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Plattenkabinett:Spaziergänge in späten Stunden

DAVID CROSBY PERFORMS WITH CSNY2K REUNION TOUR

David Crosby performt mit Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young in Auburn Hills.

(Foto: reuters)

Meister David Crosby hat ein geerdetes Album produziert, das sich jedem Etikett entzieht. "After the Disco" von den Broken Bells ehrt die magische Stunde, wenn die Party vorbei ist. Der Bremer Soul-Sänger Flo Mega hält dagegen nicht mit seinen großen Vorbildern mit. Neue Alben im "Plattenkabinett", der Musik-Kolumne von SZ.de.

David Crosby - Croz

Jeder Mann hat sein Päckchen zu tragen. 72 Jahre ist er jetzt, der alte Meister, und er hat eigentlich genug Schlachten geschlagen. David Crosby wie in Crosby, Stills & Nash, unsterbliche Folk-Götter ihres Zeichens. Ja ja, Phrasenalarm bei den Göttern, schon klar, aber es sind verflixt nochmal Crosby. Stills. Und Nash.

David Crosby also, der mit den Drogengeschichten in den 70ern, und den Konflikten mit der Staatsgewalt, und nochmal mit den Drogengeschichten. Crosby, bei dem weisere Musikfreunde - Eltern, Lehrer, Vorgesetzte - wenn nicht feuchte Augen, so doch bessere Laune kriegen.

20 Jahre ließ der Kalifornier verstreichen, ehe er wieder ein Solo-Album aufgenommen hat. Längst ist er clean und hat diesen in sich ruhenden Zustand erreicht, den nur unsterbliche Götter vergangener Epochen erreichen können. Was ist also von "Croz" zu erwarten? Crosby selbst tut sich schon schwer, dem Album ein Label zu verpassen. Es sei so schwierig wie die Beschreibung von Sex, sagte er in einem Interview. "It's warm and wet, you go in and out and it really feels good."

Helfen wir dem alten Meister: Nein, erotische Gedanken ruft das Album nicht zwingend hervor. Aber das, was Crosby seit 40 Jahren ausmacht, das findet sich auch auf "Croz" wieder. Er ist immer noch der Herr der Harmonien (was er zuvor nicht nur für CSN, sondern auch schon für die Byrds war), seine Stimme ist noch etwas weicher geworden, und seine Texte sind immer noch speziell. Mir ist jedenfalls kein Song bekannt, in dem die "cognitive dissonance" Erwähnung findet. In "Time I Have" bringt Crosby dieses Kunststück fertig, ein Lied, das die Grundstimmung für das Album vorgibt:

"People do so many things that make me mad but Angry isn't how I want to spend what time I have"

Nein, ein Angry Old Man will Crosby nicht sein. Dafür ist das Album zu geerdet, mit seinen kuscheligen Arrangements, seinen Jazz-Elementen, seinen gemütlich trödelnden Gitarren. "Croz" wirkt eher wie einer dieser Spaziergänger, über die man sich, vom Stress getrieben, im Vorbeigehen wundert - und die man ein wenig beneidet.

Der Spaziergänger, der es nicht eilig hat, der immer wieder stehenbleibt, der auch kein Ziel zu haben scheint, und der mit alledem recht zufrieden ist.

Klar, jeder hat ein Päckchen zu tragen. Auch der Spaziergänger. Glücklich schätzen darf sich aber, wer es mit solcher Würde zu tragen weiß.

Wenn das Album ein Kleidungsstück wäre, dann wäre es ... ein Spazierstock, Erbstück natürlich.

Wenn das Album ein Aphorismus wäre, dann dieser ... Auf einen Weisen kommen tausend Narren.

Wenn das Album eine Reise wäre, dann ... wäre der Weg (zu Fuß!) das Ziel.

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