Plattenkabinett Juli - Insel

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als zum ersten Mal der deutsche Gesang in den Proberaum meiner Band herüberschallte. Wir sahen uns an, im Gesicht alle den gleichen Ausdruck: "Was soll der Scheiß?"

Das muss irgendwann um die Jahrtausendwende gewesen sein, ich studierte in Marburg an der Lahn und probte in einem alten Kasernengebäude im 30 Kilometer entfernten Gießen. Im Raum nebenan spielten Sunnyglade, eine Alternative-Pop-Band, bei der die Schwester eines Freundes sang.

Deutsche Texte, das war zu dieser Zeit das letzte. Das war Schlager, Udo Lindenberg oder schlimmeres. Vor allem in einer studentisch geprägten Stadt. Selbst die lokale Zeitung verriss einen der ersten Auftritte in deutscher Sprache.

Zerbrechliche Stimme, die immer noch mehr nach Studentenmädchen klingt als nach Neu-Berlinerin: Eva Briegel von Juli.

(Foto: dpa)

Mit neuer Sängerin Eva Briegel wurden aus Sunnyglade Juli und die Band arbeitete konsequent an ihrem Erfolg. Man sah sich zwar immer noch einmal die Woche auf dem Flur, lieh sich den Bieröffner, das letzte paar Sticks oder lief sich in der handvoll Kneipen Gießens über den Weg. Aber diese Begegnungen wurden seltener. 2004 erschien die "Perfekte Welle" und auf einmal waren Juli Stars. Das sympathische war: Optisch veränderte sich die Band kaum. Sie sahen noch immer aus, wie die Studenten, die sie einst waren. Sie waren noch immer ein paar von uns.

Mittlerweile wohnt keines der Mitglieder von Juli mehr in Gießen, sie leben in Berlin, Hamburg, dort, wo man eben als erfolgreicher Musiker hinzieht. Das hörte man auch dem letzten Album "In Love" an.

Da gab es viel Elektronik, viel zu gewollte Hipness. Das passte irgendwie nicht zur Band aus der hessischen Provinzstadt. Aber offenbar hat Juli das selbst erkannt. Ihr neues Album "Insel" ist die Rückkehr zum melancholischen Pop der Anfänge mit dieser zerbrechlichen Stimme, die immer noch mehr nach dem Studentenmädchen klingt als der Neu-Berlinerin. Selbst die hessische Schwäche für "sch"-Laute hat sich Eva Briegel nicht abtrainiert. Musikalisch erinnert das mal an das euphorische von Coldplay und dann wieder an das beschwingte von Frida Gold.

Das Wissen um die Herkunft

Seltsamerweise zieht sich auch die Wassersymbolik ihres größten Hits "Perfekte Welle" durch das ganze Album. Im Titelstück heißt es "Mein Herz ist eine Insel auf einem blauen Meer", in "Wasserfall", "Unsere Liebe ist ein Wasserfall", in "Eines Tages" rettet uns alle der Regen, in "Hallo Hallo" sollen wir Eva aus der nassen Kleidung helfen. Gießen, gerne auch mal als Regenloch Hessens bezeichnet, scheint sich prägend in die Psyche der Band geschwemmt zu haben.

Aber vielleicht ist das auch das Grundlegende, das uns Juli sagen wollen: Wer nicht vergisst, wo er her kommt, kann sich nie verlieren. Oder wie es Eva Briegel singt: "Eines Tages, wenn alles endet", wird "sich letzten Endes" alles "zum Guten wenden."

Dieses Lied muss auf mein nächstes Mixtape drauf: "Eines Tages". Jeder wird schließlich mal nostalgisch.

Wenn das Album ein Selfie wäre... würde man es in einer durchzechten Nacht in einem Fotoautomat schießen. Und feststellen, dass man das nicht auf Facebook posten kann.

Wo hört man das Album am besten? Nachts, auf einer Wiese, auf dem Rücken liegend. Wirklich.

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