Pegida-Demonstration in Dresden:Die liebe Kathrin sagt gar nichts

Sie wird jetzt gleich über Snowden sprechen, über die Foltergefängnisse der CIA und über die rasante Verarmung in einem Land wie Griechenland, in dem schon ein Drittel der Bevölkerung keine Krankenversicherung mehr besitzt. Und dann wird sie von der Verantwortung Europas sprechen, von unserer Verantwortung, weil sich kein Konflikt dieser Welt verstehen lässt ohne die Geschichte des Kolonialismus und des Kalten Krieges und des Neokolonialismus.

Sie wird sagen, dass es eine Schande ist, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Es gibt viel zu viel zu sagen. Es ist wichtig, wird sie am Ende rufen, auf die Straße zu gehen und die Politik zu zwingen, im Sinne des Gemeinwesens und nicht des Profitstrebens zu handeln.

Aber nichts von all dem sagt unsere liebe Kathrin, gar nichts. Überhaupt ist es schwer zu wiederholen, was sie sagt. Meinungsfreiheit, unser schönes Dresden, Volk und vor allem ihre Enttäuschung über einen Herrn Kaiser, Roland Kaiser, der Schlagersänger ist gemeint. Der hat Kathrin ins Herz getroffen. Er hat gesagt, dass man statt Angst Neugier haben soll und solche Sachen. Roland Kaiser hat offenbar auf der offiziellen Gegendemo die stärkste Rede gehalten. Und dann sind die Reden schon vorüber.

Gegendemonstranten sind auch keine Hilfe

Und ich denke, jetzt ziehen sie alle los und haben gar keine Forderungen, die wirklich etwas mit ihrem Leben und ihrer Unzufriedenheit zu tun haben. Gibt es denn in der Gedanken- und Gefühlswelt dieser Demonstranten keine Worte dafür? Offenbar fehlen die geeigneten Begriffe: An die Stelle von Gesellschaft tritt Volk, statt von sozialer Ungerechtigkeit zu sprechen, prangert man jene an, die angeblich arbeitsscheu sind, der permanente Kniefall der Politik vor den Forderungen der Wirtschaftslobby wird auf die Fremdbestimmung von Brüssel reduziert.

Für konservative und regierende Parteien sind Pegida-Demonstranten eine bequeme Opposition, denn die eigentlichen Fragen werden nicht gestellt. Pegida sind die nützlichen Idioten. Mit dem Hinweis auf sie können Gesetze verschärft und kann grundsätzliche Opposition diskreditiert werden. Aber die Gegendemonstranten sind auch keine Hilfe, zumindest keine, die unsere Probleme besser formulierte.

Info

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, ist Schriftsteller. Seine 2012 gehaltene Dresdner Rede "Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie" ist als Buch bei Hanser erschienen.

Als zwanzig, dreißig junge Leute Polizei und Demonstranten überrumpeln, sich auf die Straße setzen als lebende Blockade und skandieren: "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda" umstellt die Polizei sie, ein Ausreißer wird ziemlich unsanft eingefangen. Etwas verzögert wälzt sich der Strom der Demonstranten an ihnen vorbei. "Gäht erst ma orbeeten!" (Geht erst mal arbeiten!), rufen sie und "Wir sind die Mehrheit, Ihr seid zu wenig!", was zumindest hier stimmt.

Die Alternative wird übersehen

Es gibt Gruppen unter den Demonstranten, denen möchte man tatsächlich zurufen, was die Blockierer rufen, die zum Glück von der Polizei geschützt werden. Trotzdem greifen die Vorwürfe der Gegendemonstranten zu kurz. Manche halten den Blockierern Plakate hin, die diese auch selbst gemacht haben könnten: "Keine Waffenexporte! Keine Flüchtlinge", "Volksabstimmung über NATO und EU" - Und plötzlich entsteht in mir ein Verdacht: Wenn sich beide Seiten nicht im feindlichen Gegeneinander erschöpften, sondern wechselseitig ihr Unbehagen am Status quo artikulierten - wie groß wäre die Zahl der Gemeinsamkeiten? Ich vermute, überraschend hoch. Die Empörung à la Grönemeyer ist wohlfeil. Dann schon lieber Roland Kaiser, der wirkt wenigstens, obwohl ich nicht die Hoffnung habe, Pegida würde ihren Namen bald als Petra, Gisela und Dagmar deuten.

Diese drei Damen traf ich dann allerdings tatsächlich noch, leider nicht in Dresden, sondern sechs Tage später am Potsdamer Platz in Berlin. Mit ihnen waren fünfzigtausend Demonstranten gekommen, doppelt so viele wie in Dresden. Und jetzt kam all das zur Sprache, was ich in Dresden vermisst hatte - und noch einiges mehr. "Lieber gegen TTIP demonstrieren, als mit Pegida flanieren!" Und während sich der Demonstrationszug in Richtung Kanzleramt in Bewegung setzte, dachte ich: Das müssten sie sehen, die Pegida-Dresdner, ihre Befürworter und ihre Gegendemonstranten.

Aber von diesen Demonstranten hörte und las man erstaunlich wenig. Alle Journalisten, mit denen ich in den letzten Tagen sprach, wussten kaum, was ich meinte, wenn ich die fünfzigtausend (oder mehr) Demonstranten erwähnte, die ohne nennenswertes Polizeiaufgebot gegen die Politik der Bundesregierung auf die Straße gegangen waren. Hier wurde die Alternative sichtbar. Wir alle hätten nur hinhören und hinsehen müssen. Ja, müssen. Dass dies nicht geschah, darüber wundere ich mich - auch wenn mich Petra, Gisela und Dagmar dafür vielleicht belächeln.

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