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"Paradiesghetto" von Eberhard Rathgeb:Auch ohne Demenz absonderlich

Als "Chor" der Stimmen sind die Töchter häufig anwesend. Ebenso wie der verstorbene Mann immer wieder im Lehnstuhl sitzt oder im Ehebett schnarcht, bevor Eliza neben sich greift und bemerkt, dass seine Hälfte leer ist. Der heitere Vater, offenbar der einzige Mensch, den Eliza bedingungslos geliebt hat, ist der lebhafteste Gast ihrer Erinnerungen. Gelegentlich kommt auch die Mutter vorbei, deren mürrisches Wesen die Tochter verachtet, die ihr doch so ähnlich ist.

Wie die Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit alter Menschen auch ohne Demenz ins Absonderliche kippen kann, zeigt dieser Roman auf eine Weise, die gleichermaßen anrührend wie erschreckend ist. Vieles, was Eliza geschieht, kennt man vom Umgang mit alten Menschen. Während die eigene Familie mit ihrer vitalen Umtriebigkeit umso suspekter wird, je weniger es gelingt, Interesse für Dinge aufzubringen, die nie mehr im Radius eigener Möglichkeiten liegen werden - all die Sporterfolge, Reisen und Karriereschritte -, wird die Herkunftsfamilie immer wichtiger.

Sich selbst als Kind zu imaginieren, ist für Eliza wie ein Schutzwall, hinter dem sie in Deckung geht. Sie glaubt, dass ihre Töchter, die doch so demonstrativ im Leben stehen, ihre Anerkennung nicht mehr brauchen. Doch selbst im Echo ihrer verzerrten Wahrnehmung lässt sich erkennen, dass auch ihnen ein freundliches Wort gelegentlich gut täte. Elizas Alltag ist gepflastert mit Selbstermahnungen und Standardsätzen: Kein Wunder, wenn man nicht weiß, wie man sich morgens dazu überreden soll, aufzustehen, und abends die Kraft fehlt, sich aus dem Sessel zu wuchten, um ins Bett zu gehen.

Ghetto der Alters-Isolation

Rathgeb erkundet Elizas Welt Detail für Detail, bis hin zu ihrem Verdacht, ihre Töchter brächten nicht aus Rücksicht neuerdings etwas zu essen mit, sondern weil sie sich in ihrem Haushalt ekeln. Sobald sie das Haus betreten, lauert sie schon darauf, welchen Vorwand sie finden werden, um es möglichst bald zu verlassen. Für den Echoraum der Einsamkeit findet der Autor ein riskantes, aber tragfähiges Bild. "Paradiesghetto" nannten die Nazis das Konzentrationslager Theresienstadt.

Im Ghetto ihrer Alters-Isolation, in dem die Beschäftigung mit dem Dritten Reich zu einer "Art Joker" im "Spiel gegen die Einsamkeit" wird, fühlt sich auch seine Hauptfigur. In einer gewagten Verschmelzung von Täter- und Opferrolle identifiziert sie sich nicht nur mit den ermordeten Juden, sondern auch mit einem der Mörder. Zeit ihres Lebens hat sie ihren Töchtern mehr über Eichmann erzählt als über deren argentinische Tanten (oder gar über die Nazi-Verstrickungen ihres Vaters, die sie bis zum Schluss nur unterbewusst wahrnimmt).

Nun schaut sie auf ihrem neu erworbenen Computer nächtelang Filme über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Und spürt plötzlich Sympathie mit dem Mann in der Glaszelle, seiner "monströsen Einsamkeit" wegen, in der sie die eigene Verlorenheit erkennt und wohl auch die ihres Vaters in späteren Jahren. Dass Rathgeb diese Konstruktion ohne Peinlichkeit ins Ziel bringt, ist ein beachtliches Kunststück. Nach "Ein Paar wie wir", seinem Roman über zwei Schwestern, ist auch "Paradiesghetto" ein sprachgenaues Frauenporträt. Seine Düsternis kann einen das Fürchten lehren.

© SZ vom 30.09.2014/mkoh

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