Polnischer Antisemitismus im Film "Poklosie":"Ich konnte nicht anders"

Die Filmemacher tun es mit den Mitteln des Action-Kinos. "Poklosie" ist ein Thriller, der fesselt und zur Anteilnahme an den verwegenen Aktivitäten des Józef Kalina und seines Bruders Franciszek nötigt. Franciszek, ein Emigrant, kehrt nach 20 Jahren Abwesenheit aus Chicago ins Heimatdorf im polnischen Hinterland zurück, wo Józef allein auf dem elterlichen Bauernhof lebt, im Konflikt mit dem Dorf. Er hat jüdische Grabsteine entdeckt, die als Straßenbelag verbaut wurden, auch im Pfarrgarten dienen sie, die Schrift nach unten gekehrt, als Gehweg. "Das ist nicht in Ordung", sagt Józef instinktiv. Er sammelt die Grabsteine nachts ein, stellt sie in seinem Weizenfeld auf und säubert sie. "Ich konnte nicht anders", meint er, als der Bruder nach den Beweggründen fragt.

Polish actor Ireneusz Czop and film director Wladyslaw Paikowski discuss a scene on set of the movie 'Poklosie' near Warsaw

Mit Hasstiraden bekübelt und der Verleumdung Polens bezichtigt: Regisseur Wladyslaw Paikowski (r.), hier im Gespräch mit dem Schauspieler Ireneusz Czop.

(Foto: REUTERS)

Die beiden forschen nach der Herkunft der Steine und dem Schicksal der Juden, die früher als Nachbarn im Dorf lebten, und je weiter sie kommen, desto deutlicher werden die anonymen Warnungen aus dem Hintergrund. Ein Stein fliegt durchs Fenster, ein Auto auf der Landstraße kommt gefährlich nahe, dann wird in Abwesenheit der Hofhund massakriert, auf die Stalltür ist ein Judenstern gemalt.

Im Grundbuchamt erfährt Franciszek: das Bauernland hat früher den Juden gehört, auch das eigene Elternhaus. In sturmgepeitschter Regennacht graben die Brüder Gebeine aus, hier hat ein Massaker stattgefunden. Unbeirrt suchen sie nach Zeitzeugen und bedrängen sie, bis am Ende die grausame Erkenntnis steht: das ganze Dorf hat zugesehen, der eigene Vater war beteiligt. Deutsche waren nicht dabei.

Erzählt wird augenfällig und direkt, bis an den Rand der Verkitschung, die damit erzeugte Emotionalität ist bezweckt. Pasikowski wühlt die Gemüter auf. Er sät Wind, und er erntet Sturm. Maciej Stuhr, der Hauptdarsteller in der Rolle des Józef, wurde im Internet mit Hasstiraden bekübelt, der Beschmutzung und Verleumdung Polens bezichtigt. "Aber ich liebe Polen doch", wehrte er sich entgeistert in einem Fernsehinterview. Der Regisseur Pasikowski reagierte zornbebend mit einem Aufruf an alle, die den Film gut finden, sich zu Wort zu melden. Der leidenschaftliche Diskurs belegt, dass Polen im gesellschaftlichen Selbstfindungsprozess weiter fortgeschritten ist als jedes andere postkommunistische Land. Auch die Slowakei und Rumänien zum Beispiel hätten Anlass, sich in ähnlicher Weise mit der Judenverfolgung in ihrem Land zu befassen, die dort viel schlimmere Ausmaße hatte, doch über zaghafte Ansätze kommt man nicht hinaus.

Brutalisierung durch den Krieg

In Polen reagiert das nationalkatholische Lager erwartungsgemäß mit krasser Ablehnung. "Der Film ,Poklosie' wird für die Welt ein weiterer Beweis sein, dass die Polen am Holocaust mitbeteiligt waren", schreibt der Publizist Piotr Semka im Magazin Uwazam rze, das auf der Titelseite unter der Schlagzeile "Wie die polnische Erinnerung ausgelöscht wird" eine Karikatur bringt, in der dem polnischen Adler ein Stein an den Hals gehängt wird, um ihn im Meer zu ertränken.

Im selben Heft legt der Historiker Piotr Zychowicz dar, warum er den Film für fatal einseitig hält, wenn auch die Quellen keinen Zweifel ließen, dass ein Teil der Polen sich im Zweiten Weltkrieg gegenüber den Juden sehr gemein verhalten habe. Indes gibt er zu bedenken: in Jedwabne, das im September 1939 von den Sowjets besetzt wurde und erst im Sommer 1941 unter die Fuchtel der Deutschen kam, hätten einige Juden mit den Russen kollaboriert und ihnen christliche Nachbarn ans Messer geliefert. "Als 1941 die Bolschewiken flüchteten, nahm ein Teil der Polen blutige Rache." Außerdem: "Die dörflichen Judenmörder waren das Produkt der deutschen Besatzung und der Brutalisierung durch den Krieg." Die polnische Gesellschaft sei damals durch Massenmorde der Deutschen und der Russen ihrer Elite beraubt gewesen - auch dies ein bedenkenswerter Faktor im Geschehen jener Zeit.

Die Verteidigung des Films orchestriert die Zeitung Gazeta Wyborcza als Flaggschiff des neuen, liberalen Polen. Seit zwei Wochen bringt sie eine ganze Serie von Artikeln, auch auf Seite 1, und bietet unterschiedlichste Fachleute auf. Der Filmkritiker Tadeusz Sobolewski hat in einem Satz zusammengefasst, warum "Poklosie" nach seiner Meinung so gut und wichtig ist: "Der Film ist ein Exorzismus unseres Gewissens."

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