Popmusik:Das ist nicht mehr Paddy Kelly

Lesezeit: 3 min

patrick kelly

Michael Patrick Kelly löste in den Neunzigern mit der Kelly Family einen Hype aus. Heute ist alles ruhiger, die Fans sind erwachsen. Er auch.

(Foto: Gregor Hohenberg)

Michael Patrick Kelly hieß mal "Paddy" und war Mitglied der Kelly Family. Nach sechs Jahren als Mönch im Kloster ist er jetzt zur Musik zurückgekehrt.

Von Christiane Lutz

Ein Irish Pub in der Nähe des Marienplatzes. Draußen scheint die Sonne, im Keller des Pubs riecht es nach Guinness und langen Nächten. Kelly umklammert eine Tasse Kamillentee. Er ist hier, um über das "dritte Kapitel" zu sprechen, wie er es nennt, sein neues Album, mit dem für ihn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Am Freitag tritt er im Circus Krone auf. Es sind seine ersten Interviews seit Jahren.

Michael Patrick Kelly hieß früher mal "Paddy" und war Mitglied der Kelly Family, die in den Neunzigerjahren mit mehr als 20 Millionen verkauften Alben zu den erfolgreichsten Bands Europas gehörte. Er war charismatischer Bandleader der Kellys, Teenagerschwarm und selbst noch ein Teenager, als 1994 das von ihm geschriebene "An Angel" die Band an die Spitze der Charts katapultierte. Heute ist er 37 Jahre alt und nennt sich "Michael Patrick", wie es in seinem Pass steht. Er trägt Wuschelfrisur zu Lederjacke. Das Grinsen ist dasselbe wie einst, verschmitzt und unverfälscht, Fältchen fächern wie Sonnenstrahlen um seine Augen.

Sechs Jahre verschwand er im Kloster

"Human" heißt sein neues Album, das gerade erschienen ist. Darauf sind leicht zugängliche Popsongs zu hören, folkig angehaucht, weniger kitschig und weniger hymnisch als früher mit der Kelly Family. Songs, die konkrete Geschichten erzählen von Helden des Alltags ("Little Giants"), von Verlust ("Beautiful Soul") und immer wieder vom Finden des persönlichen Glücks, vom Überwinden von Krisen. Es ist Kellys erstes Album seit seinem Solo-Debüt "In Exile" aus dem Jahr 2003. Danach verschwand er komplett aus der Öffentlichkeit, lebte für sechs Jahre als "Bruder John Paul Mary" in einem Kloster im Burgund. Diese Zeit beschreibt er als das zweite Kapitel.

Mit ihren langen Haaren, wallenden Gewändern und der Hippie-artigen Lebensweise waren die Kellys stets Zielscheibe für Häme. In den Neunzigern, dem Jahrzehnt der aufblasbaren Gummi-Sessel und des "Girlie"-Gehabes, war die Popmusik-Szene in Deutschland dominiert von billigem Plastik-Sound. Die Kellys aber schrieben und produzierten ihre Songs selbst, gründeten ein Label. Sie taten also das, wofür heute jeder Singer-Songwriter Applaus bekommt. Damals polarisierten sie. Entweder war man Kelly-Fan oder Kelly-Hasser. Dazwischen gab es nichts. "Okay, wir sahen auch freaky aus", sagt Kelly und muss lachen. "Wenn ich heute alte Bilder von uns sehe! Das ist wie Passfotos anschauen." Er schiebt nach: "Aber wenigstens war es real."

"Irgendwann hältst du dich für den King"

Die Band, die jahrelang wie Straßenmusiker durch Europa getingelt war, spielte nach ihrem Durchbruch plötzlich vor ausverkauften Hallen. "Ich bin in einem Campingwagen in Irland geboren und mit 20 Jahren in einem Schloss gelandet", sagt Kelly. "Wir haben davon geträumt, Stadien zu füllen und haben uns das erarbeitet." Dieser Traum hatte seinen Preis: 200 Konzerte im Jahr, Fan-Hysterie, kein Privatleben. Auf Kellys Schultern schien die Fanliebe irgendwann wie Bleigewichte zu liegen. Was wog schwerer? Die Verehrung oder die Verachtung, die ihm entgegenschlug? "Es ist immer ungesund, zu viel von irgendwas zu bekommen. Zu viel Alkohol ist nicht gut. Zu viel Verehrung tut nicht gut. Irgendwann hältst du dich für den King, obwohl du es nicht bist. Zu viel Verachtung kann dich auch zerstören", er runzelt die Stirn, "es hat mich nicht zerstört."

Das Album "Human", also "menschlich" ist für Michael Patrick Kelly der Versuch, einige Facetten der Menschlichkeit zu ergründen. Die Jahre der Hysterie und des Hypes haben keinen Zyniker aus ihm gemacht, im Gegenteil. Er ist zurückhaltend, aber interessiert. Zum Musikmachen sucht er sich stets eine "Ersatz-Familie". "Da entstehen Synergien, die kriegst du allein nicht hin. Das ist wie Ping-Pong spielen." Als musikalische Einflüsse nennt er seit jeher Bob Dylan, Bruce Springsteen, hört aktuell auch Hozier und James Bay. Der absolute Favorit aber: Eddie Vedder. "Der schafft es, eine Zerbrechlichkeit mit so viel Kraft in der Stimme zu kombinieren, unfassbar", sagt er, und dann: "Ich weiß, was es heißt, ein Fan zu sein."

Doch auf dem Höhepunkt des Erfolgs mit der Kelly Family spürte er "eine Leere und eine damit verbundene Sehnsucht". Er bereitete seine Geschwister Anfang der 2000er auf seinen Rückzug aus der Band vor. Das Ende des ersten großen Kapitels. "Es war alles offen. Ich wusste nicht, ob ich in drei Monaten oder drei Jahren Antworten finden würde." Nach sechs Jahren im Kloster kehrte zurück. Er sagt, er habe sich letztendlich nicht zum Leben als Mönch berufen gefühlt. Aber zum Leben für die Musik. Für die Musik tastet er sich zurück in die Öffentlichkeit. "Es ist alles ruhig geworden. Die damaligen Teenager sind erwachsen, haben Kinder und bringen ihre Ehemänner mit zum Konzert."

Michael Patrick Kelly hat seine Jugendliebe geheiratet, zeitweise leben sie "in der "niederbayerischen Pampa", wo es den Leuten egal ist, wer er ist. In seinem Song "Shake away" singt er: "Schüttel' die alten Ketten ab und richte deinen Kurs neu aus." "Gucken wir mal, ob wir in zehn Jahren wieder hier sitzen und reflektieren", sagt er. Das dritte Kapitel beginnt.

Michael Patrick Kelly, Freitag, 29. Mai, 20 Uhr, Circus Krone

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