Oper in Stuttgart:Wundervolle Belästigung

Die Verurteilung des Lukullus

Das tönende Lehrstück wird zu einem durchgeknallten Bildertheater.

(Foto: Martin Sigmund)

Musiktheater auf neuer Umlaufbahn: Paul Dessaus Oper "Die Verurteilung des Lukullus" in Stuttgart.

Von Egbert Tholl, Stuttgart

Ende September dieses Jahres plädierte Viktor Schoner, Intendant der Stuttgarter Oper, in dieser Zeitung dafür, nach all den Lockdown-Erfahrungen nicht einfach da weiterzumachen, wo der Betrieb vor eineinhalb Jahren aufgehört hatte. "Welchen Künstlerinnen und Künstlern, die ebenso (sozial-)kompetent wie künstlerisch genial sind, bieten wir also unsere Institutionen als künstlerische Heimat an? Wir brauchen Genie ohne Wahnsinn." Was er nun erhält, ist eine genial wahnsinnige Aufführung.

Paul Dessaus Oper "Die Verurteilung des Lukullus" mutet in ihrer Originalgestalt wie ein knarrendes Stück real existierenden Musiktheater-Ssozialismus an. Auf Youtube kann man eine Inszenierung von Ruth Berghaus an der Ostberliner Staatsoper aus dem Jahr 1966 anschauen, das ist das Freudloseste und Humorbefreiteste, was man je gesehen hat. An der Staatsoper Stuttgart ist das nun anders. Völlig anders. Da wird das tönende Lehrstück zu einem überbordenden, durchgeknallten Bildertheater, für dessen umfassende Rezeption man alle der bislang fünf angesetzten Aufführungen in Anspruch nehmen müsste.

Der Hauptgrund dafür ist das Theater-Herstellungskollektiv "Hauen und Stechen", insbesondere Julia Lwowski und Franziska Kronfoth, die hier für die Regie im engeren Sinne verantwortlich sind. Ihre Tätigkeit bewegt sich grundsätzlich in dem engen Feld zwischen Genie und Wahnsinn; ihre letzte Großtat fand exakt am letzten theateroffenen Tag vor dem ersten Lockdown statt, da implantierten sie in Regensburg einen Techno-DJ in ihre per se schon irre Interpretation von Monteverdis "Orfeo".

Eine Generalabrechnung mit allen Kriegen, totalitären Systemen, Popanzen, nutzlosen Herrschern

Nun tun sie alles, um den Guckkasten der Stuttgarter Staatsoper zu sprengen, scheuchen den Chor im Foyer herum, bleiben dann aber doch bei der bürgerlichen Verabredung, dass die Kunst brav da vorne auf der Bühne stattzufinden hat, aber was da stattfindet, ist eine wundervolle Belästigung, eine Materialschlacht. Die 20 (!) Solisten und die Chor-Massen stecken in fantasievollen Kostümen (Yassu Yabara), die allein schon 1000 Assoziationen wecken, das Licht von Benedikt Zehm steuert den Blick hierhin und dorthin, gleichzeitig, die lebenden Figurinen auf der Bühne und auch viel Videomaterial künden von einer Generalabrechnung mit allen Kriegen, totalitären Systemen, Popanzen, nutzlosen Herrschern, egal ob in der Antike oder der jüngeren Vergangenheit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten Paul Dessau und Bertolt Brecht auf Umwegen aus Amerika nach Ostberlin zurück und bastelten aus Brechts Hörspiel "Das Verhör des Lukullus" ihre Oper als Beitrag zu einem neuen Kulturleben im sozialistischen Idealstaat. Der Idealstaat indes rückte dem Werk mit seiner Zensur zu Leibe, Titel und Schluss mussten geändert werden, die Musik teilweise auch. 1951 fand die Uraufführung statt, nach zehn Aufführungen wurde das Stück verboten, wurde aber im Westen gespielt. Von 1957 an erlebte es seine Renaissance in der DDR.

Es ist einer der am genauesten fokussierten Texte Brechts. In Rom wird der Feldherr Lukullus zu Grabe getragen, er gelangt in die Unterwelt und dort vor ein Tribunal aus einfachen Leuten, die entscheiden müssen, ob er in den Hades oder zu den Seligen gelangt. Lukullus - Gerhard Siegel bewältigt die extrem anspruchsvolle Tenorpartie beeindruckend - gibt mit seinen Taten an: sieben Könige gestürzt, 53 Städte verwüstet, Länder überfallen, Gold nach Rom geschleppt. Zeugen werden gehört, und in der eindrücklichsten Szene schildert das Fischweib (Maria Theresa Ullrich), dass sie und das einfache Volk von den erbeuteten Reichtümern gar nichts hatten und ihr Sohn auf den Feldzügen starb. Positiv für Lukullus spricht sein Koch, der wegen der Verfressenheit des Feldherrn ein reiches Betätigungsfeld hatte. Und der Kirschbaum. Ein Bäumchen brachte Lukullus aus Asien nach Rom, dafür brauchte er 80 000 Mann, es wird also nichts mit der Seligkeit.

Der Dirigent Bernhard Kontarsky, Jahrgang 1937, kannte Dessau noch; nun dirigiert er dessen Musik wie ein Wunder aus Klangschönheit und Raffinesse. Nichts erinnert an das Getröte vieler Brecht-Vertonungen, vieles ist Zukunftsmusik, Kintopp - und Trautonium. Das Trautonium ist ein Ursynthesizer, 1930 erfunden von Friedrich Trautwein zusammen mit Oskar Sala. Sala reiste damit zur Uraufführung, da war die Grenze noch offen, später behalf man sich in der DDR mit einer Orgel. Aber das Trautonium ist durch nichts zu ersetzen, und in Stuttgart hat man dafür den Münchner Virtuosen Peter Pichler. Rechts vorne sitzt er mit seinem geheimnisvoll leuchtenden Kasten voller Knöpfe und Schalter, es sirrt und fiept, ein Sound, den man mit nichts vergleichen kann und der hier mithilft, die ganze Aufführung in eine neu entdeckte Umlaufbahn des Musiktheaters zu beamen.

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