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Pop und Politik:Geht es überhaupt noch um Musik und Kunst?

So ist es häufig in der bildenden Kunst, wo vorbildlich programmierte Ausstellungsräume nicht selten durch umstrittene Pharmaunternehmen und deren stockkonservative Eigner finanziert werden. Nur: Weiß Dietrich Mateschitz denn überhaupt, was beim Red Bull Music Festival alles so passiert?

Es ist so gut wie unmöglich, ihn selbst zu fragen. Bitten um Stellungnahmen laufen ins Leere - auch die der SZ. Es antwortet nur seine Agentur. Also führt die Suche nach Antworten ins Funkhaus und zu Torsten Schmidt. Er ist einer der beiden Musiknerds, die seit 20 Jahren das Red-Bull-Music-Programm verantworten. Dass Mateschitz das Kuratieren natürlich ausgelagert hat, dass Schmidt dies im Auftrag des Konzerns mit seiner Berliner Agentur Yadastar übernommen hat, die er zusammen mit seinem Geschäftspartner Many Ameri betreibt, das kommt in den Diskussionen bislang wohl zu kurz.

Seit 1998 habe ihnen Mateschitz nicht ein einziges Mal ins Programm geredet, versichert Schmidt, 44. Man glaubt es ihm. In den Neunzigerjahren, damals noch in Frankfurt, hat er als DJ und Chefredakteur eines Magazins für Clubkultur sehr direkt mitbekommen, wie sich große Marken auf die Techno- und Rave-Kultur stürzten, wie sie ihre Werbebudgets über der Szene ausschütteten. Schmidts Ziel war es, die Geldflüsse zu verstetigen.

Bringt die Absage der Künstler etwas? Oder schadet sie nur den Musikern?

Er ist bestens vernetzt. Viele Musikerinnen und Musiker machen wohl nur mit, weil er es ist, der anfragt. In der Welt der Raves und der Klubnächte ließ man sich von Anfang an gern beflügeln, pur, gemixt mit Wodka oder Sekt auf Eis. Ist es da nicht nur gerecht, wenn Mateschitz von dem vielen Geld, das er mit dieser Musikszene verdient hat, jährlich einen wohl deutlich siebenstelligen Betrag in die Szene zurückgibt?

Zur genauen Höhe des Budgets möchte sich Torsten Schmidt nicht äußern, allerdings lässt er sich - in Absprache mit der Werbeagentur von Red Bull - mit folgendem Statement zitieren: "Wir stehen ganz klar für eine diverse Welt und unterstützen mit dem Red-Bull-Music-Programm seit zwei Jahrzehnten KünstlerInnen jeglicher Herkunft, Identität, Religion und Kultur. Die Werte, die dadurch vertreten werden, sprechen für sich." Es soll die PR-schädliche Rede von der "Nichtbewältigung der Flüchtlingswelle" und den "Auswanderern" wohl relativieren, ohne den Chef namentlich zu nennen. Während er beim Rundgang durch das Funkhaus Stipendiatinnen und Tutoren aus Japan und den USA die Hand schüttelt, lässt Schmidt auch durchblicken, dass das Kleine Zeitung-Interview unter Kolleginnen und Kollegen besorgt aufgenommen wurde.

Dem Berliner Künstlerkollektiv Live From Earth, zu dessen Mitgliedern unter anderem der Rapper Yung Hurn gehört, ist das nicht genug. Die Künstler hatten in Zusammenarbeit mit dem Festival den Abschlussabend kuratiert, eine Nacht voller "postmoderner Stile zwischen Trap und Cloud-Rap, Vaporwave und Deconstructed Club" sollte es werden.

Am Mittwoch sagte Live From Earth die Teilnahme ab. Die Begründung: Es habe "leider trotz vermehrter Aufmerksamkeit in den letzten Monaten kein klares Statement vom Red-Bull-Gründer selbst zu den Vorwürfen" gegeben, und das Unternehmen habe es versäumt, einen "öffentlichen Dialog über das Thema" zu initiieren.

Das ist konsequent. Allerdings lässt sich auch fragen, was genau die Künstler mit so einer Absage erreichen. Bringen sie nicht vor allem erst einmal andere Musikerinnen und Musiker unter Zugzwang? Live From Earth können auf die Gage verzichten, andere nicht. Und was ist mit der Vorstellung, dass sich das eigene Künstlergewissen reinwaschen lässt, indem man einem reichen Unternehmer nun nicht mehr hilft, sein Image reinzuwaschen? Geht es überhaupt noch um Musik und Kunst?

Das Vertrauen darin, dass eine Darbietung schon ein ausreichend deutliches Zeichen setzen könnte, scheint schwer erschüttert zu sein. Stattdessen dominiert der Gedanke, dass Geld von einem Unternehmer, der in seinem Sender österreichischen Rechtspopulisten ein Forum gibt, zwingend jede künstlerische Äußerung befleckt. Dabei ließe sich genauso sagen, dass entscheidend ist, was auf der Bühne passiert, und auch, was die Künstler mit dem Geld später anstellen. Dietrich Mateschitz kann es nun anderen geben. Sollte er jemals auf die Idee kommen, ähnlich konsequent, wie er seit zwei Jahrzehnten elektronische Musik fördert, eine Red-Bull-Rechtsruck-Akademie zu finanzieren - es müsste einem angst und bange werden.

Es ist kompliziert. Das weiß auch Torsten Schmidt von der Yadastar-Agentur. Im Vorbeigehen erzählt er, er habe in Frankfurt in den Neunzigern, zwischen Raves und Redaktionssitzungen, kurz am Institut für Sozialforschung studiert. Von damals kennt er noch den berühmten Satz von Theodor W. Adorno - den mit dem richtigen Leben, das es im falschen eben nicht gibt. Der Satz ließe sich so weiterdenken: Dass in Berlin eine Diskussion um die Politik von Red Bull begonnen hat, ist richtig. Aber wer meint, sie vor allem auf dem Rücken von Musikern austragen zu können, der landet bei den Falschen.

© SZ vom 12.10.2018/doer
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