Ukrainisches Tagebuch:Nur Staub und Asche

Ukrainisches Tagebuch: Oxana Matiychuk arbeitet an der Universität von Tscherniwzi (Czernowitz) im Westen der Ukraine.

Oxana Matiychuk arbeitet an der Universität von Tscherniwzi (Czernowitz) im Westen der Ukraine.

(Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung:SZ)

"Auf die Gräber gehen" ist eine ukrainische Tradition. Nun aber zeigt sich: Der Krieg zerstört auch Orte des Gedenkens.

Von Oxana Matiychuk

Grabpflege in der Vorosterzeit ist in der Ukraine eine Tradition, eine Pflicht, eine Form, wie wir unserer Toten gedenken. "Auf die Gräber gehen", heißt es. Alle Gräber unserer Familie, bis auf das meines Vaters, sind im galizischen Dorf, wo beide Eltern herkommen. Meine Schwester und ich kümmern uns um die Ruhestätten unserer Vorfahren mütterlicherseits, unsere Cousine um die anderen väterlicherseits, es sind zwei verschiedene Friedhöfe, weil es ursprünglich zwei Orte waren, getrennt durch den Fluss Seret.

Zwei Wochen vor Ostern fahren wir hin, um unsere Pflicht zu erledigen, auch wenn wir kein Haus und keinen Hof mehr im Ort haben. Das galizische Dorf befindet sich sehr weit weg vom Kriegsgeschehen, doch der Krieg - nicht nur der gegenwärtige - ist in seiner subtilen Form auch dort. Die Grabinschrift für meinen Urgroßvater mütterlicherseits lautet: "Für das Heimatland im Krieg 1915 gefallen". Aber er liegt nicht neben seiner Frau, die mit 20 Witwe wurde und 82 Jahre gelebt hatte. Es ist nur der alte Grabstein, der an ihn erinnert, sonst weiß man nur, dass er in den Karpaten gefallen ist, irgendwo. Die Inschrift am Doppelgrab, wo meine Oma und ihr Vater begraben sind, erinnert auch an meinen Großvater mütterlicherseits, dessen sterbliche Überreste ebenfalls weit weg von seinem Heimatort liegen. Wo genau, wissen wir ebenfalls nicht, er wurde vermisst, der letzte Brief kam aus Königsberg. "Im Krieg gefallen 1945". Beide Kriege waren Vergangenheit für uns, vom Urgroßvater gibt es nicht einmal ein Foto, vom Großvater immerhin eines oder zwei. Ähnliche Geschichten gibt es im Dorf mehrfach.

Jetzt wird eine neue Kriegsgeschichte geschrieben, auf dem neuen Friedhofsteil ist ein Grab mit der Nationalflagge und den präzisen Lebensdaten: "31.07.1990 - 9.07.2022". Es ist der erste Gefallene aus dem Dorf mit knapp anderthalb tausend Einwohnern, der Sohn einer Cousine dritten Grades; die Verwandtschaft auf dem Land ist eng, man kennt sich gut. Etwa achtzig Männer aus dem Ort sind an der Front, man möchte nicht daran denken, dass hier noch weitere Gräber entstehen könnten.

Ukrainisches Tagebuch: Ein Soldatenfriedhof im ukrainischen Lwiw.

Ein Soldatenfriedhof im ukrainischen Lwiw.

(Foto: Adrien Fillon/Imago)

Auf der Fahrt zurück in die Stadt erhalte ich eine Nachricht von V., der Hautärztin aus Welykyj Kutschuriw, einer von "meinen" Binnengeflüchteten, mit der ich regelmäßig in Kontakt bin. V. bittet mich, ein Schreiben ins Deutsche zu übersetzen, über eine Hilfsorganisation versucht sie ein Gerät zur Hochfrequenz-Elektrochirurgie zu bekommen, das sie für die Behandlung ihrer Patienten braucht. Es wurde ihr geraten, das Anliegen schriftlich zu formulieren. Ich verspreche, es später zu übersetzen. Auf ihre Frage, was ich gerade mache, schreibe ich über die Grabpflege. V.s Reaktion kommt prompt: "Ich sehne mich so danach, auf unseren Friedhof zu gehen. Alle meine Lieben blieben dort: Vater, Bruder, Oma, Opa, Stiefvater. Ich kümmerte mich jedes Jahr um die Gräber, vor zwei Jahren machten wir neue Grabsteine, pflanzten viele Blumen und Sträucher ein. Und jetzt sahen wir eine Drohnenaufnahme, alles ist schwarz dort ..."

V. meint die Gegend um Wolnowacha und Wuhledar im Donbass, wo die schweren Kämpfe seit Monaten die Orte von Lebenden und Toten verwüsten. Ich denke dabei an die Worte einer anderen jungen Frau aus Marjinka im Großraum Donezk, die sagte, der Friedhof, auf dem ihre Großeltern liegen, sei nur noch Staub und Asche. Ich versuche, mir das vorzustellen, aber meine Vorstellungskraft scheitert. Ein Friedhof, wo Stein, Holz und Metall über der Asche der Verstorbenen Wache halten soll, wird selbst zu Asche und Staub. Moderne Fernwaffen können das: Ein Ort des Gedenkens mit vielen, vielen Orten der persönlichen Erinnerung wird zunichte gemacht. Ob man später wenigstens die Umrisse der Gräber erkennen kann?

Ich mache die Übersetzung für V. und suche danach Informationen über einen bestimmten Ort in der Region Charkiw für einen Bekannten in Deutschland. Dabei stoße ich auf ein Nachrichtenportal des Gebiets. In einem Beitrag von 30. März 2023 wird vor Friedhofsbesuchen gewarnt, mehrere Friedhöfe sind komplett gesperrt - sie sind vermint oder es besteht eine erhöhte Blindgängergefahr. "Viele Einwohner in Charkiw und der Region dürfen auch in diesem Jahr keine Friedhofsbesuche zu Ostern machen", lautet der erste Satz. Aber immerhin, so ließe sich ergänzen, haben sie dort noch Hoffnung, die Gräber ihrer Lieben irgendwann wiederzusehen. Für viele andere Menschen in der Ukraine ist das gar nicht mehr möglich.

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