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"Paradiesghetto" von Eberhard Rathgeb:Das Grab, der Hund und Eichmann

In seinem zweiten Roman "Paradiesghetto" erkundet Eberhard Rathgeb die Innenwelt einer alten Deutschen, die ihr Leben der Erinnerung an den Holocaust gewidmet hat. Ein sprachgenaues Frauenporträt.

Von Meike Fessmann

Als Kugel aus Blei will die Welt der alten Eliza erscheinen, eine Kugel, die schwer auf ihrer Brust lastet und ihr den Atem nimmt. Vielleicht ist das Alter genau dies: dass die Welt eng und enger wird, bis alle Spielräume verschwunden sind. "Paradiesghetto", der zweite Roman von Eberhard Rathgeb, erzählt von einer einundachtzigjährigen Witwe, deren Mann früh gestorben ist. Ihre vier Töchter wohnen mit ihren Familien ganz in der Nähe, kommen aber nur selten zu Besuch. Sie haben ihr einen Hund geschenkt - damit sie sich mehr bewegt und nicht so alleine ist.

Es ist eine Allerweltsgeschichte vom Alter, auch wenn der Lebenslauf der Heldin nicht ganz gewöhnlich ist. Die in Berlin geborene Eliza wuchs in Buenos Aires auf und zog 1961 als junge Ehefrau mit ihrem Mann recht widerwillig in die deutsche Provinz. Die Judenvernichtung und der fortdauernde Antisemitismus haben sie ihr Leben lang beschäftigt, während sich ihr Mann für die Geschichte der Wehrmacht interessierte. Und sie hat ihre Töchter ausgiebig damit traktiert, ihnen die Sattheit ihres Lebens vorgeworfen, ihre besinnungslose Suche nach Glück. Nun, wo sie auf den Tod wartet, nimmt ihre Beschäftigung mit der deutschen Geschichte absonderliche Züge an, während die Kindheit immer paradiesischer erscheint.

Eberhard Rathgeb: Paradiesghetto

Eine Leseprobe des Romans stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Umsichtig und genau erzählt Eberhard Rathgeb vom zu Ende gehenden Leben seiner Hauptfigur. Ihr Tod steht ganz am Anfang. Die Beerdigung bildet auf knapp drei Seiten den Auftakt des Romans, bevor wir in das Bewusstsein Elizas abtauchen, in eine Schattenwelt aus Erinnerungen, Vorstellungen und Selbstgesprächen. "Das Haus, das Grab, der Hund und der Garten" bilden Elizas Umkreis, "ein exterritoriales Gebiet", das "nicht zu Deutschland gehörte", wie es einmal heißt, "groß genug, um dort ungestört auf den Tod warten zu können."

Was ist Realität und was Imagination

Der Hund ist ihr einziger Gefährte, sie herrscht ihn an, obwohl sie weiß, dass sie ihn braucht. Eine Ukrainerin bringt ein bisschen Leben ins Haus, wenn sie einmal pro Woche bei ihr putzt. Manchmal fährt Eliza mit dem Bus in den Ort, um besondere Dinge einzukaufen, Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke für die Enkel beispielsweise. Und beinahe täglich geht sie zum Supermarkt, auch wenn sie fast nichts mehr braucht, einfach um unter Menschen zu sein. Zuverlässig fragen die Kassiererinnen, wie es ihr geht. Wenn sie tot sein wird, so stellt sie sich vor, wird es eine Supermarktkassiererin sein, die ihr Ausbleiben bemerkt und abends noch rasch an ihrem Haus vorbeigeht.

Und was ist mit den Töchtern? Wenn sie schon zum Ärger der Mutter, die gern Medizin studiert hätte, "Frauenberufe" gelernt haben, wie kann es da sein, dass sie sich so wenig um sie kümmern? Es ist der entscheidende Kunstgriff des Romans, sich ganz auf das Bewusstsein der Hauptfigur zu konzentrieren. Was die Töchter tun und lassen, bildet sich nur in der Wahrnehmung der Mutter ab. Wir wissen selten genau, was Realität ist und was Imagination. Sitzen die Töchter tatsächlich alle vier auf dem Sofa, wie eine Phalanx, die sich gegen die mütterlichen Angriffe wehrt, oder handelt es sich um ein Erinnerungsbild oder gar eine gehässige Vorstellung?

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