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Nachruf: Paulo Mendes da Rocha:Ein Haus kann eine Brücke sein

Paulo Mendes da Rocha Lisbon 05 22 2015 The Brazilian modernist architect Paulo Mendes da Rocha

Paulo Mendes da Rocha, ein Pritzker-Preisträger, hier vor einem seiner Museumsbauten in Lissabon, prägte vor allem die brasilianische Moderne São Paulos.

(Foto: imago/GlobalImagens)

Der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha ist gestorben. Sein Name stand für eine brasilianische Moderne mit weniger Kurvenschwung, dafür mit mehr Rigorosität.

Von Peter Richter

Paulo Mendes da Rocha Lisbon 05 22 2015 The Brazilian modernist architect Paulo Mendes da Rocha

Paulo Mendes da Rocha, ein Pritzker-Preisträger, hier vor einem seiner Museumsbauten in Lissabon, prägte vor allem die brasilianische Moderne São Paulos.

(Foto: imago/GlobalImagens)

Paulo Mendes da Rocha war 1928 im vergleichsweise beschaulichen Vitória, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Espírito Santo, zur Welt gekommen. Doch als Architekt ist sein Name so untrennbar mit der Supermetropole São Paulo verbunden wie der von Oscar Niemeyer mit Rio de Janeiro. Und wenn da Rochas Name außerhalb der engeren Kreise von Architekturenthusiasten womöglich immer etwas im Schatten von Niemeyers gestanden haben sollte, obwohl ja beide jeweils mit dem Pritzker-Preis geadelt worden sind: dann spiegelt eigentlich auch das nur das spezifische Verhältnis zwischen der populären Stadt am Strand und dem Wirtschaftsmoloch im Binnenland. Es mögen zwar Klischees sein, wenn man Rio eine Tendenz zum Tänzelnden und Leichtlebigen nachsagt und São Paulo eine zu mehr Geradlinigkeit und Gravitas, aber auch Klischees haben nun einmal ihre Grundlagen, und man konnte sie in diesen beiden Architekten jedenfalls immer ganz gut verkörpert sehen. Was Mendes da Rocha gebaut hat, so könnte man vielleicht zusammenfassen, war brasilianische Moderne mit weniger Kurvenschwung, dafür aber mehr Rigorosität. Wobei Strenge und Wucht hier nicht einfach mit Gewicht zu übersetzen wäre, das plump auf den Boden drücken würde. Vielmehr ist es meistens so: Oben ist es schwer und unten luftig. Oben schwebt kantig der Sichtbeton, und unten ist Glas.

Dieses Schweben des Schweren ist mehr als nur ein ästhetisches Merkmal der Bauten von Paulo Mendes da Rocha. Es steht im Prinzip eine ganze Haltung dahinter, und es ist typisch für die ganze Escuela Paulista, die Schule von São Paulo, der Mendes da Rocha zuzuzählen ist, seit er einst als Assistent bei João Vilanova Artigas angefangen hatte. Der galt immer als der etwas intellektuellere, allerdings auch etwas sprödere Gegenpart zu Niemeyer, und aus dieser Lehrzeit hat Mendes da Rocha offensichtlich mitgenommen, dass ein Haus in São Paulo immer auch eine Brücke sein kann. Zumindest ist ein Haus in dieser Tradition immer zuerst einmal ein großes, schirmendes Dach aus Beton, ein Unterstand, der als Versammlungsort dienen und durch den die Winde und das soziale Leben hindurchpfeifen können, ohne von ausgrenzenden Mauern davon abgehalten zu werden.

Dicker Sichtbeton fasst frei fließende Räume so bergend ein, als wäre er nur Toastscheibe für ein Sandwich mit extra delikatem Inhalt

Das ist keine zu unterschätzende Geste in einer Stadt, die zwar scheinbar endlos in die Breite geht, aber nach innen gleichzeitig extrem dicht, eng und hart sein kann. Mendes da Rocha, der sich zur Linken zählte, hat vielmehr ein durchaus sozialpolitisches Statement daraus gemacht, dass der Boden allgemein verfügbar sein sollte - so sehr das unter den realen Bedingungen der Bodenverwertung dort auch Geste bleiben musste, die vor allem an öffentliche Gebäude gebunden war. Seine große Kollegin Lina Bo Bardi hat das bei ihrem Kunstmuseum von São Paulo nicht anders gehalten, das seither wie eine Seilbahn über einer dadurch erst geschaffenen Plaza neben der Avenida Paulista hängt. Der radikale über dem Boden schwebende Balken, in dem Mendes da Rocha seinerseits das brasilianische Skulpturenmuseum in São Paulo unterbrachte, wurde darüber gleich zu dessen markantestem Ausstellungsstück.

Die Verwandtschaft seiner Bauten zur Skulptur, vor allem aus der Ära der Minimal Art, ist aber auch in anderen Fällen schlagend. Manchmal vermitteln sie fast das Gefühl, man stehe vor einer Arbeit von Richard Serra mit Sanitäranlagen drin. Das trifft nicht zuletzt für die Preziosen zu, die er als Privathäuser errichtet hat: dicker Sichtbeton fasst da oft großzügig frei fließende Räume und Rampen, also Referenzen an Le Corbusier wie Mies van der Rohe, so bergend ein, als wäre er nur Toastscheibe für ein Sandwich mit extra delikatem Inhalt.

Erst 2018 hat Mendes da Rocha noch ein Werk fertiggestellt, dass mit seinem Rooftop-Pool auf den ersten Blick wie ein besonders luxuriöser Privatbau für reiche Paulistas wirkt, und auf den zweiten das genaue Gegenteil ist: ein Kulturzentrum des öffentlichen Serviço Social de Comércio, kurz Sesc, der kostengünstige Freizeitangebote für alle auf 14 Etagen stapelt, unten, selbstverständlich, mit freiem Wegerecht für die Öffentlichkeit. Zu Pfingsten ist dieser warmherzige Architekt der kühlen Formen mit 92 Jahren verstorben.

© SZ/beg
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Pressebilder: Boden für Alle / Architekturzentrum Wien

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