Popkolumne:Große Freiheit

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Popkolumne: Schnell die Goldkette unters Hemd: Rapper Gzuz (li.), neben seinem Rechtsanwalt Christopher Posch.

Schnell die Goldkette unters Hemd: Rapper Gzuz (li.), neben seinem Rechtsanwalt Christopher Posch.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Kevin Costner findet sich als Sänger unfair behandelt, Rapper Gzuz als Mensch. Dazu Musik von Kiefer Sutherland und den "Lumineers".

Von Jakob Biazza

Singende Schauspieler: ganz gefährliches Terrain. Man kann das, hier eher zufällig herausgegriffen, zum Beispiel bei Kevin Costner sehen. Costner hat eine Band namens Modern West, deren Stil wir jetzt mal, schon auch zum Spaß, als staubigen Country bezeichnen wollen. Kevin Costner hat nämlich ein Problem: Seine Musik wird oft als Country bezeichnet. Und das findet er gemein: "Wir haben einfach den Fehler gemacht, das Wort 'West' im Bandnamen zu verwenden", hat er also mal erklärt. Die Leute würden deshalb "automatisch meinen, es wäre Country. Und unsere Plattenfirma hat bislang nichts dagegen getan, weil man in dieser Branche einfach dazu tendiert, jemanden mit einer knappen Umschreibung zu versehen (...) Was uns gegenüber nicht fair ist".

Stimmt schon. Seine Band spielt ja tatsächlich Country-Rock. In etwa so überzeugend wie seine Erklärung, warum die Menschen den für Country halten. Tatsächlich ist es eher so: Die Musik von Modern West ist derart gesichtslos, stumpf und in ihrer Mimik starr, als würde Costner sie in einem seiner Filme spielen. Klar, dass das Gehirn des Zuhörers da in einer Art synästhetischem Hilferuf nach allem greift, was es bekommen kann, um sich zu orientieren. Also "Wyatt Earp". Und der Film mit dem Wolf und dem Büffel. Und zack: Country. So geht das. Im Anschluss an ein Konzert in München hat Costner seinen Fans übrigens einst Autogramme gegeben. Feiner Zug. Dachte man. Star zum Anfassen. Dachte man. Nah am Volk. Dachte man. Klar: Country eben. Dann sah man genauer hin, fand ein Schild, darauf die Information, Kevin Costner und die Band würden sehr gern Poster signieren. Kostenpunkt: 40 Euro. Pro Poster.

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Wie kam man da jetzt drauf? Ach so, genau: Der Schauspieler Kiefer Sutherland veröffentlicht am Freitag ein Album. Sutherland hat eine sagenumwobene Gitarrensammlung - und zwar aus den schönsten Gründen. Er habe, erzählte er mal in einem Interview im amerikanischen Fernsehen, viele Freunde, die zwar exzellente, eine Zeit lang aber auch angemessen arme Musiker waren. Es habe ihnen deshalb an Instrumenten gefehlt, weshalb der Schauspieler, dem es finanziell damals schon weniger nass reinging, mit Hardware aushalf. Leihweise. Dann verdienten die Musiker irgendwann selbst gut und gaben das Zeug zurück. Sutherland hatte also plötzlich eine zwar schon stattliche Sammlung - aber immer noch einzelne Plätze in den Ständern. "Von da an wurde es zur Sucht." Man raunte von vielen Hundert Gitarren von durchaus enormem Wert. Inzwischen soll er die Sammlung wieder auf ein Maß reduziert haben, das er in einem durchschnittlichen Jahr auch spielen kann. Das hat er jetzt mal wieder getan und dabei "Bloor Street" (Cooking Vinyl/Indigo) aufgenommen. Kaum Country. Eher Rockmusik. Whiskygläser (geleert) und Zigaretten (geraucht) in den Texten. Ein bisschen Pop in der Produktion. Und ansonsten im Gesamteindruck, nun, also ... ach, ist das denn so wichtig? Sutherland scheint ja ein an sich feiner Kerl zu sein. Ein Song heißt "So Full of Love": "I'm so full of love I can't hold it down / Floatin' like a balloon off the ground / I once was lost but now I'm found / Momma, you turn me right around." Die Musik ist eben ungefähr so raffiniert wie dieser Vierzeiler.

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Die Lumineers haben das Konzept der Manufactum-seligen Singer-Songwriter-Schunkelei mit ihrem wirklich sehr, sehr großen Hit "Ho Hey" einst ja auf die absolut reinste, feinste Essenz reduziert. Die Band aus Denver, Colorado, macht, das kann man ja zunächst ebenfalls voller Liebe sagen, Musik, die auch ganz gut im Hintergrund laufen kann, ohne grob aufzufallen. Und jetzt aber dieser seltsame Effekt: Plötzlich schiebt sich ihr neues Album "Brightside" (Universal Music), während es so vor sich hinläuft, immer mal wieder ins Bewusstsein. Zwingt zum Schwelgen. Oder auch mal nur dazu, den Kopf schräg zu legen, als betrachtete man ein besonders schönes Bergpanorama. Und wenn man dann nachsieht, merkt man: Oh, schon wieder "A.M. Radio". Aha, noch mal "Big Shot". Scheinen also womöglich gute, griffige Songs zu sein. Sogar nebenbei. Das ist doch viel.

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Auch Gzuz hat ein neues Album. "Grosse Freiheit" (187 Strassenbande) heißt es, was natürlich einerseits eine Reeperbahn-Referenz ist, andererseits aber auch leise Ironie. Es ist ja nicht ganz unwahrscheinlich, dass der Rapper demnächst wieder ins Gefängnis muss. Drogenbesitz, Verstöße gegen das Waffengesetz und Körperverletzung stehen diesmal zur Debatte - alles, während er auf Bewährung war. Am Montag war erste Berufungsverhandlung. Grobe Verteidigungslinie dort: Der Richter aus der ersten Runde habe nicht verstanden, dass Gzuz und Kristoffer Jonas Klauß (sein bürgerlicher Name) nicht ein und dieselbe Person seien. Gzuz sei vielmehr eine Kunstfigur und seine "derben Texte" seien Kunst. Da kommen diese Zeilen aus dem Song "Montag" womöglich nicht ganz gelegen: "Aufreißen oder drauf scheißen / Zu viel Druck auf den Kauleisten / Würd ich beim Ficken nicht aufzeichnen / Würd ich nicht Kristoffer Klauß heißen."

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