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Profil:Patti Smith, Bob Dylans Stellvertretung in Stockholm

Patti Smith

Offensichtlich ahnte Dylan schon vor 41 Jahren, dass Patti Smith so etwas wie seine Erbin ist.

(Foto: AP)

Als Musikerin und Dichterin prägt Patti Smith die Gegenwart ebenso wie als Literatin, Künstlerin und Aktivistin. Nun vertritt sie Bob Dylan bei der Nobelpreisverleihung.

Es ist schon konsequent, dass die Dichterin und Sängerin Patti Smith bei der diesjährigen Literaturnobelpreis-Verleihung an diesem Samstag, 10. Dezember, den Preisträger Bob Dylan vertritt. Sie wird die Dankesrede verlesen, die er geschrieben hat und ihm damit eine große Last abnehmen, weil Bob Dylan ungern in der Öffentlichkeit spricht. Sie kann sich damit für so einige großzügige Gesten revanchieren, mit denen ihr Dylan über die Jahre geholfen hat.

Dabei hatten sich die beiden unter eher schwierigen Bedingungen kennengelernt, wobei es vor allem Patti Smith war, die schwierig war, was beim notorisch maulfaulen und kratzbürstigen Bob Dylan schon was heißen will. Das war im Sommer 1975 im "Bitter End", einem der Folkmusikläden im New Yorker Greenwich Village, in denen Dylan zehn Jahre zuvor angefangen hatte. Patti Smith hatte keinen Plattenvertrag und ihre Band noch nicht einmal einen Schlagzeuger. Die damals 28-Jährige aus New Jersey hatte sich auch erst im Jahr davor entschlossen, Musikerin in New York zu werden. Eigentlich schrieb sie Gedichte. Aber weil man mit Gedichten nicht besonders viele Menschen erreicht und vor allem kein Geld verdient, gründete sie eben eine Band.

Irgendjemand steckte ihr, dass Dylan im Club sei, worauf sie den ganzen Abend über respektlose Anspielungen machte, die fast niemand verstand, nur Dylan selbst. Der dann trotzdem hinter die Bühne kam, weil er die junge Dichterin so faszinierend fand. Dort pöbelten sich die beiden noch ein wenig an. Aber schon ein paar Tage später trafen sie sich zufällig auf der Straße, und so begann diese lange Freundschaft.

Dylan rettete Patti Smith später sogar das Leben. Es ist jetzt auf die Woche genau 21 Jahre her, dass er sie mit auf seine Tour nahm. Damals, im Dezember 1995, hatte sich Patti Smith schon 15 Jahre weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, weil sie mit ihrem Mann, dem ehemaligen MC5-Gitarristen Fred "Sonic" Smith, lieber eine Familie aufziehen wollte, anstatt zu touren.

1994 starb er, kurz darauf auch ihr Bruder Todd. Gute Freunde rieten ihr damals, doch wieder auf Tour zu gehen, um der tiefen Trauer zu entkommen. Bob Dylan gab ihr die Chance. Seit dieser Tour ist Patti Smith wieder so präsent wie damals in den späten Siebzigern, als sie mit Alben wie "Horses" und "Easter" als Wegbereiterin des Punk galt.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde aus der zornigen Punk-Dichterin eine Figur, die das Erbe der großen Dichtermusiker wie Dylan und Leonard Cohen in die nächste Generation trug. Geehrt wurde sie für beides. 2007 wurde sie in das Pantheon der Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Drei Jahre später bekam sie für ihre Memoiren über ihre Zeit mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe auch den National Book Award.

Ihre Rolle im transatlantischen Kulturkanon ist aber viel größer als ihre Musik und ihre Gedichte. Mag sein, dass man ihre antireligiöse Version des Beat-Klassikers "Gloria" inzwischen auf Verkehrsfunksendern spielt, auch wenn sie den Song begann mit der Zeile "Jesus starb für irgendjemandes Sünden, aber nicht für meine". Auch "Because The Night" gehört längst zum Classic-Rock-Repertoire, der Song, den ihr Bruce Springsteen damals schenkte, als Patti Smith "Easter" aufnahm und er im Studio nebenan fand, er bringe auf seinem Album "Darkness on the Edge of Town" nicht noch ein Liebeslied unter.

In ihrer Spätphase hat Patti Smith Genregrenzen allerdings weit hinter sich gelassen. Sie hat die Gegenwart als Dichterin und Musikerin so geprägt wie als Literatin, Künstlerin und Aktivistin. Das erinnert an Bob Dylan, der sich noch nie um Grenzen scherte. Und der offensichtlich schon im Sommer vor 41 Jahren geahnt hat, dass da so etwas wie seine Erbin auf der Bühne steht. Die ihn nun in Stockholm vertreten wird.

© SZ vom 10.12.2016

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