"Mann Beisst Hund" von OG Keemo:Eine Welt voller Hunde

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"Mann Beisst Hund" von OG Keemo: "Wie kann ich den Leuten vermitteln, dass diese Zeit zu mir gehört? Und gleichzeitig klar machen, dass ich so nicht mehr bin?" - Rapper OG Keemo.

"Wie kann ich den Leuten vermitteln, dass diese Zeit zu mir gehört? Und gleichzeitig klar machen, dass ich so nicht mehr bin?" - Rapper OG Keemo.

(Foto: 27Bucks)

"Willst du mal meinen Zitronenbaum sehen?" Der exzellente Geschichtenerzähler OG Keemo hat eines der besten Rap-Alben des jungen Jahres aufgenommen. Ein Treffen.

Von Lennart Brauwers

Gleich mal Grundsätzliches: "Ich hab das eh nie gerafft, warum das 'ne Beleidigung sein soll, weißt du? So'n Hund ist gar nicht so groß anders als wir, wenn du mal überlegst. (...) Wir werden geboren, lernen ein zwei Tricks, schnüffeln der ein oder anderen Hündin hinterher, markieren das ein oder andere Revier, und sterben dann." So gesprochen von einem der halbfiktiven Charaktere auf dem Album "Mann Beisst Hund" des Rappers OG Keemo. Etwas später stellt er dann noch fest: "Wir leben in 'ner Welt voller Hunde. Diese ganze Welt ist voller Hunde."

Die eher unbeeindruckte Antwort seines Gegenüber: "Was laberst du?"

Solche gesprochenen Interludes bilden den Rahmen des neuen Studioalbums des deutsch-sudanesischen Rappers, 1993 in Mainz geboren als Karim Joel Martin. Noch deutlicher als auf dem düsteren Vorgänger "Geist", der vor allem dem Thema Rassismus gewidmet war und allem, was das eben so mit sich bringt (im Fall von OG Keemo vor allem: Verzweiflung und Polizeihass), ist diesmal alles Teil einer Geschichte - einer, die nicht immer chronologisch erzählt wird, oder im ganz herkömmlichen Sinne schlau ist. Aber dafür eine, die süchtig macht.

Große, finstere Atmosphären. Kleine, erlösende Comic-Frage: "Gibt es einen Himmel für'n Hund?"

Dazu gleich. Vorher zum Titel, der eben keine Referenz an die gleichnamige Mockumentary aus Belgien ist, sondern eher eine ans eigene Werk. Schon auf "Geist" rappte OG Keemo: "Ich bin der Grund für dein' Angstschweiß / Mann beißt Hund, wo ich herkomm'." Alles in allem eher harter, straßenköteriger Gangsta-Rap bislang.

Erstaunlich possierlicher Gesprächspartner dann aber im Zoom-Call. Begrüßungssatz: "Willst du mal meinen Zitronenbaum sehen?" Passt beides ganz gut zur Story des Albums, die grob auf Keemos eigener Jugend basiert. Schon im ersten Song (stimmiger Name: "Anfang") berichtet eine jüngere Version des Rappers von den Figuren Malik ("sein Vater aus Marokko, seine Mum aus Mosambik") und Yasha ("ein komischer Kauz mit den Augen eines Toten"). Inmitten eines Schwarms aus hektischen Streichern, die in Hollywood-Blockbustern eine außerordentlich dramatische Szene ankündigen würden, beschreibt er sehr bildlich ein zwielichtiges Szenario. Protagonisten darin unter anderem: Misstrauen, Drogen - und ein bellender Hund namens Attila. Malik sagt außerdem irgendwann: "Fuck it, wer hat Bock auf Business?", knackt einen Honda Civic und ab geht die Geschichte. Song zwei heißt dann natürlich wie? Genau: "Civic". Alles fließt hier ineinander. Eine Art Film im Musikformat.

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Ist eher kein Zufall. OG Keemo wollte mal Cartoon-Zeichner werden. Also zeichnet er jetzt eben Comic-Szenen in der Musik. Öffentliches Kiffen, vor der Polizei abhauen, dazwischen immer wieder langes Abhängen, immer wieder lange Dialoge - und hörspielartige Sequenzen. Ein Basketball wird gedrippelt, eine Autotür schlägt zu. Und dann plötzlich Momente, in denen auf "Pause" gedrückt wird. Thema dann sein reales Leben heute - sein Kind, die Reue, die sich ins Bewusstsein schiebt, sobald er über seine Jugend nachdenkt. Große, finstere Atmosphären. Kleine, erlösende Comic-Frage: "Gibt es einen Himmel für'n Hund?"

Funkvater Frank, sein Freund, Produzent und engster Kollaborationspartner, der auch im Zoom-Call sitzt, hat für die Platte eine Reihe von (im besten Sinne) dachboden-staubigen Beats zusammengestellt, die ebenso häufig dick und präpotent wie smooth und melodiös sind - oft sogar im selben Song. Die beiden Musiker sind ebenso begeisterte Fans von 50 Cent wie von Sade, erzählen sie im Interview.

Der wirklich geniale Trick von Funkvater Frank ist jedoch nicht sein radikales Beat-Switching, sondern die Art, wie er hüpfende Trap-Drums mit dem Knistern alter Vinyl-Samples verbindet. Songs wie "Regen" werden in den genau richtigen Momenten melancholisch, bestehen häufig nur aus kurzen und kürzesten Loops, langweilen nie. "Dieses Mal konnte ich noch viel rücksichtsloser sampeln und loopen", erzählt der (nicht zuletzt wegen seines Mannheimer Dialekts) ebenfalls überaus sympathische Produzent. Bescheidene Aussage. Tatsächlich hat er das Level seiner amerikanischen Produzentenhelden (unter anderem Madlib und The Alchemist) gerade so gut wie erreicht.

"Es gibt Sachen, die ich mit anderen Leuten erlebt habe, die ich doch nicht erzählen wollte"

Für Funkvater Frank ist das Album "eine ganz normale Straßengeschichte, die in Deutschland jeden Tag passiert". An ein paar neuralgischen Stellen haben sie das Geschehene allerdings gezielt von der Realität abstrahiert. Ein paar Songs haben sie sogar wieder gestrichen. Irgendwo mussten sie eine Grenze ziehen. "Es gibt Sachen, die ich mit anderen Leuten erlebt habe, die ich doch nicht erzählen wollte", sagt OG Keemo. Nachfrage natürlich: Warum nicht? Antwort: "Ich fühlte mich nicht in der Position."

Ist ein sehr aktuelles Problem in einer Rap-Szene, bei der an anderer Stelle reale Personen und Kunstfiguren wenigstens angeblich immer deckungsgleicher werden: Wie soll man heute mit einer Vergangenheit in Armut umgehen, wo doch inzwischen zumindest etwas Geld da ist? Wie mit den Momenten, in denen man straffällig wurde? Wie viel Authentizität verlangt das Genre bei solchen Themen denn gerade? Und wie viel davon will und kann man geben? Oder konkreter: "Kann ich überhaupt Orte repräsentieren, an denen ich länger nicht gelebt habe? Wie kann ich den Leuten vermitteln, dass diese Zeit zu mir gehört? Und gleichzeitig klar machen, dass ich so nicht mehr bin?"

Während die Geschichte lose weiterläuft, werden solche Fragen präsenter - vor allem im Highlight "Töle". Begleitet von einem trübseligen E-Piano-Loop rappt OG Keemo hier aus der Sicht eines alten Freundes, der dem Rapper ebenso wütend wie geknickt seinen Erfolg vorwirft: "Wärst du mein Freund, dann wärst du da." Oder: "Ich wette, meine Mum wär' mies enttäuscht, wenn ich ihr sage, wie du heute bist." Oder: "Du machst Profit mit der Siedlung, in der ich wirklich lebe." Seine Stimme klingt hier anders als sonst, weinerlich beinahe. Und verletzt. Auch deshalb ist es der härteste Rap-Moment des Albums. Und des bisherigen Rap-Jahres.

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