Patti Smith wird 70 Punk ist nur eine Frage der Disziplin

"Wer nicht hart arbeitet, wird es nie zu etwas bringen": Patti Smith im Juli beim Jazz-Festival in Montreux.

(Foto: imago)

"Wer nicht hart arbeitet, wird es nie zu etwas bringen", hat Patti Smith einmal gesagt. Nun feiert die Musikerin, Literatin und jawohl, Halbikone 70. Geburtstag.

Von Juliane Liebert

Wenn es zutrifft, dass alles, was man über andere sagt, eigentlich einem selbst gilt, wird es leicht, Patti Smith zu beschreiben. Denn gesagt hat sie viel. Wer ist Patti Smith? Dichterin, Musikerin, Literatin, Künstlerin und Aktivistin, "Hohepriesterin des Rock". Leer gewordene Worte über eine Frau, eine Musik, die schon lange im Konsens des Konsenses dümpelt, ohne ihre Dringlichkeit einzubüßen. Die Parameter ihrer Geschichte längst abgesteckt: das Chelsea Hotel, die Freundschaft zum Fotografen Robert Mapplethorpe. Smith als dünne, wildäugige Rebellin, zugleich feministische Ikone und irgendwie übergeschlechtlich, weil sie sich nie in erster Linie als Frau präsentiert hat und auch nicht so wahrgenommen wurde.

"Sie wurde als ein Kind beschrieben, das die Augen einer halbgezähmten Kreatur hatte, angezogen vom Unnatürlichen, mit einer Vorliebe dafür, stürmische Märchen zu improvisieren", schreibt Patti Smith in ihrer Einleitung zu Emily Brontës Roman "Sturmhöhe", also über sich selbst. Sätze, die man ermüdend finden kann. Weil Smith' Musik eben auch überenergetisch pathetisch ist, von einem teils lähmend hochkünstlerischen Anspruch getragen und die Songs zum Teil tausend Jahre dauern. Die Künstlerin als Pose, die Person wurde, und dann wieder Pose.

Doch es lohnt, der Ikonen überdrüssig zu sein, um sie wieder sehen zu können. Im Inneren ihres Albums "Wave" von 1979 ist ein Zitat von Rainer Maria Rilke zu lesen: "Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist." Gilt das nicht ebenso für die Liebe des Publikums zu seinen Ikonen, seien es Ikonen der Sprache, der Kunst, vor allem und immer: der Musik?

Genau, ihre Musik. Schon ihre frühen Platten synthetisieren Velvet Underground, Janis Joplin (also jedenfalls Bluesrock) und Spoken Word - kein Mensch kann sagen, zu was eigentlich. Nur, dass daraus schon der klassische Punk zu winken scheint, ist klar. Ihr Gesang klingt mal wie ein zürnendes Jauchzen, mal wie eine Turboversion von Nico. Diese Wechsel von klassischem Gesangsgestus und Punkgequäke sind ihr Markenzeichen, ein animalischer Verismo. Wenn man eine Platte gehört hat, spürt man ein wenig Mitleid mit den Songs, weil es scheint, als würden sie bis zur Erschöpfung von Patti Smith zerschunden, mit einem Tritt auf Vinyl befördert und der Welt zu Fraß vorgeworfen, auf dass die sich an ihnen verschlucke.

Patti Smith Patti Smith, Bob Dylans Stellvertretung in Stockholm
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Patti Smith, Bob Dylans Stellvertretung in Stockholm

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Ebenfalls 1979, der 22. April. Die Patti Smith Group spielt im Rockpalast ihr Cover von "Gloria", ein brutales Gebet, der Brückenschlag zwischen Gedicht, Rock und Punk. Ein Fan springt auf die Bühne, die Security zieht ihn hinunter, Patti Smith packt ihn am Hemd und will ihn wieder hinaufziehen. Der Kampf dauert nur Sekunden, dann ist der verdatterte Fan wieder auf der Bühne, nachdem Smith selbst beinahe hinuntergestürzt ist. Sie singt weiter.

Vierzig Jahre später, im Oktober vergangenen Jahres, liest Patti Smith in der Dominican University in Illinois aus "M Train", als eine Frau aufsteht, sagt, sie habe eine Tasche mit Sachen, die Smith gehören. Sie wolle sie ihr zurückgeben. Smith öffnet sie und erstarrt. Es sind Kleidungsstücke, die vor 40 Jahren mit ihrem Tourbus in Chicago gestohlen wurden. Sie zieht die Klamotten heraus, darunter das T-Shirt, das sie auf dem Rolling Stone-Cover trug, das Keith-Richards-T-Shirt, und, ganz unten, ein Bandana, das ihrem verstorbenen Bruder gehörte. Sie beginnt zu weinen.

Zwei Momente, die mehr über Patti Smith sagen als ihr Auftritt zur Nobelpreisverleihung an Bob Dylan. Denn eine selten gezogene, aber wesentliche Verbindung ist die von Fleiß und Punk, Punk und Disziplin. "Wer nicht hart arbeitet, wird es nie zu etwas bringen", sagte sie der SZ: "Dass Warhol nur mit Rumstehen Warhol wurde, ist ein Mythos. Er hat hart gearbeitet."

Literaturnobelpreis "Es tut mir leid, ich bin so nervös" Bilder
Patti Smith bei der Nobelpreisverleihung

"Es tut mir leid, ich bin so nervös"

Persönlich wollte Bob Dylan nicht zur Nobelpreis-Verleihung kommen, ließ aber seine alte Freundin Patti Smith einen seiner Songs vortragen.

Wie sinnlos es ist, aus einem Leben Schlüsse auf eine Identität zu ziehen, kann man bei Patti Smith besonders gut lernen. Einerseits ist sie der Punk-Waldschrat, andererseits aber auch geprägt von Warhol, der Beatpoetry, steht also in ständigem Kontakt mit Meistern der Inszenierung, mit regelrechten Ikonenfabrikanten. Ist sie selbst nur ein Ergebnis der Ikonenfabrik New York? Natürlich nicht. Sie bleibt doppeldeutig, während Künstler wie Warhol von ihrer Kunstfigur absorbiert wurden. Sie ist mittendrin und Randfigur zugleich. Eine Halbikone. Keine Hohepriesterin, sondern eine fleißige, kluge Frau.

Patti Smith wird nun 70 Jahre alt. Wenn es zutrifft, dass man alles, was man über andere sagt, über sich selbst sagt, man könnte ihr in ihren eigenen Worten gratulieren, die sie einst Robert Mapplethorpe schrieb: "Am Nachmittag, als du auf meiner Schulter eingeschlafen bist, bin ich auch weggedöst. Aber ehe ich das tat, als ich mir all deine Sachen und deine Arbeiten ansah und die Jahre der Arbeit in meinem Kopf durchging, fiel mir auf, dass von all deinen Kunstwerken du immer noch dein schönstes bist. Das schönste Werk von allen. Patti."