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Popkolumne:Mit einer Zehe schon im Reich der Elfenkönigin

Julia Stone

Auf dem dritten Soloalbum "Sixty Summers" traut sich Julia Stone ein paar Schritte weg vom Lagerfeuer.

(Foto: Brooke Ashley Barone)

Julia Stone schnurrt viel, Marianne Faithfull bewirbt sich um den Kitschpreis. "Royal Blood" werden poppiger und Dave Grohl bekommt jeden Rockstar vor die Kamera. Jeden.

Von Max Fellmann

Zwei gegen den Rest der Welt: Manchmal kann ein Duo mehr Kraft entfalten als eine Band aus vier, fünf, sechs Leuten. Siehe die Elektropunks Suicide vor 40 Jahren, die frühen Black Keys vor 20 oder zuletzt Royal Blood. Da stehen nur zwei auf der Bühne, keine Mannschaft, niemand kann sich verstecken, das holt im Idealfall aus den Beteiligten das maximale Adrenalin raus. Zwei Mann, Vollgas. Immer wieder kaum zu glauben, wie Royal Blood in den vergangenen Jahren nur mit Schlagzeug und Bass ganze Festivals aufgemischt haben. In England werden sie seit ihrer Gründung 2013 gefeiert wie ein Heiland mit vier Armen, ihre bisherigen Alben kamen dort auf Platz eins der Charts, jetzt folgt das dritte, "Typhoons" (Warner).

Der harte Riffrock ist poppiger geworden, tanzbarer, mehr Arctic Monkeys, mehr Disco. Der berüchtigte Zerr-Bass dröhnt gelegentlich nur im Hintergrund rum, dafür vorne oft Synthesizer, Klavierakkorde, Gezirpe. Hätte es nicht unbedingt gebraucht, aber bitte, es verdient unbedingt Respekt, dass die beiden nicht auf der Stelle treten wollen. Wenn es irgendwann wieder Konzerte gibt, werden sie sich schon aufs Wesentliche konzentrieren.

Auch zwei Menschen, aber ganz was anderes, eigentlich vielversprechend: Die große Marianne Faithfull hat mit Warren Ellis, dem ewigem Nick-Cave-Begleiter, ein Album aufgenommen. Es heißt "She Walks in Beauty" (BMG). Im vergangenen Jahr wäre Faithfull fast an Covid-19 gestorben. Ihre Stimme war vorher schon geheimnisvoll brüchig, jetzt aber denkt man bei jedem Ton Krankheit und Auferstehung mit. Sie singt hier nicht, sondern liest Keats, Byron, große Gedichte der englischen Literaturgeschichte. Dazu hat Ellis das geschaffen, was manche gern Klanglandschaften nennen. Viel Lauern in Moll, wabernde Sounds, Elemente von Filmmusik. Bei ein paar Stücken spielt Nick Cave Klavier, auch Brian Eno war dabei. In den guten Momenten hat das eine sehr eigene Magie, Faithfulls wunderbarer Stimme sei Dank. Leider gibt es genauso viele Momente, in denen die Klaviertöne zaunpfahlmelancholisch im Hall rumstehen wie in einem Sat1-Film-Abspann. Da werden Faithfull und Ellis umgehend zu Kandidaten für den Kitschpreis. Schade.

Jetzt mal nur eine von zweien: Julia Stone ist seit vielen Jahren mit ihrem Bruder Angus als Duo unterwegs, bekannt sind sie für zarte Songs, zart gehaucht zur zarten Akustikgitarre (wird deutlich, dass das alles immer sehr zart ist bei den beiden?). Zwischendurch veröffentlicht Julia Stone auch Musik ohne ihren Bruder. Die Songs sind dann gar nicht so grundlegend anders, aber manchmal wollen Geschwister halt ihre Ruhe. Auf dem dritten Soloalbum "Sixty Summers" (BMG) traut sich Stone ein paar Schritte weg vom Lagerfeuer, versucht sich an schwungvollem Pop, auch mit elektronischen Elementen, tänzelt ein bisschen, gelegentlich mit einer Zehe schon drüben im Reich der Elfenkönigin Lana Del Rey. Man sollte als Hörer alle paar Songs eine Pause einlegen, sonst kann einem der überschnurrige "Ich bin nur ein kleines Miezekätzchen"-Gesang auf die Nerven gehen. Aber in der richtigen Dosierung hat diese Liedersammlung einen angenehm schläfrigen Charme.

Zum Schluss Neues von Dave Grohl. Der Mann arbeitet so rastlos, dass er ohne Weiteres jede Woche in dieser Kolumne auftauchen könnte. Gerade erst mit den Foo Fighters ein Album, dann ein Song mit Mick Jagger, demnächst erscheint sein erstes Buch und dazwischen gibt's jetzt noch einen Film. Grohl erforscht ja mit großer Leidenschaft Geschichte und Wesen seines Berufs, er ist längst auch ein veritabler Pop-Historiker. Schon seine Dokumentarserie "Sonic Highways" war verblüffend gut, der Film "What Drives Us" (Amazon Prime) widmet sich nun den Anfängen großer Bands. Da geht es auf den ersten Blick um Tourneen im Kleinbus, aber eigentlich, doppeldeutiger Filmtitel, sucht Grohl nach dem, was Musiker antreibt, nach den Träumen, nach dem Bedürfnis, mit ihrer Musik Menschen zu erreichen. Metallica, Guns n'Roses, U2, Aerosmith, AC/DC, ein Beatle - für Grohl sitzt die komplette Champions League geduldig vor der Kamera, dazu ein paar alte Helden des US-Punk, Mike Watt, Ian MacKaye, Kira Roessler. Sie erzählen vom Zauber, der allem Anfang innewohnt, lachen über Anekdoten aus ihren frühen Tagen und stellen sich die großen Sinnfragen. Grohl ist dabei erkennbar Fan, er glorifiziert die Geschichten hemmungslos, aber er lässt auch Raum für die Dramen der Gestrauchelten - ein sehr berührender Abschnitt gilt D. H. Peligro (Dead Kennedys) und seinem durchlöcherten Leben. Ein schöner Film voll kleiner und großer Momente.

© SZ/biaz
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