bedeckt München

Popkolumne:Warum nur all das Gift?

Neue Musik von Nahawa Doumbia, Celeste und Weezer. Und die große Frage: Trägt Rosalia im neuen Video mit Billie Eilish ein Lätzchen?

Von Juliane Liebert

Bläuliche Dunkelheit. Ein einzelnes Licht fällt auf einen giftgrün gefärbten Scheitel. Der gehört zu Billie Eilish, die gemeinsam mit Rosalia den neuen Song "Lo Vas A Olvidar" herausgebracht hat. Im Video werden die beiden von Scheinwerfern beleuchtet, schauen ernsthaft in die Kamera, gestikulieren viel und haben gefrorene Fingerspitzen. Sie singen auf Spanisch und Englisch, klar, denn Spanisch ist jetzt das große Dings. Alle wollen mit Spanierinnen Spanisch singen. Trägt Rosalia im Video ein Lätzchen?

Unwichtig. Viel wichtiger: Es ist bemerkenswert, was heute so alles geht im Mainstreampop. Der Anfang von "Lo Vas A Olvidar" klingt ein bisschen wie Madonna in ihrer "Frozen"-Periode. Nur dass sich der Song dann nicht zu barockem Zauberwaldkitsch auswächst, sondern ganz reduziert bleibt, jenseits standardisierter Songstrukturen. Er fokussiert sich ganz auf die beiden starken Stimmen - die aufgenommen und gemischt sind, als wären Billie Eilish und Rosalia im Studio in sehr teure Röhrenmikrofone hineingekrochen.

Am Ende sprechsingt Eilish mit verstörender Ernsthaftigkeit die Zeilen: "You say it to me like it's something I have any choice in / If I wasn't important, then why would you waste all your poison?", bevor sie in die Knie geht. Ja, warum?

(Foto: Awesome Tapes From Africa)

Die Sahelzone erscheint in den Nachrichten meist als Krisenherd. Dabei hat sie sich schon länger einen Platz auf Weltkarte des Pop gesichert. Der Wüstenblues von Tinariwen befreite die musikalische Tradition der Nomaden aus der Weltmusikschublade, ohne sie nach westlichen Hörgewohnheiten zurechtzustutzen. Die malische Sängerin Nahawa Doumbia braucht nach vierzig Jahren Bühnenerfahrung bestimmt keine Schützenhilfe mehr. Ihre Musik ist geprägt von der Ngoni, einer Art Laute, die warm und zugleich perkussiv klingt, die also rhythmisch treiben und beseelen kann. Auf ihrem neuen Album "Kanawa" beschäftigt sich Doumbia mit der Flucht der jungen Menschen aus dem kriegsgebeutelten Mali. In ihrer Verzweiflung setzten sie ihr Leben aufs Spiel. Zentrale Botschaft von "Kanawa": Gebt ihnen eine Perspektive in ihrer Heimat!

(Foto: Universal Music)

Jazz galt lange als tot oder zumindest nur noch durch die Eames-Chair-möblierten Wohnhallen saturierter Männer aus sorgsam entstaubten Plattenspielern plätschernd. Dann kam Kamasi Washington, und good ol' sister Jazz sprang fit wie Lazarus über die Tanzfläche des Pop - ein wenig vereinfacht dargestellt. Aber nur ein wenig. Doch wie sieht es eigentlich mit den Frauen aus? Den Sängerinnen? Norah Jones als Soundkulisse für Hotelrestaurants kann doch nicht alles gewesen sein. Ganz recht! Denn es gibt jetzt Celeste.

Die britische Soulsängerin veröffentlicht am Freitag ihr Debütalbum "Not Your Muse". Aber macht sie überhaupt Jazz? Die Antwort ist ein klares Ja! Und ein klares Nein!

Schmeichelballaden ohne allzu viel Schmelz, auf dem man ausglitschen könnte, macht sie. Wachmacher für den Morgen nach champagnergesättigten Nächten. Wo nötig, croont hier die Diva noch selbst. Harmonisch anspruchsvoll und doch eingängig sind ihre Songs, blitzblank produziert, aber nicht steril. Das ist R 'n' B, ein bisschen, aber vor allem sehr viel Jazz. Gelegentlich hängt ihre Stimme ein paar Hertz unter dem sauberen Ton. Aber das ist kein Mangel. Celeste interessiert sich nicht für rhythmische Songgymnastik als Olympiadisziplin, sondern für Soul und das ganz große Gefühl, das ihr aber nie aus der Form flutscht. Im Hotelrestaurant lenkt diese Platte definitiv zu sehr vom Essen ab.

(Foto: Warner Music)

Und sonst? Ansonsten produzieren Weezer Alben, als könnten sie das Haus nicht verlassen. Zwei sind für 2021 angekündigt: eins namens "OK Human" für diesen Freitag, im Mai dann "Van Weezer". Der Titel "OK Human" ist offensichtlich eine Anspielung an Radioheads "OK Computer". Musikalisch klingt es in den ersten Tönen direkt sehr nach Weezer. Nur die Texte sind, man merkt es gleich, nicht mehr das, was sie mal waren. Während es auf "Buddy Holly" noch hieß "I don't care what they say about us anyway / I don't care 'bout that", fragt sich Sänger Rivers Cuomo im Opener "All My Favourite Songs" mittlerweile, was verkehrt mit ihm ist.

Cuomo sehnt sich nach Partys, aber geht nicht hin. Er will reich sein, aber fühlt sich schuldig. Dann Streicher. Streicher machen alles besser. Da erinnert man sich doch lieber an die Zeiten, als es noch "The Weezer Cruise" gab. Da fuhren Weezer mit einem Kreuzfahrtschiff von Miami nach Cozumel. 2012 war das. Niemand machte sich Sorgen wegen des Klimawandels, und Weezer warfen Themennächte, und es gab ein Weezer-Museum an Bord. Wo sind die Zeiten hin? Andererseits, vielleicht findet die nächste Weezer Cruise auf einem Raumschiff statt. Das wäre doch dann wiederum schön. Dann wären sie weit weg.

© SZ/biaz
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema