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Oper:Spiel auf Leben und Tod

Die Haare zerzaust, das Makeup verschmiert: Aus dem Mädchen Manon (Eleonore Marguerre) ist ein Häufchen Elend geworden.

(Foto: Ludwig Olah)

Tatjana Gürbaca inszeniert "Manon" in Nürnberg als Varieté-Show

Die ganze Welt ein Varieté, Zirkus oder Bordell, die Männer Zuhälter oder Freier, die Frauen allesamt ihren Körper zur Schau stellend und ihn verkau-fend in einer kalten, schwarzen, variablen Gitterkonstruktion, die gerahmt wird von zahllosen meist rot blinkenden Lämp-chen (Bühne: Marc Weeger). So bringt Tatjana Gürbaca im Nürnberger Opernhaus ihre Inszenierung von Jules Massenets "Manon" aus dem Jahr 1884 auf einen plakativen Nenner. Eine derart schonungslose Sicht auf die Gesellschaft, in der die Männer sich alles rücksichtslos nehmen, und auf das Schicksal eines zunächst verhuschten Mädchens, das seine Liebe zu Des Grieux immer wieder für Reichtum und Glamour verrät und dabei selbst verraten wird, hätte spannend werden können. Doch das im 18. Jahrhundert spielende Geschehen, das hier in verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, kommt über weite Strecken allzu platt daher.

Erst in der zweiten Hälfte schärft sich das Profil, verteilt der von der versammelten Weiblichkeit nicht nur ob seiner Predigten angehimmelte Priester Des Grieux, der im Kloster Manon vergeblich vergessen will, Hostien. Im Kasino wird nicht nur um Geld, sondern Russisch Roulette mit tödlichen Folgen gespielt; ein Heer von lächerlichen Soldaten in kurzen Hosen mit herabhängenden Hosenträgern verhindert bis kurz vor Schluss, dass sich die abgemagerte Manon, wegen Falschspiels in die amerikanischen Kolonien verbannt, ein letztes Mal ihrem Des Grieux nähern kann.

Das Makeup verschmiert, die Augen rotgeweint, die Haare verblichen: Aus dem schüchternen Mädchen des Beginns, gekleidet im Look der 1940er Jahren und wie viele andere Frauen hier mit ihrem Pass um Einreise bittend und wohl zur Arbeit als Prostituierte gezwungen, ist ein Häuflein Elend geworden. Sie stirbt in den Armen Des Grieux', nicht ohne zuvor, welch' Hohn, ihren Pass zurückzubekommen.

So wenig das plötzliche sich ineinander Verlieben von Manon und Des Grieux im ersten Akt plausibel wird, indem sie ihm die Chips-Tüte klaut, so eindimensional ist der angebliche Cousin Manons (Levent Bakirci) im Ledergeschirr auf nackter Haut oder einer der Männer, die sie anbe-ten, im Fummel und auf High Heels (Kostü-me: Silke Willrett). Doch der Abend ist einschließlich der Nebenfiguren trefflich besetzt. Vor allem Eleonore Marguerre in der Titelpartie ist nicht nur musikalisch großartig: Sie kann das schüchterne Mädchen vom Beginn der Oper ebenso verkörpern wie die Liebende und eine von Reichtum und Schönheit geblendete Frau. Dabei verfügt Marguerre über alle gesanglichen Register vom rein Lyrischen bis zur leidenschaftlichen Attacke und singt ebenso geschmeidig, wie sie die Spitzentöne mühelos trifft.

Etwas steif im Spiel und Manon auch musikalisch nicht immer ganz ebenbürtig, wenngleich wie sie gutes Französisch singend: Tadeusz Szlenkier als Des Grieux mit wahrhaft schönem, tragfähigem Tenor, der beim Piano in der Höhe leider öfters in die Kopfstimme ausweichen muss.

Ein großes Plus der Aufführung, bei der in der Originalsprache gesungen, auf Deutsch jedoch zahlreiche kurze Passagen zur Musik gesprochen werden, ist auch das Orchester unter Guido Johannes Rumstadt. Die Staatsphilharmonie Nürnberg vermag die reiche, spätromantische Klangpalette Massenets in ihrer ganzen Breite zu entfalten, ohne je fett zu klingen. So fin-det das eigentliche Drama im Orchester und in den Singstimmen statt, zumal auch der Chor des Staatstheaters Nürnberg mu-sikalisch wie im Spiel souverän und flexibel reagiert.

© SZ vom 20.01.2020
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