" nennt. Dotierung damals (2012): 500 000 Dollar. Inzwischen sind es sogar 625 000 Dollar, die, Achtung: mal keine Belohnung für erbrachte Leistungen sein wollen, sondern eine Investition in "Originalität, Einsichten und Potenzial" der Träger. Thile hat seither unter anderem Bach auf der Mandoline interpretiert - allein und mit Menschen wie Yo-Yo Ma. Er hat Folk mit Marcus Mumford gemacht, Jazz mit Brad Mehldau, Bluegrass mit seinen Punch Brothers. Jetzt macht er auf "Laysongs" (Nonesuch Records) solo eine Art mild verfrickelten, spirituellen Emo-Folk-Pop. Ein winziges bisschen zu verkopft womöglich, um beim ersten Hören direkt ins Herz zu fließen. Aber dann!

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Grundsätzlich wird jede Kritik bis hierhin aber ohnehin zur Beckmesserei, wenn man zum Schluss doch noch nach Deutschland schaut. Die No Angels veröffentlichen da am Freitag ihr "neues" Album "20" (Warner Music) - irgendwas mit Jubiläum und "Celebration-Versionen" alter Songs. Klingen tut es jedenfalls alles, als hätte man bei der Begleitautomatik eines mittelteuren Keyboards das Pre-Set "Deutschdancepop 2000" gewählt und wäre, die Hände in die zweite Umkehrung eines C-Dur-Akkordes verkrallt, dann aus Langeweile und Scham verstorben.

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