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Włodzimierz Borodziej, hier auf einem Kongress 2009.

(Foto: Reiner Zensen/Imago)

Der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej ist im Alter von 64 Jahren gestorben.

Von Florian Hassel

Als Włodzimierz Borodziej 2010 für seine Arbeiten zur deutsch-polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert den Carl-von-Ossietzky-Preis bekam, zog der Warschauer Historiker Zwischenbilanz. Immer noch seien die Unterschiede beim Blick auf die Geschichte bei Polen und Deutschen "gewaltig", so Borodziej: Während für Polen der Zweite Weltkrieg mit Besatzung und Vernichtung durch die Deutschen die alles bestimmende Erfahrung sei, existiere für viele Deutsche der Krieg in Polen praktisch nicht: Für sie sei die "Ostfront" immer noch gleichbedeutend mit dem Angriff auf die Sowjetunion und dem dort folgenden Krieg. Polen komme in deutschen Schulbüchern vor allem vor, wenn es um den Massenmord an den Juden in den deutschen Konzentrationslagern im besetzten Polen gehe.

Borodziej widmete sein Leben im Grunde der Aufgabe, mehr für das wechselseitige Verständnis zu tun. 1956 in Warschau geboren, ging der junge Borodziej auch in Berlin und Wien zur Schule, wo Vater Wiktor als Offizier der polnischen Auslandsspionage stationiert war - ein Teil seiner Biografie, den Polens nationale Rechte ihm noch 2009 zum Vorwurf machte, als die Gazeta Polska ihn beschuldigte, gleichsam als intellektuelles U-Boot des Geheimdienstes in das freie Polen nach Fall des Kommunismus eingeschmuggelt worden zu sein - ein etwa von PiS-Chef Jarosław Kaczyński gern verwandtes Diskreditierungsmittel.

Das Beste, was Polen und Deutschen passieren könne? Normal zusammenarbeiten und einander manchmal zuhören

Włodzimierz Borodziej hatte sich da freilich längst als unabhängig denkender Historiker an der Universität Warschau etabliert. Sein 1999 erschienenes Buch zur deutschen Polizei und dem polnischen Widerstand ist ebenso ein Standardwerk wie die 2001 folgende Untersuchung zum Warschauer Aufstand von 1944, die "Geschichte Polens im 20. Jahrhundert" von 2010 oder seine ab 2014 erschienenen Arbeiten zur Geschichte des Ersten Weltkriegs im östlichen Europa. Auch als Herausgeber war Borodziej Pionier: mit polnischen Dokumenten von 1945 bis 1950, die auch die Vertreibung der Deutschen beleuchteten, oder als Chefredakteur einer Dokumentenreihe zur polnischen Diplomatie.

Und Borodziej war ein Wissenschaftspolitiker von Format: etwa als polnischer Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission von 1997 bis 2007, als Co-Leiter des Imre-Kertész-Kollegs der Universität Jena und im Beirat des Hauses der Geschichte in Bonn, des Danziger Museums des Zweiten Weltkriegs oder des Brüsseler Hauses der Europäischen Geschichte. In Deutschland wurde Borodziej mit dem Bundesverdienstkreuz ebenso geehrt wie zuletzt 2020 mit dem Internationalen Forschungspreis der Max-Weber-Stiftung. Das Beste, was Polen und Deutschen geschehen könne, sagte Borodziej einmal, sei, dass "beide Völker mehr oder weniger normal zusammenleben, sich weder liebend noch hassend, und bereit, dem Nachbarn manchmal zuzuhören". Was Włodzimierz Borodziej dafür tun konnte, hat er getan. Jetzt ist er mit 64 Jahren nach langer Krankheit gestorben.

© SZ/alex
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